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Iran greift US-Stützpunkt Diego Garcia an: Das steckt dahinter

FILE - This image released by the U.S. Navy shows an aerial view of Diego Garcia in the Chagos Island group. (U.S. Navy via AP, File)
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Dieses von der U.S. Navy veröffentlichte Bild zeigt eine Luftaufnahme von Diego Garcia, einem Atoll des Chagos-Archipels.Bild: keystone

Iran greift US-Stützpunkt Diego Garcia an – und überrascht Experten

Der Iran hat die von den USA und Grossbritannien genutzte Basis Diego Garcia im Indischen Ozean attackiert. Der Angriff stellt Militärexperten vor Fragen – mit solch einer Reichweite hatte kaum jemand gerechnet.
21.03.2026, 17:3321.03.2026, 17:38
Simon Cleven / t-online
Ein Artikel von
t-online

Der Iran hat nach Angaben des Staatsfernsehens zwei ballistische Raketen auf einen von Grossbritannien und den USA gemeinsam genutzten Militärstützpunkt auf der Insel Diego Garcia abgefeuert.

Keines der beiden Geschosse habe die Militärbasis im Indischen Ozean getroffen, berichteten das «Wall Street Journal» und der Sender CNN unter Berufung auf ranghohe US-Beamte. Demnach versagte eines während des Fluges, das andere wurde der Zeitung zufolge von einer Abfangrakete angegriffen, die von einem US-Kriegsschiff abgefeuert wurde. Ob die iranische Rakete getroffen wurde, war dem Bericht zufolge unklar.

Die Raketenangriffe überraschten Experten: Bislang galt die Annahme, dass das Regime keine Geschosse mit einer solchen Reichweite in seinem Arsenal habe. Diego Garcia liegt rund 4'000 Kilometer vom Iran entfernt. t-online gibt einen Überblick darüber, was bislang über den Angriff bekannt ist.

Wo liegt der Stützpunkt Diego Garcia?

Diego Garcia ist das grösste Atoll des Chagos-Archipels im Indischen Ozean. Das Gebiet gehört zum Britischen Territorium im Indischen Ozean und wird militärisch von Grossbritannien und den USA genutzt. Es liegt fernab der grossen Landmassen, mehrere Hundert Kilometer südlich der Malediven und weit westlich von Australien.

Welche Bedeutung hat der Stützpunkt?

Die Basis verfügt über eine rund 3,6 km lange Landebahn. Sie ist für schwere strategische Bomber ausgelegt. Der Hafen kann grosse Flugzeugträgergruppen und Versorgungsschiffe aufnehmen. Schweres Militärgerät kann im Krisenfall schnell in den Persischen Golf verschifft werden.

Auf der Insel gibt es eine Bodenstation für das globale Navigationssatellitensystem GPS sowie Weltraumüberwachungs- und Kommunikationsanlagen. Weil der Stützpunkt abgeschieden liegt und dennoch grosse Reichweiten ermöglicht, gilt er als ein strategischer Schlüsselpunkt der US‑britischen Militärpräsenz im Indischen Ozean.

Welche Bedeutung hat der Raketenangriff?

Diego Garcia galt bislang als unantastbares Hinterland. Der Stützpunkt liegt etwa 4'000 Kilometer südöstlich der iranischen Küste. Dieser Distanz kommt militärstrategisch grosse Bedeutung zu. Sie lag bis jetzt ausserhalb der offiziell bestätigten Reichweite des iranischen Raketenarsenals von 2'000 Kilometern.

Es gab schon lange Befürchtungen, dass der Iran über die technologischen Mittel verfügt, den Radius über die bisherigen 2'000 Kilometer hinaus zu verdoppeln. Iranische Raketen könnten dann theoretisch nicht nur Deutschland, sondern auch Süd-, West- und Nordeuropa erreichen.

Wie äussert sich der Iran?

Iranische Staatsmedien stellten den Angriff als Beweis militärischer Stärke dar. Die den Revolutionsgarden nahestehende Nachrichtenagentur Fars behauptete, der Iran könne auch Europa erreichen. Die Raketenkapazitäten des des Iran bestünden weiterhin und widerlegten die Behauptung von US-Präsident Donald Trump, dass diese zu 100 Prozent zerstört worden seien.

Die Revolutionsgarden erklärten im Staatsfunk, man spreche mit den Gegnern nur noch eine Sprache der militärischen Stärke. Diese Stärke habe man auch in der Strasse von Hormus bewiesen. Die Garden behaupteten, Israel, die USA und der Westen hätten ihr Ansehen verloren und spielten keine Rolle mehr in der Region. «Wir haben die Kontrolle über den Himmel über euren Köpfen», hiess es weiter.

Beobachter sehen darin demonstratives Selbstbewusstsein und den Versuch, die innenpolitische Macht der Revolutionsgarden zu unterstreichen. Israel und die USA haben nach drei Wochen Krieg die Lufthoheit über dem Iran.

