Druck auf Sicherheitschefs in Skigebieten: «Entweder wir stellen jetzt ab – oder ich gehe»
Als der Wind im Skigebiet Titlis am Mittwoch stärker wurde, entschieden die Mitarbeitenden, die Bahn abzustellen und die Gondeln in Sicherheit zu bringen. Der tödliche Unfall ereignete sich ausgerechnet während dieses Vorgangs, sagte Hans Wicki, Verwaltungsratspräsident der Titlis Bergbahnen, gegenüber mehreren Medien.
Unabhängig vom Unfall am Titlis sagen vier Sicherheitschefs von Skigebieten gegenüber watson, dass genau in solchen Situationen Diskussionen mit der Geschäftsleitung beginnen können: Wenn der Wind zunimmt, die Anlage bereits in Betrieb ist und entschieden werden muss, ob man weiterfährt, leerfährt oder stoppt.
Formell liege der Entscheid zwar bei ihnen. Doch wenn viele Gäste im Gebiet sind und eine Schliessung teuer wird, entstehe Druck von oben, sagen sie.
Der heikle Moment
Alle vier befragten technischen Leiter möchten anonym bleiben, da die Branche sehr klein sei. Sie beschreiben aber übereinstimmend denselben heiklen Moment: Schwierig werde es nicht bei offensichtlichen Sturmwinden, sondern dann, wenn sich der Wind um Grenzwerte bewege und die Lage nicht eindeutig sei.
Ein aktiver technischer Leiter, der seit 10 Jahren auf dem Beruf arbeitet, sagt: «Wenn der Wind um die Grenzwerte der Bahn liegt, gibt es oft Diskussionen mit der Geschäftsleitung, ob man nicht eher langsamer fahren kann, anstatt die Bahn abzuschalten.» Denn steht die Bahn still, komme kein Geld rein.
Wie weit dieser Druck gehen kann, beschreibt derselbe technische Leiter so:
Das sei das äusserste Mittel. Zweimal pro Saison komme es vor, dass er es in dieser Härte sagen müsse.
Er betont allerdings auch, dass viel von der Kommunikationskultur im Betrieb abhänge: Es gebe Unternehmen, in denen Vorgesetzte oft hineinredeten, und andere, in denen der technische Leiter den nötigen Rückhalt bekomme. «Mit Erfahrung kann man eher dagegenhalten, aber gerade junge technische Leiter sind vielleicht anfälliger.»
Ein anderer technischer Leiter mit 25 Jahren Berufserfahrung sagt:
Wenn eine Bahn schliessen müsse, sei das mit erheblichen Kosten verbunden: Pisten seien beschneit, Personal aufgeboten, Gäste bereits im Gebiet. Für ihn ist klar: «Es gibt viele Skigebiete und Bergbahnen, in denen schon Grenzen überschritten wurden wegen dieses finanziellen Drucks.»
Diesen Mechanismus bestätigt auch ein technischer Leiter, der seit sechs Jahren im Betrieb arbeitet: «Ich weiss, dass es immer eine Spannung gibt, weil irgendwo ist das Geld und irgendwo ist die Sicherheit.» Je grösser der finanzielle Druck auf den Betrieb sei, desto stärker werde auch das Spannungsfeld zwischen Geschäftsleitung und technischer Leitung.
Welche Folgen das haben kann, beschreibt ein ehemaliger stellvertretender technischer Leiter so:
Das Gemeine sei, dass am Ende oft dieselbe Person geradestehen müsse: «Die Geschäftsleitung redet mit, aber der technische Leiter muss schlussendlich die Verantwortung tragen.»
Bund deutlicher als Verband
Der Verband Seilbahnen Schweiz (SBS) weist gegenüber watson einen strukturellen Konflikt zurück:
Hinweise darauf, dass die Unabhängigkeit technischer Leiter in der Branche gefährdet sei, habe man keine. Betriebliche oder wirtschaftliche Interessen würden gegenüber der Sicherheit «immer untergewichtet».
Zum Druck schreibt der Verband: «Dass sich technische Leiter in Grenzsituationen mit Geschäftsleitungen absprechen und deren Meinung abholt, ist sehr üblich und kann für die Entscheidungsfindung und die Einleitung der Massnahmen helfen.» Letztlich würden beide Stellen wissen, dass die Verantwortung des Betriebs bei der technischen Leitung liege.
Auffällig ist jedoch, dass derselbe Verband das Problem vor wenigen Monaten selbst konkreter beschrieben hat. In einem im Juni 2025 veröffentlichten Projektbericht zur «Zukunft der Technischen Leiter:innen» schrieb der SBS von «Überlastung, unklaren Rollen und fehlenden Perspektiven», die die Realität vieler technischer Leiter prägten.
Dort hiess es auch, die Funktion sei oft durch hohe Arbeitsbelastung und zunehmende Verantwortung geprägt, Unterstützung durch die Geschäftsleitung sei «nicht überall selbstverständlich». Als prioritäre Handlungsfelder nannte der Verband unter anderem: Verantwortung verteilen, Führung stärken und rechtliche Sicherheit bei Haftung und Verantwortung erhöhen.
Deutlicher äussert sich das Bundesamt für Verkehr zum betrieblichem Druck auf die Technische Leitung:
Die Behörde bestätigt, dass rund um die Verantwortung der technischen Leitung ein Problem gesehen wird.
Weiter schreibt das Amt, derzeit arbeite eine Arbeitsgruppe unter Federführung von Seilbahnen Schweiz und mit Mitarbeit des BAV daran, die Situation zu analysieren und zu verbessern. Hintergrund seien «grosse Verantwortung, hohe Fluktuation und wachsender Mangel» bei technischen Leitern. Laut BAV werden dabei auch Anpassungen der Rechtsgrundlagen geprüft.
«Mit einem Bein im Gefängnis»
Auch die von watson befragten technischen Leiter wünschen sich Änderungen. Die heutige Haftungs- und Verantwortungsregelung müsse überdacht werden. Ein technischer Leiter sagt, schon in der Ausbildung werde drastisch vermittelt, wie exponiert die Funktion sei:
Die Haftung müsse seiner Meinung nach stärker beim Betrieb liegen.
Ein anderer technischer Leiter warnt allerdings vor einer einfachen Lösung. Wer die Verantwortung vom technischen Leiter wegnehmen wolle, müsse auch beantworten, wer stattdessen entscheide:
Wenn am Ende Verwaltungsrat, Geschäftsführer oder Betreiber ohne technisches Fachwissen mehr Einfluss auf Sicherheitsentscheide erhielten, wäre wenig gewonnen.
Ob beim Unfall am Titlis betrieblicher Druck irgendeine Rolle spielte, ist offen. Dafür gibt es derzeit keinen Beleg.
*(Namen der Redaktion bekannt)
