Wir Eltern
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Wir Eltern

Jetzt mal langsam: Warum wir nicht so ein hektisches Leben wollen

Stressig, hektisch und durchgetaktet bis auf die letzte Minute – muss Familienleben so aussehen? Nein, muss es nicht. Entspannung liegt im Trend.

caren battaglia / wir eltern



Ein Artikel von

Hätte jede amtierende Elterngeneration ein Wappentier, wäre das für die aktuelle: die Tanzmaus, lateinisch mus musculus wagneri. Tanzmäuse drehen sich ohne Unterlass hektisch im Kreis. Taumeln hierhin, torkeln dahin. Sinn des Ganzen: keiner.

Die armen Tiere sind gestört.

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Vielleicht leiden wir hyperaktiven Eltern unter demselben Defekt. «Schneller, mehr, sofort!» heisst das Mantra. Beruf und Babymassage, Schulkind chauffieren, dabei kurz mit dem Chef telefonieren, mit Grosi zum Arzt, Pilates, Sex mit dem Ehemann, Milch kaufen fürs Nachtessen nicht vergessen – und stündlich summt das Smartphone, um an einen Termin zu erinnern.

Passend dazu gibt es inzwischen eine Krankheit: Phantomvibrieren. Analog zu Phantomschmerzen. Oft gekoppelt an «Nomophobie», die Angst, ohne Handykontakt zu sein. Wer irrer ist, die Qualzuchtmaus oder wir Erwachsenen, ist schwer zu entscheiden.

Nein danke, wollen wir nicht!

Doch jetzt scheint das Pendel in die andere Richtung zu schwingen. Eine wachsende Zahl junger Erwachsener findet: Nein, danke. Wollen wir nicht, so ein Leben. Schon mal gar nicht für unsere Familie. Auf den Wunschzetteln unserer Kinder soll «ein Barbie Einhorn» oder «ich will ein geiles Snowboard» stehen und nicht «mehr Zeit mit Mama». Das nämlich wünschen sich, laut Studien, 32 Prozent aller Kinder in den Industrieländern.

Fragen danach, wie richtiges Leben im falschen möglich ist, wie ein Alltag jenseits des Effizienzdrucks und einer Kindheit ohne Hektik, stellen sich nicht länger nur Veganer, Yogaschüler und Sozialromantiker aller Art. 200'000 Mal hat sich Tom Hodgkinsons Relax-Bibel «Lob des Müssiggangs» verkauft.

Allmonatlich klickt mehr als eine halbe Million Menschen auf mrmoneymustache, den Blog eines 30-jährigen IT-Angestellten, der seinen Job gekündigt hat und nun mit seiner Familie ein karges, aber tiefenentspanntes Leben lebt.

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Er macht's vor: Mr. Money Mustache hat mit 30 aufgehört zu arbeiten.
bild: mrmoneymustache

Heimeligkeit statt Power

Mit 180'000 Auflage ging Gruner und Jahrs Beschaulichkeitszeitschrift «Flow» gleich bei der ersten Ausgabe an den Markt. «Slow» und «Mindart», «Happinez» und «Herzstück», «Harmony» und wie die neuen Heimeligkeitshefte im Kielwasser alle heissen, haben in den Zeitungsständern der Kioske die Power-Frauen-Gazetten in die zweite Reihe gedrängt.

Super-Woman ist out. Hochtourige Mütter und «Busy-busy»-Väter, die vor lauter Wichtigkeit die Geburtstage ihrer Kinder vergessen, haben als Leitbilder ausgedient. Auch Statussymbole locken weniger junge Erwachsene ins Hamsterrad: So finden etwa laut Timescout-Trendstudie inzwischen 45 Prozent der 20- bis 29-Jährigen Besitzer dicker Autos unsympathisch, fast 40 Prozent vertreten die Meinung «Autos sind heute nicht mehr besonders angesagt».

Folgerichtig gilt «Slow Food» als trendig, «Fast Food» als Prollfutter.

Stattdessen häkeln hippe Mütter in aller Seelenruhe Granny Squares, bunte Wollquadrate, die als Decke übers Babybettchen gelegt werden, backen Brot mit Sauerteig, betreiben Urban Gardening und buddeln Kohlrabi im eigenen Schrebergarten aus oder schreiben Briefe. Von Hand.

Zwar nehmen bislang nur 8,6 Prozent der Schweizer Väter einen Papatag pro Woche und pfeifen auf 20 Prozent des Gehalts, doch 90 Prozent wünschen sie sich wenigstens – die Teilzeitarbeit.

Woher kommt's?

Seit 1999 in Italien die erste «Cittàslow» ausgerufen wurde, haben sich die Schneckenstädte in Windeseile über ganz Europa verbreitet. 161 Ortschaften unterwerfen sich heute freiwillig den strengen Auflagen nach Umweltschutz und Gastfreundschaft, Individualität, Entschleunigung und Kultur. In der Schweiz trägt Mendrisio das Label «Slow-City». Folgerichtig gilt Slow Food als trendig, Fast Food als Prollfutter. Und sämtliche Achtsamkeits-, Entspannungs- und Wellnessangebote – selbst für Kinder – boomen wie blöd.

Woher kommt's, dass die Bremse beliebter wird als das Gaspedal, relaxen mehr zählt als Rotieren?

