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Sicherheitschefs der Bergbahnen sprechen von hohem Druck

Silvan Ebener, apprentice mechatronics engineer, pictured on June 14, 2012, at the aerial cableway "Laucheralp-Bahn" in Wiler near Goppenstein, Switzerland. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Silvan E ...
Symbolbild: Ein Mann erledigt Arbeiten an einer Bergbahn.Bild: KEYSTONE

Druck auf Sicherheitschefs in Skigebieten: «Entweder wir stellen jetzt ab – oder ich gehe»

Wenn Bergbahnen wegen Wetter gestoppt werden müssen, ist das für Skigebiete teuer. Mehrere Sicherheitschefs sagen, dass in solchen Situationen Druck aus der Geschäftsleitung entstehen kann. Auch dem Bund ist dieses Spannungsfeld bekannt.
20.03.2026, 06:1520.03.2026, 06:42

Als der Wind im Skigebiet Titlis am Mittwoch stärker wurde, entschieden die Mitarbeitenden, die Bahn abzustellen und die Gondeln in Sicherheit zu bringen. Der tödliche Unfall ereignete sich ausgerechnet während dieses Vorgangs, sagte Hans Wicki, Verwaltungsratspräsident der Titlis Bergbahnen, gegenüber mehreren Medien.

Unabhängig vom Unfall am Titlis sagen vier Sicherheitschefs von Skigebieten gegenüber watson, dass genau in solchen Situationen Diskussionen mit der Geschäftsleitung beginnen können: Wenn der Wind zunimmt, die Anlage bereits in Betrieb ist und entschieden werden muss, ob man weiterfährt, leerfährt oder stoppt.

Formell liege der Entscheid zwar bei ihnen. Doch wenn viele Gäste im Gebiet sind und eine Schliessung teuer wird, entstehe Druck von oben, sagen sie.

Der heikle Moment

Alle vier befragten technischen Leiter möchten anonym bleiben, da die Branche sehr klein sei. Sie beschreiben aber übereinstimmend denselben heiklen Moment: Schwierig werde es nicht bei offensichtlichen Sturmwinden, sondern dann, wenn sich der Wind um Grenzwerte bewege und die Lage nicht eindeutig sei.

Wer entscheidet über den Betrieb einer Bergbahn?
Formal ist die Zuständigkeit klar: Das Bundesamt für Verkehr (BAV) schreibt auf Anfrage von watson: «Sicherheitsrelevante Betriebsentscheide fällt der Technische Leiter.» Also der Sicherheitschef. Er müsse diese Entscheide auch verantworten. In der Praxis heisst das: Der technische Leiter entscheidet in Echtzeit – gestützt auf gesetzliche Vorgaben, Herstellergrenzen, Betriebsanleitungen, Wetterprognosen, Messstationen und die eigene Erfahrung im Gebiet.

Ein aktiver technischer Leiter, der seit 10 Jahren auf dem Beruf arbeitet, sagt: «Wenn der Wind um die Grenzwerte der Bahn liegt, gibt es oft Diskussionen mit der Geschäftsleitung, ob man nicht eher langsamer fahren kann, anstatt die Bahn abzuschalten.» Denn steht die Bahn still, komme kein Geld rein.

Wie weit dieser Druck gehen kann, beschreibt derselbe technische Leiter so:

«Dort, wo ich arbeite, sage ich in diesen Situationen: Entweder stellen wir jetzt ab – sonst könnt ihr jemand Neuen suchen.»

Das sei das äusserste Mittel. Zweimal pro Saison komme es vor, dass er es in dieser Härte sagen müsse.

Er betont allerdings auch, dass viel von der Kommunikationskultur im Betrieb abhänge: Es gebe Unternehmen, in denen Vorgesetzte oft hineinredeten, und andere, in denen der technische Leiter den nötigen Rückhalt bekomme. «Mit Erfahrung kann man eher dagegenhalten, aber gerade junge technische Leiter sind vielleicht anfälliger.»

Eine Gondel der Gondelbahn Engelberg-Titlis Express ist auf der Gerschnialp und zwischen dem Truebsee, wo eine Gondel der selben Bahn abstuerzte, am Mittwoch, 18. Maerz 2026 in Engelberg. (KEYSTONE/Ur ...
Gondelbahn: Im Skigebiet Titlis.Bild: keystone

Ein anderer technischer Leiter mit 25 Jahren Berufserfahrung sagt:

«Ich habe oft die Aussage gehört: Du musst überlegen, wer dir den Lohn zahlt.»

Wenn eine Bahn schliessen müsse, sei das mit erheblichen Kosten verbunden: Pisten seien beschneit, Personal aufgeboten, Gäste bereits im Gebiet. Für ihn ist klar: «Es gibt viele Skigebiete und Bergbahnen, in denen schon Grenzen überschritten wurden wegen dieses finanziellen Drucks.»

Diesen Mechanismus bestätigt auch ein technischer Leiter, der seit sechs Jahren im Betrieb arbeitet: «Ich weiss, dass es immer eine Spannung gibt, weil irgendwo ist das Geld und irgendwo ist die Sicherheit.» Je grösser der finanzielle Druck auf den Betrieb sei, desto stärker werde auch das Spannungsfeld zwischen Geschäftsleitung und technischer Leitung.

Welche Folgen das haben kann, beschreibt ein ehemaliger stellvertretender technischer Leiter so:

«Viele Berufskollegen hatten schon ein Burnout, weil der Druck enorm hoch ist.»

Das Gemeine sei, dass am Ende oft dieselbe Person geradestehen müsse: «Die Geschäftsleitung redet mit, aber der technische Leiter muss schlussendlich die Verantwortung tragen.»

