Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Bild: Zero Hedge

Geschichten falsch weitererzählt

Wenn das Internet zum Buschtelefon mutiert, wird aus einem Neuwagen-Depot ganz schnell mal ein «Autofriedhof»

Aktuell kursieren im Internet Bilder von riesigen Flächen, die mit Neuwagen zugestellt sind. Der Titel zu den Bildern lautet: «Wo unverkaufte Autos zum Sterben hingehen.» Doch die Bilder sind alles andere als neu – und die Geschichte dahinter ist leicht verdreht.



Manchmal geht es im Internet zu und her wie beim «Buschtelefon»: Jemand veröffentlicht eine Reihe von Fotos und schreibt einen kleinen Text dazu. Der nächste greift die Bilder auf, erzählt die Geschichte nach und erfindet einen kleinen Teil dazu. Das wiederholt sich nun ein paar Mal. Ganz am Ende der Kette – und manchmal viele Jahre später – sind die Bilder noch immer dieselben – bloss der Text ist ein völlig anderer geworden.

Genau das geschieht gerade mit Bildern, auf denen Unmengen von Autos zu sehen sind, die irgendwo auf der Welt in beeindruckenden Formationen parkiert sind. Um genau zu sein, handelt es sich dabei um abgestellte Neuwagen.

Bild

Bild: Zero Hedge

Zu finden sind diese Bilder auf einer Homepage namens Zero Hedge. Der Autor der Geschichte, Tyler Durden, bezieht sich auf einen gewissen Vincent Lewis – dessen Homepage ist allerdings momentan nicht erreichbar. Aus diesem Grund wollen wir uns hier auf das beziehen, was Tyler Durden schreibt.

Bild

Bild: Zero Hedge

Und das will man uns in der Geschichte weismachen: Überall auf der Welt gibt es unzählige Plätze, auf denen Autos abgestellt werden, die vom Händler nicht verkauft werden. Und sie stehen nicht bloss da – sie werden irgendwann einfach verschrottet.

Auf diese Idee kommt der Autor aus dem folgenden Grund: Ein Grossteil der Bilder zeigt Aufnahmen, die via Google Maps erstellt wurden. In seinem Artikel erklärt der Autor, er habe die Orte selber via Google Maps nochmals aufgerufen und auf einmal seien von einem dieser Standorte alle Autos verschwunden. 

Er schliesst daraus, dass sie verschrottet wurden und aus dem Material nun neue Autos gemacht würden, die am Ende wieder auf dem Autofriedhof landeten.

Bild

Bild: Zero Hedge

Durdens Geschichte wird von zahlreichen Internetportalen aufgegriffen und weiterverbreitet: Auf Imgur beispielsweise findet man die Bilder unter dem Titel «Unsold cars graveyards» («Friedhöfe für nichtverkaufte Autos»).

Bild

Bild: Zero Hedge

Auf Tumblr machen die Bilder momentan ebenfalls die Runde und auch einige kleine internationalen Newsportale sowie einige deutschsprachige Portale greifen die Geschichte auf. 

Bild

Bild: Zero Hedge

Zurück zum Ursprung

Durchforstet man das Internet nach weiteren Details zu diesem Thema, so landet man irgendwann auf einem Blogeintrag von einem gewissen Matt Hardigree. Dieser regt sich ganz fürchterlich über die Geschichte der Autofriedhöfe auf und erklärt ganz detailliert, wieso:

Er selber hat schon mal einen Artikel verfasst, für den er die Bilder verwendet hat. Das ist allerdings schon über fünf Jahre her. Die Bilder stammen also in Wahrheit aus dem Jahr 2009. Hardigree erklärt ausserdem, er selber habe damals Bezug auf einen Artikel von The Guardian genommen.

Bild

Bild: Zero Hedge

Im Jahr 2009 befand sich die Autoindustrie in einer kritischen Lage. Damals hatten Autohändler tatsächlich mit Verkaufsproblemen zu kämpfen, weshalb die Lagerflächen für Neuwagen stark überfüllt waren. 

Doch nirgendwo geht daraus hervor, dass die dort stehenden Autos demnächst allesamt verschrottet würden. Eigentlich geht es nur darum, zu zeigen, wie kreativ die Autohändler beim Lagern der Fahrzeuge sind und welch interessante Bilder dabei entstehen.

