Wirtschaft
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Members of the Swiss Young Socialist Party carry boxes with more than 117,000 signatures of their 'Stop [price] speculation with food' initiative on the Federal square in Bern March 24, 2014.  REUTERS/Ruben Sprich (SWITZERLAND - Tags: POLITICS)

Mitglieder der Juso reichen in Bern die Unterschriften ein. Bild: Reuters

Juso-Initiative gegen Nahrungsmittelspekulation

Du sollst nicht mit dem Essen spielen! Aber warum eigentlich nicht?

Heute reicht die Juso ihre Initiative «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln» ein. Was sie will, was die Wissenschaft zum spekulativen Handel sagt und welche Schweizer Banken involviert sind. Eine Übersicht.

24.03.14, 12:29 28.07.14, 12:39

Die Spekulation mit Nahrungsmitteln ist des Teufels. Wir – also die Hochfinanz im Westen – spielen an den Börsen mit den Grundnahrungsmitteln der Ärmsten, treiben die Preise in die Höhe, streichen die Gewinne ein, während die Menschen in Afrika verhungern. So sehen es die Kritiker, die seit Jahren jedwede Form der Spekulation mit Agrarrohstoffen anprangern und einen Verzicht des Handels mit entsprechenden Finanzprodukten fordern. Auch in der Schweiz«Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln» fordern die Jungsozialisten zusammen mit den Hilfswerken Swissaid und Solidar Suisse in einer Initiative, die heute eingereicht wird.

Bloss, haben sie recht? Falsch liegen sie nicht, dennoch ist die Sache weitaus komplexer als bis anhin dargestellt. Klar ist: Die Spekulation mit Agrarrohstoffen beschert weder den Banken fette Gewinne, noch trägt sie zur globalen Versorgungssicherheit bei. Warum also braucht es dieses Geschäft, das niemand reicher macht und gleichzeitig starke Preisschwankungen auf den Märkten verursachen kann? Darüber wird in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kontrovers debattiert.

German Heiner Flassbeck, UNCTAD, Director, Divison on Globalization and Development Strategies, speaks during a press conference about the Report on the Global Economic Crisis:

Heiner Flassbeck. Bild: KEYSTONE

«Der Preis von Reis wird fast ausschliesslich von der Spekulation getrieben. Da wird es moralisch mehr als bedenklich.»

Heiner Flassbeck ehemaliger Chef-Ökonom bei UNCTAD

Die Hungersnöte

Ein Blick zurück schärft das Verständnis für die heutige Debatte. Im Zentrum stehen dabei die massiven Preissprünge bei Grundnahrungsmitteln in den vergangenen Jahren. So verzeichnete der von den Vereinten Nationen berechnete Nahrungsmittelpreisindex zwischen 2006 und 2008 eine Preissteigerung von 71 Prozent bei den Grundnahrungsmitteln. Für Reis und Getreide betrug die Steigerung gar 126 Prozent. Besonders betroffen von diesen Preisausschlägen waren Entwicklungs- und Schwellenländer – mit dramatischen Folgen: Es kam zu globalen Hungersnöten. In über 30 Ländern gingen Millionen Menschen auf die Strasse und protestierten gegen die hohen Lebensmittelpreise.

Mehr 

Die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) schätzt, dass die Krise zwischen 2006 und 2008 für rund 80 Millionen Menschen Hunger und Elend bedeutete. Gemäss dem Diskussionspapier von Joachim von Braun und Getaw Tadesse nahm die Armut in Pakistan auf einen Schlag um 35 Prozent zu und in Äthiopien mussten die Menschen ihren Kalorienkonsum um einen Viertel reduzieren. Laut Schätzungen der Weltbank stieg die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen um etwa 130 bis 155 Millionen.

Die Preise für Grundnahrungsmittel erreichten in dieser Zeit einen 30-jährigen Höchststand. Seitdem sind sie weiter gestiegen. Eine weitere Preisspitze war 2010/11 zu beobachten, wie die folgende Grafik zeigt.

Grosse Unterschiede beim Haushaltseinkommen

In der Schweiz geben wir rund 10 Prozent (in anderen Industrie-Ländern bis 20 Prozent) unseres verfügbaren Einkommens für Nahrungsmittel aus. In Entwicklungsländern und Schwellenländern sind es zwischen 60 bis 80 Prozent. Dementsprechend wirken sich Preisschwankungen in solchen Ländern gravierender aus als bei uns.

