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Interview

«BMW ist schlecht für die Zukunft aufgestellt»

Das junge Startup-Finanzunternehmen Inyova legt sich mit BMW an, einem weltweit führenden Autohersteller. Grössenwahn, oder was? Tillmann Lang, CEO und Mitbegründer von Inyova, erklärt, weshalb er befürchtet, dass BMW die Zukunft verschläft, und weshalb das Unternehmen eine amerikanische Mobilitätsprofessorin im Aufsichtsrat braucht.
30.04.2022, 09:5530.04.2022, 09:56

In den Neunzigerjahren war der Shareholder-Aktivismus eine grosse Sache. Pensionskassen und andere Aktionäre versuchten, Einfluss zu nehmen auf die Strategien von börsennotierten Unternehmen. Ist Inyova eine Art Shareholder-Aktivismus 2.0?
Shareholder-Aktivismus ist nicht Kern unserer Bemühungen, aber ein wichtiger Teil. Wir bieten unseren Kunden primär eine Geldanlage an, und zwar eine, die eine Marktrendite verspricht. Zum anderen wollen wir auch die Welt verbessern.

Wow! Eine Art Google und das legendäre Versprechen von «don’t be evil»?
Wir sehen uns ganz anders als Google. Was wir anstreben, sind messbare Verbesserungen der Welt. Wir überlegen uns, was das Finanzsystem dazu beitragen kann, existenzielle Probleme wie die Klimakrise zu bewältigen.

Zu den Shareholder-Aktivisten der Neunzigerjahre gehörten jedoch auch die Raider. Diese haben die Unternehmen angegriffen, um die grösstmögliche Rendite zu erzielen. Dazu gehört Inyova sicher nicht, oder?
Nein, wir haben eine langfristige Perspektive. Unsere Kunden denken nicht für ein Jahr, sondern für die nächsten 30 Jahre. Wir machen auch keine strategischen Vorschläge. Wir zeigen einzig auf, wo ein Unternehmen strategische Defizite aufweist und wie man diese mit den entsprechenden Massnahmen beheben könnte. Was auch ganz wichtig ist: Wir sind kein Hedgefonds für reiche Menschen, wir vertreten Kleinaktionäre.

Heute wollen alle grün investieren. Auch BlackRock, der grösste Vermögensverwalter der Welt, will die Welt verbessern. Gleichzeitig versprechen alle, mit ökologischen Anlagen Geld zu verdienen. Wie lösen Sie dieses Versprechen ein?
Zum einen machen wir keine übertriebenen Rendite-Versprechen. Wir geben uns mit der Marktrendite zufrieden. Wir setzen auch nicht auf ein paar ausgewählte Unternehmen, sondern auf ein breit gestreutes Portfolio.

Tillmann Lang, CEO und Co-Gründer Inyova.
Tillmann Lang, CEO und Co-Gründer Inyova.

Wie unterscheiden Sie sich von BlackRock und Vanguard, den beiden weltweit grössten Anbietern von ETFs und Fonds?
In der Welt der nachhaltigen Anlagen gibt es sogenannte «Filtermechanismen». Diese filtern Unternehmen aus, die nicht ökologischen und sozialen Kriterien entsprechen. Das versteht man gemeinhin unter dem Label ESG (Gütesiegel für ökologische und sozialverantwortliche Unternehmen, Anm. der. Red.). In diesen Filtern bleiben die üblichen Verdächtigen hängen, Kohleminen, Waffenhersteller, etc.

ESG ist inzwischen allgegenwärtig. Was machen Sie anders?
Wenn man Wirkung erzielen will, muss man dafür sorgen, dass nicht nur gefiltert wird, sondern dass das Kapital auch an die richtigen Stellen fliesst. Gleichzeitig muss man die Eigentumsrechte ausüben, die jedem Aktionär zustehen.