Bild

Bild: Zero Hedge

Hardigree macht darauf aufmerksam, dass in dem aktuell kursierenden Artikel also einerseits tatsächlich veraltete Bilder verwendet wurden und dass der Autor ausserdem das System von Google Maps nicht verstanden habe: Wenn dieser sich nämlich auf vermeintlich aktuelle Aufnahmen von dort beziehe, müsste ihm klar sein, dass auch bei einem aktuellen Aufruf von Google Maps die Bilder bis zu drei Jahre alt sein können.

Bild

Bild: Zero Hedge

Weitere Kritiker

Auf der Homepage The Truth about Cars zeigt man sich ähnlich kritisch gegenüber dem, was da gerade im Internet die Runde macht. Vor allem amüsiert man sich hier darüber, dass der Autor davon ausgeht, dass «auf einmal» alle Autos von einem der grossen Plätze verschwunden seien. Aufgrund der Tatsache, dass die originalen Aufnahmen über fünf Jahre alt waren, könne man doch davon ausgehen, dass die Autos in der Zwischenzeit verkauft wurden.

Schliesslich weist man darauf hin, dass nicht alle gezeigten Fotos veraltet seien. Auf einigen sei ein Fahrzeug-Depot in der Nähe des Hafens von Sheerness zu sehen. Dabei handele es sich um einen der wichtigsten Häfen für den Autoimport in das Vereinigte Königreich. Entsprechend normal sei es wohl, an einem solchen Ort grössere Mengen von Autos zu finden.

Bild

Bild: Zero Hedge

Zurücklehnen und geniessen

Und obwohl die Geschichte hier zu Ende ist, wollen wir Ihnen die restlichen Bilder nicht vorenthalten. Denn auch wenn es sich nicht um riesige Autofriedhöfe handelt, so sind die Aufnahmen dennoch beeindruckend.

Bild

Bild: Zero Hedge

Bild

Bild: Zero Hedge

Bild

Bild: Zero Hedge

Bild

Bild: Zero Hedge

Bild

Bild: Zero Hedge

Bild

Bild: Zero Hedge

Bild

Bild: Zero Hedge

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

4
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Juro Salztal 03.06.2016 07:43
    Highlight Highlight Sie schreiben, dass die Autoren alles nur erfunden haben und dass die Autos dort nicht vor sich hingammeln bis sie verschrottet werden. Eine Erklärung, warum trotz monatelanger Wartezeiten auf Neuwagen zig tausende an Neuwagen irgendwo auf Plätzen herumstehen und dennoch (wie sie indirekt sagen doch irgndwann verkauft werden) oder gar einen schlüssigen Beweis für den erfolgten Verkauf bleiben sie aber schuldig!
  • Rene_Artois 20.05.2014 09:05
    Highlight Highlight Zur Aktualität von Google-Maps-Satellitenfotos: Die Aufnahme, auf welcher zur Zeit unser Haus zu sehen ist, zeigt in der Auffahrt unser langjähriges Familienauto, das im Januar 2009 verkauft wurde ...
  • Phipster 19.05.2014 20:07
    Highlight Highlight Kann es sich nicht auch einfach um einen einfachen Scherz handeln?
    Also beim Namen "Tyler Durden" tut sich bei mir grosses Misstrauen auf denn den Namen hab ich irgendwo schon mal gehört... fragt sich nur woher... *hust* Fight Club *hust* ;)
    • alessandro 19.05.2014 23:17
      Highlight Highlight And you just did.

Analyse

Droht den USA das gleiche Schicksal wie der Sowjetunion?

Namhafte amerikanische Wissenschaftler befürchten, dass die Tage der Supermacht gezählt sind.

Harold James ist einer der bekanntesten Wirtschaftshistoriker der Gegenwart. Er ist ein Gelehrter alter Schule: Gentleman, tendenziell konservativ und Professor an der traditionellen Universität Princeton. Leute wie James bilden das Rückgrat der angelsächsischen Elite der Nachkriegszeit. Daher lässt es aufhorchen, wenn James den aktuellen Zustand der USA in einem Essay für Project Syndicate wie folgt beschreibt:

James geht jedoch über die aktuellen Ereignisse hinaus. Er vergleicht die Wall …

Artikel lesen
Link zum Artikel