Wie reagieren die USA und Grossbritannien?

Ein britischer Regierungsvertreter bestätigte der Nachrichtenagentur AFP am Samstag einen Bericht der US-Zeitung «Wall Street Journal» vom Vortag, wonach der Iran den Stützpunkt im Indischen Ozean attackiert hatte. Der britische Regierungsvertreter sprach von einem «erfolglosen Angriff». Weitere Angaben zu dem Angriff wurden zunächst nicht gemacht.

Am Samstag erklärte ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums, «die rücksichtslosen Angriffe des Iran, die sich über die gesamte Region erstrecken und die Strasse von Hormus als Geisel nehmen», stellten eine Bedrohung für britische Interessen und britische Verbündete dar. Die Regierung von Premierminister Keir Starmer habe den USA «die Erlaubnis erteilt, britische Stützpunkte für spezifische und begrenzte Verteidigungseinsätze zu nutzen».

Das Weisse Haus hat sich bislang nicht offiziell zu dem Angriff auf Diego Garcia geäussert.

Was sagen Experten?

Der Nahost-Experte Nawaf al-Thani schrieb auf der Online-Plattform X: «Die eigentliche Frage ist nicht, ob die Rakete abgefangen wurde. Es geht vielmehr darum, dass der Iran möglicherweise eine Reichweite unter Beweis gestellt hat, die weit über das hinausgeht, was ein Grossteil der Welt ihm zugetraut hätte. Eine Reichweite von 4'000 Kilometern verändert die Lage grundlegend.»

Danny Citrinowicz, einer der führenden Iran-Experten, erklärte auf X, der jüngste Raketenangriff sei eine direkte Folge der sich wandelnden Machtverhältnisse im Iran – insbesondere der zunehmenden Dominanz der Revolutionsgarden und des Todes von Revolutionsführer Ali Chamenei. «Trotz seiner tiefen ideologischen Feindseligkeit gegenüber dem Westen ging Chamenei beim Einsatz der iranischen Streitkräfte mit grosser Zurückhaltung vor. Diese Zurückhaltung ist nun nicht mehr gewährleistet.»

Farzin Nadimi, Iran-Experte der US-Denkfabrik Washington Institute, sagte dem «Wall Street Journal», dass der Iran den Angriff auf Diego Garcia wohl über einen längeren Zeitraum geplant habe. Teheran sehe die Militärbasis als den wahrscheinlichen Hauptstützpunkt für strategische US-Bomber im Falle eines grösseren Krieges zwischen den beiden Ländern, so Nadimi. Auch Europa rücke damit in Reichweite des Iran. Die Bedrohung des Kontinents sei jedoch eher ein Nebeneffekt, Diego Garcia sei für das Regime von grösserer Bedeutung.

Der israelische Iran-Experte Raz Zimmt schrieb auf X: «Es ist mittlerweile offensichtlich, dass der Iran versucht, den Konflikt als strategische Chance zu nutzen – nicht nur, um künftige Angriffe gegen das Land zu verhindern, sondern auch, um eine neue regionale Ordnung zu gestalten.» Nach seiner Analyse will Teheran seine Nachbarn durch Abschreckung dazu bringen, die US-Militärpräsenz in der Region zu beenden.

Der Militärexperte William Alberque erklärte dem Nachrichtenportal «Bloomberg», dass «niemand» auch nur «geahnt» habe, dass der Iran über Raketen solcher Reichweite verfüge. «Das bedeutet, dass sie wahrscheinlich eine modifizierte Rakete eingesetzt haben – vielleicht einen Prototyp», so Alberque. Dies deute darauf hin, dass Teheran noch über Lager oder Werkstätten verfügt, in denen solche Umbauten vorgenommen werden können. Möglicherweise habe das iranische Militär Gewicht von einer bestehenden Rakete entfernt oder sogar den Sprengkopf abgenommen, um die Reichweite zu erhöhen. Womöglich handele es sich um einen einmaligen Vorgang, erklärte der Experte.

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    Das Hars
    21.03.2026 17:53registriert August 2021
    Ich weiss nicht, was beunruhigender ist. Die Tatsache, dass die USA immer mehr kriegstechnische Brandherde legen oder die Tatsache, dass das Mullah-Regime damit auch durchaus Ziele in Europa treffen könnte.
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    KoTaMo
    21.03.2026 17:53registriert Mai 2020
    Diego Garcia liegt übrigens nicht nur weitab vom Iran, sondern ebenso weitab von den USA und Grossbritannien. Man könnte also durchaus fragen, was alle Drei dort verloren haben.
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    ursus3000
    21.03.2026 17:42registriert Juni 2015
    Ich finde es gut, dass der Iran Donnie ans Bein pisst. Die USA sind wie ein Bodybuilder der vor Kraft kaum mehr gehen kann
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