Auch BlackRock übt die Eigentumsrechte der Aktionäre aus.
Na ja, BlackRock-CEO Larry Fink verschickt zwar schöne Briefe, in der Regel stimmen seine Vertreter in den Aufsichtsgremien jedoch brav dem zu, was das jeweilige Management unter Klimabekämpfung verspricht. Bei Vanguard ist es genau so.

Sie verwalten rund 200 Millionen Franken an Kundengeldern, bei BlackRock und Vanguard sind es Billionen, und zwar deutsche Billionen.
Die gibt es auch schon länger als uns.

Wie auch immer, in der Finanzwelt sind Sie noch ein Winzling. Trotzdem legen Sie sich nun mit einem der grössten und renommiertesten Unternehmen Deutschlands an, mit BMW. Mit Verlaub: Ist das nicht ein bisschen grössenwahnsinnig?
Wir wollen uns gar nicht mit BMW anlegen. Wir wollen nicht die Türe eintreten und sagen: Ihr seid schlecht. Wir kämpfen nicht gegen, sondern mit und um BMW.

«BMW ist für uns ein sehr interessanter Fall. Es ist eine unglaublich tolle Marke und steht für jahrzehntelange Ingenieurskunst.»

Was wollen Sie dann konkret erreichen?
Wir machen den Vorschlag, Susan Shaheen in den Aufsichtsrat aufzunehmen. Sie ist Professorin an der University of Berkeley und Expertin für emissionsfreie Mobilitätssysteme. Wir sind überzeugt, dass unser Vorschlag konstruktiv ist und dem Unternehmen unglaublich helfen würde. Wir haben diesen Vorschlag auch intensiv mit BMW diskutiert. Leider hat sich das Unternehmen dagegen entschieden.

Dann dürfte es schwierig werden. BMW wird bekanntlich von der Familie Quandt kontrolliert. Wäre es nicht sinnvoller, bei einem Unternehmen tätig zu werden, dass keinen so starken Anker-Investor hat?
Frau Klatten und Herr Quandt vertreten 47 Prozent der Stimmen. Wer bei BMW etwas ändern will, muss alle anderen hinter sich scharen. Trotzdem ist BMW für uns ein sehr interessanter Fall. Es ist eine unglaublich tolle Marke und steht für jahrzehntelange Ingenieurskunst.

Auch für eine bedenkliche Nazi-Vergangenheit.
Das gilt leider für viele alte deutsche Konzerne. Wir schauen in die Zukunft. Mobilität ist eines der grössten Probleme der Klimakrise. Tesla allein wird es nicht richten können.

Zumal Elon Musk ja nun mit Twitter beschäftigt ist.
Das wird ihn nicht gross abhalten. Doch ernsthaft: Wir verstehen BMW sehr gut, und wir sind überzeugt, dass wir Unternehmen wie BMW künftig dringend brauchen werden.

Nochmals: Wollen Sie nicht in einer zu hohen Liga spielen? Ist es nicht so, wie wenn der FC Wiedikon den FC Bayern schlagen wollte?
Es ist auch schon vorgekommen, dass der FC Bayern im Cup gegen eine Regionalmannschaft ausgeschieden ist. Und wir haben einen grossen Anspruch. Wir wollen das BlackRock der grünen Anlagen werden. Wir sind einfach noch viel kleiner.

Technisch top, wirtschaftlich flopp: der BMW i3.
Technisch top, wirtschaftlich flopp: der BMW i3.Bild: AP/AP

BMW war ein Pionier des Elektroautos. Jetzt ist es zu einem Nachzügler geworden. Was ist schiefgelaufen?
Darüber kann ich auch nur spekulieren. VW hatte Dieselgate. Das hat eine ganze Manager-Generation ausgewechselt. Diese Zäsur hat es bei BMW nicht gegeben. Wir sprechen zudem von einem konservativen Unternehmen.

