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Renditen auf Anleihen steigen weltweit – das betrifft auch die Schweiz

Anleihen-Markt: Die langfristigen Zinsen steigen wieder
Bild: keystone/watson

Steigende Anleiherenditen: Die Finanzmärkte rütteln erneut auf

Die Zinsen auf langfristigen Krediten in den grössten Volkswirtschaften haben den höchsten Stand seit Jahrzehnten erreicht.
19.08.2026, 17:2119.08.2026, 18:30

Es ist nicht das erste Mal in den vergangenen Monaten, dass Neuigkeiten zum Anleihenmarkt ihren Weg in die Medien finden. Und meistens verheisst das nichts Gutes. Die Ereignisse der letzten Tage festigen dabei einen Trend zu einer neuen Realität: Die Zeit der tiefen Zinsen dürfte vorbei sein.

Sowohl die Ursachen als auch die Folgen davon sind global – und auch wir in der Schweiz sind trotz eines Leitzinses von null Prozent davon betroffen.

Von welchen Zinsen sprechen wir?

Es geht um die Zinsen auf Anleihen, also auf langfristigen Krediten. Betroffen sind vor allem auch die Zinsen auf langjährigen Staatsanleihen, deren Renditen gerade in die Höhe schiessen.

Was sind Anleihen genau?

Anleihen sind sogenannte festverzinsliche Wertpapiere. Staaten, Unternehmen oder Banken verschaffen sich damit frisches Kapital: Sie nehmen Geld auf und geben dafür eine Anleihe aus, die dem Gläubiger – das können andere staatliche Institutionen sein, Zentralbanken, Geschäftsbanken, aber auch private Investoren – einen regelmässigen Zins (auch Kupon genannt) abwirft.

Anleihen haben eine feste Laufzeit, beispielsweise mehrere Monate, oder gar fünf oder zehn Jahre. Am Ende dieser Zeit erhält der Gläubiger den ursprünglichen Wert der Anleihe (den Nennwert) zurück.

Die Wertpapiere, zum Beispiel Staatsanleihen, können am sogenannten Sekundärmarkt gehandelt werden. Je nach Nachfrage – beeinflusst von Erwartungen für die Zukunft – schwanken sie im Preis (dem Kurs). Weil das Risiko langfristig höher ist, werfen langjährige Anleihen in der Regel einen höheren Zins ab als kurzfristige.

Wichtig ist: Wir sprechen dabei nicht von den Zinsen auf die kurzfristige Geldversorgung, den Leitzinsen. Diese werden von den Notenbanken festgelegt und bestimmen, zu welchen Bedingungen sich Geschäftsbanken Geld bei der Notenbank leihen oder dort anlegen können. Im Gegensatz dazu ergeben sich die Renditen von Anleihen – also die langjährigen Zinsen – am Markt, wo sie öffentlich gehandelt werden können.

Wie hoch sind die Zinsen?

Die Zinsen respektive die Rendite auf 30-jährigen US-Staatsanleihen haben sowohl am Montag als auch am Dienstag den höchsten Stand seit über 20 Jahren erreicht. Dasselbe gilt für die Rendite auf 20-jährige US-Staatsanleihen.

Wichtiger Wert: Die Anleihenrendite (Bond yield)

Bei Anleihen werden die Begriffe Zins und Rendite oft gleichbedeutend verwendet. Das ist aber nicht korrekt: Bei Anleihen spricht man genau genommen von einer Rendite (der Effektivverzinsung) und nicht vom Zins. Dies, weil der tatsächliche Gesamtertrag nicht nur aus dem festen Zins (dem sogenannten Kupon) besteht.

Da Anleihen festverzinsliche Wertpapiere sind, bedeutet die Rendite hier nicht der Zins, sondern die Rendite, die eine Anlegerin aus einer Investition in eine Anleihe erzielt (meist jährlich berechnet).

Die Anleihe kann am Markt nämlich zu einem Preis über ihrem Nennwert oder unter ihrem Nennwert erworben werden. Der Nennwert ist der Betrag, der dem Besitzer der Anleihe bei deren Fälligkeit zurückbezahlt wird.
Die aktuelle Rendite ergibt sich aus dem Verhältnis des Kupons (des Zinses) der Anleihe zu ihrem Marktpreis.

Preis und Rendite stehen daher in einem umgekehrten Verhältnis zueinander: Steigt der Kurs einer Anleihe, sinkt ihre Rendite.

Daraus ergibt sich das Fazit: Nur wenn man eine Anleihe von Herausgabe bis zu ihrem Laufzeitende hält, entspricht der Zins der Rendite.