Die Preissteigerung von 71 Prozent bei Grundnahrungsmitteln führt in einem hiesigen Haushalt zu zirka 10 Prozent Mehrausgaben. Ein Haushalt in einem Entwicklungsland ist dagegen mit knapp 50 Prozent Mehrausgaben belastet. (sza)

Nominale Agrarpreise: Trends und Spitzen

Die Grafik zeigt einerseits einen generellen Trend zu höheren Preisen. Zudem kam es zu extremen Ausschlägen in den zwei Perioden 2007/08 und 2010/11.  Quelle: FAO Food Price Index

Die Preise

Die Agrarpreise unterliegen seit jeher starken Schwankungen und sind selten stabil. Zum Teil sind die Preisentwicklungen von realwirtschaftlichen Faktoren getrieben. Dazu zählen:

Um Preisschwankungen, im Börsenjargon Volatilität genannt, abzufedern, wurden die Terminmärkte erfunden. Mit Hilfe eines Termingeschäfts, also eines Future-Kontrakts, kann ein Bauer seine erwartete Ernte bereits heute am Markt zu einem festen Preis anbieten, das Geschäft selbst wird erst ein paar Monate später abgewickelt. Damit sichert sich der Bauer gegen einen Preissturz ab und hat bereits einen sicheren Abnehmer gefunden. Das beschert Käufern wie Verkäufern Planungssicherheit und sorgt für Preisstabilität.

Jammu, Indien: Auf lange Dürreperioden folgten 2011 Hungersnöte. Bild: AP



Die Deregulierung

Indexfonds in der Kritik

Banken bieten Privat- und Grossanlegern börsengehandelte Indexfonds (ETF) auf Rohstoffe an. Mit diesem Geschäft, das unter anderem auch den Handel mit Terminkontrakten auf Agrargüter enthält, können Anleger auf steigende Preise an den Terminmärkten wetten. Nichtregierungsorganisationen machen diese Finanzderivate für die Preisausschläge verantwortlich. (sza)

Was sich jedoch zwischen 2006 und 2008 abspielte und schliesslich 2010 wiederholte, kann alleine anhand von realwirtschaftlichen Faktoren nicht erklärt werden. Die Preisausschläge – das ist heute gesichertes Wissen – wurden durch den spekulativen Handel mit Nahrungsmitteln auf den globalen Finanzmärkten angetrieben. Wie kam es dazu?

Seit den 1990er-Jahren hat sich der Handel mit Agrarrohstoffen fundamental verändert. Grund dafür ist die Deregulierung der Rohstoff-Finanzmärkte Ende der 90er-Jahre durch die USA. Derivate-Deals wurden von der Aufsicht freigestellt, Beschränkungen für den Handel mit Energie-Futures aufgehoben und die Chicago-Terminbörse lockerte die Positionslimiten für die Händler.

Das ermöglichte Banken, Hedgefonds und Versicherungen verstärkt im Sektor des Agrarrohstoffhandels zu spekulieren. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 2007, die mit der US-Immobilienblase verknüpft war, wandten sich die Investoren von den Immobilien ab und verlegten sich auf die Nahrungsmittelspekulation. Ein Zahlenbeispiel illustriert diese Verschiebung: 2003 waren Finanzinvestoren mit 13 Milliarden Dollar auf den Rohstoff-Derivatemärkten investiert, im Frühjahr 2013 waren es 33 Mal mehr – nämlich 430 Milliarden Dollar.

Wenn nicht mehr Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, werden falsche Signale an die Produzenten gesendet, was dramatische Folgen wie Über- oder Unterproduktion haben kann. Das wiederum führt zu starken Preisschwankungen, einer hohen Volatilität. Was zwischen 2006 und 2008 auf den globalen Agrarrohstoffmärkten zu beobachten war, liegt auch im spekulativen Verhalten der Hochfinanz begründet.

Die Wissenschaft

Seit Jahren wird in der Wissenschaft (mehr oder weniger seriös) darüber gestritten, wie sich die Spekulation mit Agrarrohstoffen auf die Grundnahrungsmittel-Preise auswirkt. Etwas Ruhe in die Sache bringen nun unsere östlichen Nachbarn. Die Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) haben kürzlich den ersten Teil eines breit angelegten Forschungsprojekts «Finanzmärkte und der Rohstoffboom – Auswirkungen auf Entwicklungsländer» abgeschlossen. 