Trotzdem war BMW in vielen Dingen ein technischer Vorreiter. Das Elektroauto i3 hatte eine sehr gute Presse, ist jedoch offenbar nicht wirtschaftlich.
Nochmals, ich kann da auch nur spekulieren. Es soll da einen Machtkampf gegeben haben, bei dem man sich offenbar entschieden hat, gleichzeitig auf den Verbrennermotor und den Hybridantrieb zu setzen.

Bisher scheint diese Strategie aufzugehen. BMW hat letztes Jahr einen Rekordgewinn in der Höhe von rund 12 Milliarden Euro erzielt.
Das stimmt. Gleichzeitig ist BMWs EBIT-Marge deutlich schlechter als die der Konkurrenz. (EBIT ist der Gewinn vor Zinszahlungen und Steuern, Anm. der Red.). Wichtiger ist jedoch, was wir als Blackberry- oder Nokia-Syndrom bezeichnen. Auch diese beiden einst weltführenden Unternehmen haben es verpasst, auf dem Zenit ihres Erfolges die Weichen für die Zukunft richtigzustellen. Wir glauben, dass sich auch BMW schlecht für die Zukunft aufstellt.

Kann ein Automobilunternehmen so schnell vom Markt verschwinden?
Autos werden auf sogenannten Plattformen gebaut. BMW hat noch nicht einmal eine solche Plattform für Elektroautos. Eine solche Plattform zu entwickeln und zu bauen, dauert jedoch fünf Jahre und kostet fünf Milliarden Euro. Sollte also BMW jetzt ernsthaft beginnen, eine solche Plattform einzurichten, würden die ersten Autos frühestens 2028 vom Band laufen. Andere Autohersteller sind deutlich weiter. VW hat bereits eine solche Plattform. BMW riskiert somit, abgehängt zu werden.

«Beim Wasserstoff ist die Zukunft einfach noch sehr verschwommen.»

Ein Auto wechselt man nicht so schnell wie ein Smartphone.
In Deutschland werden die Dienstwagen alle 18 bis 24 Monate ausgewechselt. Doch das ist nicht der springende Punkt. BMW setzt immer noch auf die Hybrid-Technologie, eine Technologie, der allgemein keine Zukunft nachgesagt wird. Wir haben daher in einem Brief an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Norbert Reithofer, vor einem Fukushima-Moment gewarnt.

Dem durch einen Tsunami verursachten Atomkraftwerk-Unfall in Japan?
Ja, und zwei Wochen später ist der Krieg in der Ukraine ausgebrochen. Das wird dem ohnehin schon starken Trend in Richtung Elektromobilität nochmals einen kräftigen Schub verleihen.

Fairerweise muss man jedoch erwähnen, dass BMW nicht untätig bleibt. Wie bei Toyota wird intensiv an einem Wasserstoff-Auto geforscht. Was sagen Sie dazu?
Dazu haben wir auch intern verschiedene Meinungen. Klar ist einzig, dass die Hybrid-Technik eine Sackgasse ist. Beim Wasserstoff ist die Zukunft einfach noch sehr verschwommen. Beim Elektroauto ist jedoch inzwischen unbestritten, dass wir schon bald auch die nötige Infrastruktur haben werden.

Tesla ist mehr als ein Auto. Hier eine Tesla-Batterie für das Einfamilienhaus.
Tesla ist mehr als ein Auto. Hier eine Tesla-Batterie für das Einfamilienhaus.Bild: AP/AP

Die BMW-Generalversammlung findet am 11. Mai statt. Sie wollen Susan Shaheen in den Aufsichtsrat hieven, wissen aber bereits heute, dass Sie keine Chance haben. Was soll das Manöver somit?
Wir wollen aufzeigen, dass es derzeit im Aufsichtsrat erstens zu wenig Expertise in Sachen Klimapolitik und nachhaltiger Mobilität gibt. Natürlich meinen wir damit nicht rein technische Fragen.