Bund deutlicher als Verband

Der Verband Seilbahnen Schweiz (SBS) weist gegenüber watson einen strukturellen Konflikt zurück:

«Die gesetzliche Rollenverteilung ist klar und wird nicht durch andere Faktoren ausgehebelt.»

Hinweise darauf, dass die Unabhängigkeit technischer Leiter in der Branche gefährdet sei, habe man keine. Betriebliche oder wirtschaftliche Interessen würden gegenüber der Sicherheit «immer untergewichtet».

Zum Druck schreibt der Verband: «Dass sich technische Leiter in Grenzsituationen mit Geschäftsleitungen absprechen und deren Meinung abholt, ist sehr üblich und kann für die Entscheidungsfindung und die Einleitung der Massnahmen helfen.» Letztlich würden beide Stellen wissen, dass die Verantwortung des Betriebs bei der technischen Leitung liege.

Auffällig ist jedoch, dass derselbe Verband das Problem vor wenigen Monaten selbst konkreter beschrieben hat. In einem im Juni 2025 veröffentlichten Projektbericht zur «Zukunft der Technischen Leiter:innen» schrieb der SBS von «Überlastung, unklaren Rollen und fehlenden Perspektiven», die die Realität vieler technischer Leiter prägten.

Ein Sessellift im Skigebiet Flumserberg nach den Schneefaellen der vergangenen Tage nach einer aussergewoehnlich schneearmen Periode, am Dienstag, 10. Januar 2023, in Flumserberg. (KEYSTONE/Gian Ehren ...
Sicherheit des Betriebs von Bergbahnen: Dafür sind technische Leiter zuständig.Bild: KEYSTONE

Dort hiess es auch, die Funktion sei oft durch hohe Arbeitsbelastung und zunehmende Verantwortung geprägt, Unterstützung durch die Geschäftsleitung sei «nicht überall selbstverständlich». Als prioritäre Handlungsfelder nannte der Verband unter anderem: Verantwortung verteilen, Führung stärken und rechtliche Sicherheit bei Haftung und Verantwortung erhöhen.

Deutlicher äussert sich das Bundesamt für Verkehr zum betrieblichem Druck auf die Technische Leitung:

«Dieses Spannungsfeld ist dem BAV bekannt.»

Die Behörde bestätigt, dass rund um die Verantwortung der technischen Leitung ein Problem gesehen wird.

Weiter schreibt das Amt, derzeit arbeite eine Arbeitsgruppe unter Federführung von Seilbahnen Schweiz und mit Mitarbeit des BAV daran, die Situation zu analysieren und zu verbessern. Hintergrund seien «grosse Verantwortung, hohe Fluktuation und wachsender Mangel» bei technischen Leitern. Laut BAV werden dabei auch Anpassungen der Rechtsgrundlagen geprüft.

«Mit einem Bein im Gefängnis»

Auch die von watson befragten technischen Leiter wünschen sich Änderungen. Die heutige Haftungs- und Verantwortungsregelung müsse überdacht werden. Ein technischer Leiter sagt, schon in der Ausbildung werde drastisch vermittelt, wie exponiert die Funktion sei:

«Mit einem Bein steht ihr schon im Gefängnis, wenn ihr technischer Leiter seid.»

Die Haftung müsse seiner Meinung nach stärker beim Betrieb liegen.

Ein anderer technischer Leiter warnt allerdings vor einer einfachen Lösung. Wer die Verantwortung vom technischen Leiter wegnehmen wolle, müsse auch beantworten, wer stattdessen entscheide:

«Ich sage, entscheiden muss der, der am meisten weiss.»

Wenn am Ende Verwaltungsrat, Geschäftsführer oder Betreiber ohne technisches Fachwissen mehr Einfluss auf Sicherheitsentscheide erhielten, wäre wenig gewonnen.

Ob beim Unfall am Titlis betrieblicher Druck irgendeine Rolle spielte, ist offen. Dafür gibt es derzeit keinen Beleg.

*(Namen der Redaktion bekannt)

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Gondelabsturz im Skigebiet Titlis
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Gondelabsturz im Skigebiet Titlis

Die Kriminalpolizei Nidwalden informiert an einer Medienkonferenz über das Gondelunglück in Engelberg.

quelle: keystone / urs flueeler
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Zeugen erzählen vom Gondelabsturz am Titlis
Video: watson
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Pontifax
20.03.2026 06:54registriert Mai 2021
Die wischiwaschi-Aussage des Verbandes bestätigt somit ganz klar die Aussagen der Technischen Leiter. Eine typische Floskel von Geschäftsleitungen, wenn es um das Abschieben der Verantwortung geht. Das kennen wir ja schon zur genüge.
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future--?
20.03.2026 06:44registriert November 2023
Dieser Artikel legt einen systemischen Missstand offen, der weit über den Titlis-Unfall hinausgeht: Technische Leiter tragen die volle Verantwortung, stehen aber unter massivem finanziellem Druck von oben – und am Ende stehen sie «mit einem Bein im Gefängnis», während die Geschäftsleitung unbehelligt bleibt. Dass das BAV dieses Spannungsfeld kennt und trotzdem erst jetzt eine Arbeitsgruppe eingesetzt hat, ist unbefriedigend. Die Lösung liegt auf der Hand: Wer mitredet, muss auch mithaften.
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Only G
20.03.2026 06:49registriert Dezember 2016
Es ist ja nicht so, dass der Konsument viel Verständnis aufbringt, wenn die Bahnen abgestellt werden. Schliesslich hat dieser bezahlt und will dann maximales Erlebnis. Wenn dann was passiert wird mit dem Finger aufs schwächste Glied in der Kette gezeigt.
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