Auch die Rendite 30-jähriger deutscher Bundesanleihen hat mit 3,78 Prozent den höchsten Stand seit der Eurokrise im Jahr 2011 erreicht. Die Renditen französischer Anleihen mit derselben Laufzeit stiegen am Dienstag um 0,03 Prozentpunkte auf 4,9 Prozent, der höchste Stand seit 2008. Und in Japan stiegen die Renditen 30-jähriger Staatsanleihen am Dienstag auf 4,16 Prozent und lagen damit nahe ihrem Allzeithoch.

Es sind also vor allem die Staatsanleihen mit sehr langer Laufzeit, deren Rendite stark gestiegen ist und die jetzt deutlich an Wert verlieren.

Hinzu kommt, dass die Rendite neu herausgegebener Staatsanleihen ebenfalls rekordverdächtige Höhen erreicht, zumindest in der grössten Volkswirtschaft der Welt: Viermal im Jahr werden in den USA brandneue Staatsanleihen mit 30-jähriger Laufzeit versteigert. Vergangene Woche, als dies wieder der Fall war, waren diese Staatsanleihen unter den Banken derart unbeliebt, dass eine Rendite von 4,22 Prozent resultierte. Es war die höchste seit den im August 2001 erzielten 5,52 Prozent – damals wurden kurz darauf die Auktionen für 30-jährige Anleihen für fast fünf Jahre ausgesetzt.

Warum sind die Renditen so hoch?

Die Gründe sind vielfältig. Das sind die wichtigsten:

Iran-Krieg und Ölpreise

Zwar meinte Donald Trump jüngst, die USA «sollten die tiefsten Zinsen der ganzen Welt haben, wie es vor dreissig Jahren war». Dabei ist es gerade er selbst, der sich die unrühmlichen Rekorde in die andere Richtung zuzuschreiben hat. Im von ihm angezettelten Iran-Krieg ist auch nach über fünf Monaten keine echte Entspannung in Sicht, auch wenn der US-Präsident gerne mal das Gegenteil behauptet. Die gestiegenen Öl- und Energiepreise schlagen sich immer mehr auch in den Preisen von Konsumgütern durch – und sie befeuern die Inflation. Gerade auf die seit August wieder kontinuierlich gestiegenen Ölpreise dürfte der Zinsanstieg der letzten Tage zurückzuführen sein. «Die Renditen langfristiger Anleihen haben sich in den letzten Tagen weitgehend an den Ölpreisen orientiert», erläuterte ein Ökonom gegenüber der Financial Times. «Wenn der Ölpreis auf 90 Dollar und darüber steigt, gewinnen Inflationssorgen an Bedeutung.»

Angst vor zunehmender und bleibender Inflation

Die Unsicherheit darüber, wo es mit den globalen Inflationsraten und den Zinsen hingeht, ist riesig. Doch die Zeichen, dass sie so schnell nicht wieder sinken werden, verdichten sich. Obwohl die Notenbanker zunächst abwarteten und darauf hofften, dass der Preisanstieg zwar heftig, aber von kurzer Natur sein wird, sahen sich seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs einige bereits zu einer Zinserhöhung gezwungen. Und im Fall der USA zeichnet sich ebenfalls ein Zinsschritt nach oben ab – auch wenn der neue Notenbankchef Kevin Warsh sich unter keinen Umständen in die Karten schauen lassen will.

Entscheidend kommt hinzu, dass die Nationalbanken seit der Inflation nach der Coronapandemie und der Zinswende 2022 eine andere Geldpolitik verfolgen: Die gestiegenen Leitzinsen gingen mit deutlich weniger Anleihenkäufen durch die Nationalbanken einher. Das setzt den Preis der Anleihen unter Druck, was wiederum deren Rendite ansteigen lässt.

Der Umstand, dass insbesondere langfristige Zinsen viel stärker steigen als kurzfristige, zeigt, wovon die Märkte jetzt ausgehen: Man verlangt eine höhere Kompensation für langfristige Kredite, um für die zunehmende Unsicherheit und den Wertverlust, der durch die erwartete zukünftige Inflation geschieht, kompensiert zu werden.

Wachsende Staatsschulden

Sowohl in Deutschland (2025: 63,2 Prozent) als auch in Frankreich (115,3 Prozent), Italien (138,2 Prozent), im Vereinigten Königreich (102,6 Prozent) und generell im EU-Durchschnitt (83 Prozent) steigen die Staatsschulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt seit 2023 wieder an. In Japan stagniert die Quote auf extrem hohen knapp 250 Prozent. Und in der grössten Volkswirtschaft der Welt sieht es nicht besser aus: Die US-Regierung gibt deutlich mehr aus als sie einnimmt. Der Markt für US-Staatsanleihen – der grösste und wichtigste weltweit – ist von 4,5 Billionen Dollar im Jahr 2007 auf mehr als 31 Billionen Dollar angeschwollen.