Sondern?
Elon Musk sagt schon heute: Ich brauche das Auto, um ins Haus zu kommen. Er meint damit, dass der Tesla künftig ein integraler Teil einer umfassenden solaren Energieversorgung sein wird. Ein Elektroauto kann beispielsweise auch als eine rollende Batterie verwendet werden. In diesem Bereich fehlt es bei BMW an Expertise, und genau das könnte Susan Shaheen mitbringen.

Woran fehlt es im BMW-Aufsichtsrat sonst noch?
An Frauen. Abgesehen von Frau Susanne Klatten gibt es nur Arbeitnehmervertreterinnen. Und 19 der 20 Mitglieder sind deutsch. Dabei ist gerade der amerikanische Markt für BMW von grösster Bedeutung.

Warum finden Sie für Ihr Anliegen kein Gehör? Ist es das berühmte bayrische «mia san mia»?
Ich kann wiederum nur spekulieren. Einerseits müsste ein Mitglied des Aufsichtsrates Platz machen. Zweitens hat man wohl auch das Gefühl, keine Frischluftzufuhr von aussen nötig zu haben. Ehrlicherweise müssen wir auch zugeben, dass wir mit unserem Anliegen reichlich spät gekommen sind.

Als PR-Vertreter von BMW würde ich sagen: Da kommt ein Start-up aus Zürich und will sich auf unsere Kosten profilieren. Ist da etwas dran?
Keine Frage, das werden einige so sehen. Wir sind jedoch überzeugt, dass unser Anliegen echt wichtig ist, und zwar im doppelten Sinne: Wir brauchen BMW für eine ökologische Mobilität der Zukunft. Und wir wollen auch, dass Kleinaktionäre ernster genommen werden.

«Wir wollen das BlackRock der grünen Anlagen werden. Wir sind einfach noch viel kleiner.»

Sprechen wir noch kurz über die Zukunft von Inyova. Sie haben bereits erwähnt, Ihr Ziel sei es, ein grünes BlackRock zu werden. Ein ambitioniertes Ziel, um es höflich auszudrücken.
Wir beschäftigen uns ja nicht nur mit BMW, sondern etwa auch mit Netflix, Spotify und anderen. Das Ziel, das wir uns gesetzt haben, ist, eine Million Kleinaktionäre zu haben. Menschen, die über eine nachhaltige Zukunft, über ihre Kinder und ihre Altersvorsorge nachdenken.

Wie viele sind es heute?
Rund 10’000. Ich weiss, wir haben noch einen langen Weg vor uns.

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Selbstfahrende Autos – das musst du wissen

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Selbstfahrende Autos – das musst du wissen
quelle: ap/waymo / julia wang
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Hier werden ohne schlechtes Gewissen einfach mal zig Autos gecrasht.

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101 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Yunnan
30.04.2022 10:57registriert Oktober 2019
Für alle, die hier wie ich einen Anglizismus wittern: Blackrock und Vanguard verwalten tatsächlich (deutsche) Billionen (nicht nur "billions").
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Mimo Staza
30.04.2022 14:40registriert März 2020
@Redaktion: "Das versteht man gemeinhin unter dem Label ESG (Gütesiegel für ökologische und sozialverantwortliche Unternehmen, Anm. der. Red.)".

ESG ist kein Gütesiegel! ESG (Envirionment, Social, Governance) steht einfach für ökologische, soziale und "governance" Aspekte einer Organisation. Begriff kommt vor allem von Investoren und Analysten und wird oft synomym mit Nachhaltigkeit ("Sustainability") und CSR (Corporate Social Responsibility) verwendet.
Es ist aber kein Gütesiegel, in keinster Weise. Im Interview ist "Label ESG" als "Begriff ESG" zu verstehen und nicht als "Gütesiegel".
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dmark
30.04.2022 11:14registriert Juli 2016
Immer wieder lustig, wenn junge Menschen meinen, dass sie ob ihres Abschluss und ein paar verwegenen Ideen, einen ganzen Industriezweig aus den Angeln hebeln und Wirtschaft neu erfinden könnten...
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