Die Forscher stellen fest: 

Die Zocker, im Börsenjargon Money Manager genannt, sind die Hauptakteure im Nahrungsmittel-Casino. Darunter zu verstehen sind Hedgefonds, professionelle Handelsberater sowie Banken und Wertpapierfirmen, die Eigenhandel betreiben. In den Krisenjahren haben die Money Manager stark an Bedeutung gewonnen. «(...) seit 2006/07 sind die Preisveränderungen bei den verschiedenen Rohstoffen zu zehn bis 50 Prozent durch die Money Manager verursacht worden», kommen die Forscher zum Schluss.

Und bezüglich des Weizenmarkts halten die Studienautoren fest, dass «die fundamentalen Faktoren von Angebot und Nachfrage nach Weizen noch in den 90er-Jahren bis 2006/07 die Preisentwicklung erklären konnten». Doch seither hätten Spekulanten die Preise zusätzlich beeinflusst. Mit anderen Worten: Exzessive Spekulation führt zu Blasen. Diese gefährden das Funktionieren der Warenterminmärkte, erhöhen die Preisschwankungen und können zu Hungersnöten führen.

Die Banken 

Auch die Schweizer Banken spielen im Nahrungsmittel-Casino um Cash. Laut Recherchen der Nichtregierungsorganisationen «Brot für alle», «Fastenopfer» und «Alliance Sud» beliefen sich die Investitionen von zehn Schweizer Banken auf landwirtschaftliche Produkte im Jahr 2013 auf rund 3,6 Milliarden Franken. An der Spitze steht die Credit Suisse mit einem Investitionsvolumen von rund 2,5 Milliarden Franken, gefolgt von der UBS und der Bank Sarasin mit je rund 350 Millionen Franken. 

Die Investitionen von zehn Schweizer Banken in Derivate auf landwirtschaftliche Produkte beliefen sich im Jahr 2013 auf rund 3,6 Milliarden Franken. Bild: KEYSTONE

In Europa zogen sich inzwischen mehrere Banken medienwirksam aus dem spekulativen Handel mit Agrarrohstoffen zurück. Von den Kommunikationsabteilungen wurden die Ausstiege gerne als Geschichten einer Läuterung verpackt. Allerdings handelt es sich bei den Aussteigern auch um die Banken, bei denen die Rohstoffanlagen ohnehin nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. 

In der Schweiz tut sich derweil wenig. Zwar haben die Credit Suisse und die Zürcher Kantonalbank (ZKB) einen Teilausstieg beschlossen, ganz vom Handel mit Rohstoff-Derivaten absehen wollen aber beide nicht. Sie argumentieren, dass die Wissenschaft keine abschliessende Antwort darauf geben könne, ob der Handel mit entsprechenden Papieren die Grundnahrungsmittelpreise massgeblich beeinflusse. Die UBS ebenso wie die Bank Julius Bär und Bank Vontobel sehen von einem Rückzug aus der Nahrungsmittelspekulation gänzlich ab.

Rohstoff-Fonds von Banken in der Schweiz

Quellen: *Brot für alle/Fastenopfer, **Jan Willem van Gelder/Joeri de Wilde

Die Perspektiven

Unter den G20-Staaten herrscht Konsens darüber, dass der Agrarrohstoffhandel re-reguliert werden muss. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftshistoriker, Hans-Heinrich Bass, plädiert in seiner Studie für «Foodwatch» für folgende Massnahmen:

In einem globalen Markt können nur internationale Standards dafür sorgen, dass Hungersnöte – mit-ausgelöst durch die Spekulation mit Nahrungsmitteln – nicht mehr vorkommen. Darüber herrscht in Wissenschaft und Politik Einigkeit und das sieht auch der Bundesrat so. Doch die Schweizer Regierung tut sich schwer mit dem Thema, wie die Ende 2013 gestartete Vernehmlassung für ein neues Bundesgesetz über die Finanzmarktinfrastruktur (FinfrG) zeigt.

Abwarten und Tee trinken ist die Devise. Der Bundesrat will erst dann entscheiden, wenn die EU über allfällige Massnahmen befunden hat. Die Finanzbranche mahnt derweil, keinen «Swiss-Finish» anzustreben, weil dies dem Finanzplatz schaden könnte. Diese Pattsituation wird nun mit der Initiative der Jungsozialisten durchbrochen. Sie will es den hiesigen Finanzinstituten per Verfassung verbieten, «direkt und indirekt in Finanzinstrumente zu investieren, die sich auf Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel beziehen». Kommt das Begehren zustande, entscheidet das Volk, ob der spekulative Handel mit Nahrungsmitteln per Verfassungsartikel verboten wird.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 27.03.2014 07:10
    Highlight Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln!