Während in den Jahren vor 2023 die Nachwirkungen der Coronapandemie ins Gewicht fielen, sind es heute zum einen die strukturellen Defizite: Die Ausgaben, zum Beispiel für Rüstung, für Renten oder für Krisenbewältigung, übersteigen oft die Steuereinnahmen. Zum anderen müssen stark verschuldete Staaten eine gerade bei höheren Zinsen wachsende Summe an Zinszahlungen auf diesen Schulden tätigen. In vielen Fällen kann das Wirtschaftswachstum der Staaten nicht mit den gestiegenen Schulden mithalten, was die Schuldenquote zusätzlich ansteigen lässt.

Besonders deutlich ist die sogenannte Zinslast in den USA zu sehen: Erstmals zahlt das Land rund 3 Milliarden US-Dollar an Zinsen auf seine Staatsschulden – pro Tag. Es ist daher logisch, dass ein Land, das bereits alleine für die Bewältigung seiner Schulden so viel Geld aufwenden muss, einen zunehmend hohen Zins auf diese zahlen muss.

KI-Boom

Um ihre gigantische KI-Infrastruktur zu finanzieren, wenden sich Tech-Riesen wie Alphabet, Amazon und Microsoft zunehmend an den Anleihenmarkt. Früher bezahlten sie praktisch alle Investitionen und Ausgaben mit ihrem sogenannten Free Cash Flow, also mit jenem verfügbaren Barvermögen, das einem Unternehmen nach Abzug aller Betriebskosten und Investitionen übrig bleibt. Das hat sich seit dem KI-Boom dramatisch geändert. In den letzten Monaten verschuldeten sich die Tech-Unternehmen immer stärker über langjährige Anleihen. Das hat den Anleihenmarkt mehr und mehr gesättigt. Und da die KI-Firmen mit ihren Milliarden-Anleihen quasi mit dem US-Staat um das Geld der oft gleichen Kreditgeber buhlen, dürften auch sie damit die langfristigeren Zinsen hochtreiben.

Was sind die Auswirkungen?

Höhere Renditen freuen die Anlegerinnen und Investoren. Doch sie haben auch ihre Kehrseite: Für die Staaten wird es noch teurer, sich zu verschulden. Aber nicht nur für sie: Da sich viele Zinssätze an den Anleiherenditen orientieren, werden Kredite auch in der Realwirtschaft teurer. Das gilt für Firmenkredite ebenso wie für Bauzinsen oder Hypotheken.

Auch für die Aktienmärkte können sich die gestiegenen Renditen im Anleihenmarkt negativ auswirken: Lohnt es sich wieder mehr, in Anleihen zu investieren, werden Aktien vergleichsweise unattraktiver. Solche sprunghaften Anstiege der Renditen könnten also stärkere Bewegungen auf den Aktienmärkten auslösen – so geschehen am Montag und Dienstag: Insbesondere die Aktien von Unternehmen aus dem KI-Bereich wie diejenigen der Chip-Produzenten befeuerten in den USA deutliche Verluste an den Börsen.

USA kündigen mehr Anleihenrückkäufe an
Das US-Finanzministerium hat am Mittwoch angekündigt, die Rückkäufe langlaufender Anleihen deutlich zu erhöhen. Der Schritt des Finanzministeriums signalisiert Besorgnis über den anhaltenden Ausverkauf am Anleihenmarkt, der die Renditen für 30-jährige Anleihen auf den höchsten Stand seit 2007 getrieben hatte.

Wie ist die Situation in der Schweiz?

Die Zinsen in der Schweiz verharren auf deutlich tieferem Niveau als in fast allen anderen Ländern. Die Rendite auf 10-jährigen Staatsanleihen ist seit Beginn des Jahres aber ebenfalls leicht gestiegen. Seither liegt sie bei meist über 0,4 Prozent – im Vergleich zu den 2 bis 3 Prozent im vergangenen Jahr. Historisch gesehen ist das jedoch auch für die Schweiz immer noch sehr tief.

Trotzdem: Die leicht höheren Staatsanleihen drücken auch hierzulande und trotz der Nullzinspolitik auf die Hypotheken. Laut dem Hypotheken-Index von Moneyland.ch zogen die Richtzinsen für Festhypotheken im Juli markant an. Die Zinsen für Laufzeiten von zwei, fünf und zehn Jahren stiegen jeweils um gut 0,2 Prozentpunkte auf 1,51, 1,73 und 1,97 Prozent. Damit erreichten sie teilweise Jahreshöchststände.

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