«Weil es höchste Zeit dafür wurde», sagt der Sozialwissenschaftler und Landesvertreter des «Vereins zur Verzögerung der Zeit» Mark Riklin. «Unsere Gesellschaft steht vor einem Kollaps. Es bleibt keine Zeit mehr für Solidarität, keine für Lebensqualität und – die Menschen werden durch die Hetze krank.»

Die Zahlen geben dem St. Galler Dozenten Recht:

Schluss mit Ruhe ohne Reue

Aristoteles und Sokrates hätten sich bei solchen Daten nur an den Kopf gefasst. In der Antike galt das, was man heute wohl als chillen bezeichnet, als Ideal. «Die Musse ist die Schwester der Freiheit», fand Aristoteles und sein Philosophen-Kollege Sokrates war sich sicher, dass Arbeit und Tugend einander ausschlössen.

Auch im Mittelalter galt Faulenzen noch keineswegs als Schande. Bettler bettelten, ohne dabei wenigstens zu musizieren und der Adel fand ohnehin, dass Arbeit nur was für die armen Würste war, die für ihren Lebensabend rackern mussten.

So finden etwa inzwischen 45 Prozent der 20- bis 29-Jährigen Besitzer dicker Autos unsympathisch, fast 40 Prozent vertreten die Meinung «Autos sind heute nicht mehr besonders angesagt».

Erst mit Martin Luther war Schluss mit Ruhe ohne Reue. Er proklamierte «Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen.» Kant schwärmte 1782 gar «Je mehr wir beschäftigt sind, je mehr fühlen wir, dass wir leben». Und von da ab wucherten mit Städten und Industrie auch Sprüche wie «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen», «Sich regen bringt Segen», «Müssiggang ist aller Laster Anfang» und Märchen wie Frau Holle, die die Fleissige mit Gold, die Faule dagegen mit Pech übergiesst.

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Wie findest du den Trend zu mehr Entspannung im Alltag?

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Ob die umtriebige Bettenschüttlerin an Spannungskopfschmerz, zuckendem Augenlid oder chronischer Reizbarkeit gelitten hat, ist von den Brüdern Grimm jedoch nicht überliefert. Glaubt man «Zeit»-Redaktorin Kerstin Bund und ihrem Buch «Glück schlägt Geld, Generation Y – was wir wirklich wollen», fänden moderne Eltern es eher bräsig, Frau Holle vorzulesen um den Kindern die streberhafte Goldmarie als Ideal zu präsentieren. Schliesslich braucht die heutige Gesellschaft weniger Befehlsempfänger und unkritische Arbeitsbienen, als vielmehr Menschen mit Ideen, Visionen, kreativen Einfällen.

Wie sollen wir das schaffen?

Und die entstehen nun mal, so Nietzsche – und der muss es wissen – vor allem durch die «Windstille der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht». Abzuhängen wie ein Igel im Komposthaufen ist damit nicht gemeint. Zumindest nicht nur.

Vor allem ist ein Wertewandel zu beobachten, so Kerstin Bund in ihrem Porträt der Generation Y: «Wer uns Faulheit vorwirft, hat nicht verstanden, dass wir Leistung anders definieren. Wir beziehen den Begriff auf unser gesamtes Leben; dem Partner den Rücken frei halten, der Tochter ein Baumhaus bauen, sich für die Eltern Zeit nehmen, einen Marathon laufen – auch das sind für uns Leistungen.»

Wer zu viel tut, leistet auf die Dauer weniger, hat weniger Spass und mehr Muskelkater.

Nur – wie soll das zu schaffen sein? Wie soll man sie im überbuchten Leben unterbringen, die Gerichte nach Slow Food Rezepten «... das Ganze 6 bis 8 Stunden unter ständigem Umrühren kochen lassen»? Wo Zeit hernehmen für so kontemplative Hobbys wie Linol schnitzen und Qi Gong? Schliesslich gibt es Zwänge: die Miete, die bezahlt werden muss, der Termin beim Kieferorthopäden und die Christbaumkugeln, die jetzt auch mal endlich in den Keller sollten …

Übertraining vermeiden

«Mehr Sein und mehr sein lassen», gibt Mark Riklin als Tipp. Prioritäten setzen anhand der Gretchen-Frage: «Was macht mich wirklich glücklich im Leben?» Mit dem Kind Schlittenfahren oder die Küchenschränke von innen wischen? Den Zusatzauftrag annehmen, damit das neue Auto ein paar PS mehr hat oder mit dem Partner spazieren gehen? «Zumba for Teens» oder mit der 13-Jährigen zusammen backen?

Zudem gilt, was jeder Sportmediziner seinen Patienten rät, auch für den kreuznormalen Alltag: Übertraining vermeiden. Wer zu viel tut, leistet auf die Dauer weniger, hat weniger Spass und mehr Muskelkater.

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    Alle Leser-Kommentare
  • koks 21.09.2015 22:40
    Highlight Highlight "Der Adel fand ohnehin, dass Arbeit nur was für die armen Würste war, die für ihren Lebensabend rackern mussten."
    Da befindet sich die Schreiberin ja in nobler Gesellschaft. Die anderen sollen rackern und mir das Kindergeld bezahlen.

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