    Gleich wie die Spekulation mit Immobilien (Anfang der 90er Jahre in der Schweiz) und Aktien (Dotcom-Blase 1995-März 2000) immer wieder zu überhöhten Preisen führt, ist auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu beurteilen. Nur trifft diese die Ärmsten der Armen. Seit die Rohstoffbörsen für spekulative AnlegerInnen geöffnet worden sind, sind die Preisschwankungen ausser Kontrolle. Nahrungsmittelspekulation kann kurz- und mittelfristig die Preise auf einem Niveau halten, das für die ärmsten Bevölkerungsschichten Hunger und Tod bedeuten kann.
    1 1 Melden
  • Parkouma 24.03.2014 21:23
    Highlight Die Skepsis an der Evidenz der Problematik der Nahrungsmittelspekulationen im heutigen Ausmass erinnert doch sehr stark an die Skepsis am Klimawandel.
    Auch hier handelt es sich um einen einigermassen komplexen Sachverhalt mit vielen Faktoren. Auch sind enorme finanzielle Interessen im Spiel und nicht zuletzt geht es auch hier wieder um viel Ideologie, nämlich ob man in den Markt eingreifen dürfe oder nicht.

    Man kann in solchen Diskussionen immer mit dem Argument kommen, es sei wissenschaftlich noch nicht geklärt ob es sich um Korrelation oder um Kausalität halte.
    Man kann auch, wie Andri Silberschmidt, selbst Experte spielen und darauf hinweisen, dass die Schwankungen "weniger dramatisch" als dargestellt seien. Solche "Argumente" ändern nichts an dem Fakt, dass es binnen einem Jahr aufgrund des Preisanstieges (und dieser Anstieg hängt eben *nicht* mit plötzlicher niedrigerer Produktion oder plötzlicher grösserer Nachfrage zusammen) zu 75 MILLIONEN zusätzlichen hungernden Menschen und in 60 Ländern zu Unruhen kam.
    3 1 Melden
  • tux_ping 24.03.2014 18:32
    Highlight Muss Herrn Silberschmidt zustimmen, leider kein neutraler Beitrag. Deswegen sollte man es meiner Meinung nach auch als "Meinung" publizieren und nicht als normalen Artikel. Wieso bitteschön ist die Stellungnahme der Uni Halle weniger seriös? Weil sie nicht mit der Meinung von Herrn Zaugg übereinstimmen? Wenn schon so etwas behauptet wird, erwarte ich auch eine Begründung.

    Und wie schon gesagt, finde ich, dass solche Beiträge, klar als Meinung gekennzeichnet werden sollten.
    4 5 Melden
  • angelozehr 24.03.2014 14:13
    Highlight Vielen dank für diesen ausführlichen und gleichzeitig Verständlichen Artikel über diese hochaktuelle Thematik.
    Es wird Zeit, dass die Politik handelt und die entfesselten Finanzakteure wieder fesselt
    10 5 Melden
  • Andri Silberschmidt 24.03.2014 13:19
    Highlight Leider kein differnzierter Beitrag:

    1) Wieso wird die nominale und nicht reale (inflationsadjustierte) Preisentwickklung gezeigt?
    1.1) Die sieht weit weniger dramastisch aus
    1.2) Die Rolle der Zentralbanken (money printing) wird im Artikel ausgeblendet

    2) Der Autor verwechselt Korrelation mit Kausalität. Nur weil die Preise gestiegen sind muss es noch lange nicht heissen, dass dies wegen Spekulanten ist. Bei einem Termingeschäft gibt es immer jemanden, der den Rohstoff kauft und auf der Gegenseite jemanden, der diesen verkauft. Der Autor zeigt nicht auf, inwiefern ein solches Geschäft auf den Preis einen Einfluss haben soll.

    3) Die Volatilität wird durch Termingeschäfte gebremst. Dies sieht man bspw. wenn man den Zwiebelmarkt ansieht, wo die Spekulation verboten ist. Der Markt untergliegt massiv mehr Schwankungen.

    4) Mit der Wertung von "mehr oder weniger seriösen" Studien zeigt der Autor seine allgemeine Haltung zu diesem Thema auf, weshalb es meines Erachtens nur ein guter Propagandaartikel für die JUSO ist, aber sicherlich keine neutrale Auseinandersetzung zum Thema.
    12 6 Melden

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