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«Verfolgt»

Am Sonntag zetert Gubser im Schweizer «Tatort»: «Hören Sie auf mit diesem Wikiliki-Scheiss!»

Reto Flückiger in Rage: Der Schweizer Cop legt sich mit paranoiden Computerfachleuten und bösen Bankern an. Ein herrlich nervöser «Tatort» aus der Schweiz.

Christian Buss

Ein Artikel von

Spiegel Online

«Sind wir nicht alle Whistleblower?», fragt der Bankmitarbeiter, der Kontodaten von internationalen Steuersündern auf eine CD gebrannt hat und sich nun von einer geheimnisvollen Macht verfolgt sieht. «Hören Sie auf mit diesem Wikiliki-Scheiss!», fährt ihn darauf der Kommissar an. Ein Dialog, in dem sich noch einmal wunderbar dahingemotzt die grosse Weltverzweiflung auftut, die seit einiger Zeit im Schweizer «Tatort» herrscht.

Im Schweizer «Tatort» geht es bedingungslos pessimistisch zu, und das nicht erst seit der todtraurigen Folge über die Liebe der Väter. Über der so schönen, reichen Stadt hängen stets schwere Wolken, die Ermittler gucken wie geprügelte Hunde. Wo sie auftauchen, ist eigentlich immer schon alles kaputt: die Familien, der Staat, jetzt auch noch das Bankensystem.

In der aktuellen Folge irrt der IT-Manager eines Luzerner Kreditinstituts im Wahn durch die Stadt. Gleich die erste Sequenz, in der er auftritt, ist voll von Wut: In einem gediegenen Hutgeschäft schlägt Thomas Behrens (Alexander Beyer) mit einem Regenschirm einen harmlosen Passanten krankenhausreif; er hält ihn für einen Verfolger. Denn der Bankmitarbeiter hat Kontodaten von Kunden zusammengetragen, die sich von dem Finanzinstitut komplizierte, auf den Cayman Islands eingetragene Firmenkonstrukte verwalten lassen. Auch Drogengelder werden angeblich auf diese Weise gewaschen.

Ein Edward Snowden der Finanzwelt?

Die Geliebte des IT-Mannes wurde ermordet, jetzt fürchtet auch er um sein Leben. Geradezu dankbar ist er, als er von Kommissarin Ritschard (Delia Mayer) und Kommissar Flückiger (Stefan Gubser) in eine Verhörzelle gesperrt wird. Der Computerfachmann, der sich selbst als eine Art Edward Snowden der Finanzwelt sieht, ist mit Vorsicht zu geniessen. Er leidet offensichtlich unter Grössen- und Kontrollwahn, scheint aber tatsächlich über reale Machenschaften informiert zu sein. 

Ein akkurater Paranoia-Thriller ist «Verfolgt» (Regie: Tobias Ineichen, Buch: Martin Maurer) geworden. Die Offshore-Kriminalität könnte System haben, bei ihren Ermittlungen stossen die Ermittler immer wieder an ihre Grenzen, gehen aber auch mal mit den Köpfen durch die Wand. Flückiger wird immer aufgebrachter, ahmt mit genussvoller Verachtung das anglisierte Neu-Bankensprech nach. Etwa den Begriff High Net Worth Individual, der Personen mit einem liquiden Vermögen von mehr als einer Millionen Dollar bezeichnet, denen die Damen und Herren in Luzern besondere Aufmerksamkeit schenken.

Sarkastisch, garstig und erratisch ist die Stimmung in Luzern. Rohe Gewalt trifft hier auf Chaos bei den Ermittlungen. Und gerade die Details machen diesen «Tatort» verbindlich. Zum Beispiel die Pannen und Zumutungen bei den Ermittlungen: Flückiger kann sich den Namen des Mordopfers nicht merken, die Gerichtsmedizinerin steht nicht zur Verfügung, weil das Kind Mumps hat, beim Skypen mit einer Zeugin bricht das Bild weg. Verschwörung oder einfach nur technische Unzulänglichkeit?

Ein Elend ist die Polizeiarbeit. Und sinnlos ebenfalls. Am Ende, soviel darf verraten werden, ist nichts wieder gut.



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