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Abwärts: Der Kurs des Rubel.
Abwärts: Der Kurs des Rubel.
Bild: Pavel Golovkin/AP/KEYSTONE
Rubel stürzt ins Bodenlose

Wirtschaft vor Kollaps – Russen in panischem Kaufrausch

Die Zentralbank in Moskau hebt die Zinsen auf sagenhafte 17 Prozent, doch es nützt alles nichts: Der Kurs des Rubel fällt und fällt – mit dramatischen Folgen für die ohnehin schwache russische Wirtschaft. 
16.12.2014, 13:1917.12.2014, 10:40
Benjamin Bidder, Moskau / Spiegel Online
Ein Artikel von
Spiegel Online

Der Absturz des russischen Rubel ist auch mit einer gigantischen Zinserhöhung nicht aufzuhalten. Obwohl die Zentralbank in Moskau den Leitzins in der Nacht zum Dienstag von 10,5 auf 17 Prozent angehoben hat, verliert die russische Währung weiter dramatisch an Wert. Gegen Dienstagmittag bekam man für einen Euro mehr als 94 Rubel, am Montagmorgen waren es noch rund 72 Rubel gewesen. Auch der Aktienmarkt brach zeitweise um fast 15 Prozent ein. 

Schon am Montag war der Rubelkurs um mehr als zwölf Prozent eingebrochen. Die Turbulenzen waren so heftig, dass die Zentralbank zur Geisterstunde zum drastischen Zinsschritt griff. Zum Leitzins von 17 Prozent können sich andere Banken nun bei der Zentralbank Rubel leihen. Damit werden allerdings auch Kredite praktisch unbezahlbar, Moskau würgt damit die ohnehin seit Jahren schwächelnden Investitionen ab. 

Grösster Rubel-Absturz seit der Krise 1998 

Rubel-Absturz löst bei den Russen Kaufrausch aus
Es scheint paradox: Der Rubel fällt und fällt und Teile der russischen Bevölkerung verfallen geradezu in einen Kaufrausch. Viele Russen zieht es in Elektronikmärkte, Möbelgeschäfte oder Autohäuser, wo sie ihre Ersparnisse loswerden wollen, bevor die Preise weiter explodieren.
Einkaufszentren erleben derzeit einen spektakulären Ansturm. Jüngstes Beispiel ist die schwedische Möbelkette Ikea, vor deren Filialen sich in den vergangenen Tagen lange Schlangen bildeten. Mehrere Stunden mussten die Kunden warten, bis sie eintreten konnten. (whr/sda)

Vor einem Jahr hatte der Kurs noch bei 45 Rubel pro Euro gelegen. Der aktuelle Absturz ist der grösste seit der Russland-Krise von 1998. Damals schlitterte Russland im Anschluss an die Asien-Krise in den Bankrott. Eine Pleite droht Moskau dank üppiger Devisenreserven kurzfristig zwar nicht. Doch Russland ist stark abhängig von Wareneinfuhren aus dem Westen, dem Handelspartner Nummer eins. Damit droht den Russen im kommenden Jahr ein empfindlicher Preisschock. 

Bei steigenden Preisen sind ihre Gehälter immer weniger wert. Vor allem Rentner und Geringverdiener werden stark betroffen sein, sie geben im Verhältnis besonders viel Geld für Lebensmittel aus. Die Krise bedroht damit indirekt auch ein Versprechen, das der Kreml seinen Bürgern gegeben hat: Russland sei ein «sicherer Hafen», pflegt Präsident Wladimir Putin zu sagen. Das Chaos der 90er Jahre liege hinter dem Land, der Wohlstand wachse. 

Es gibt objektive Gründe für die Schwäche des Rubel. Seit Monaten sinkt der Ölpreis dramatisch. Die Einnahmen aus Rohstoffverkäufen deckten aber bislang rund die Hälfte der russischen Staatsausgaben. Der Rubel-Verfall sei zudem aber auch ein Zeichen «des Misstrauens gegenüber der Wirtschaftspolitik der Regierung», twitterte Ex-Finanzminister Alexej Kudrin. 

Russlands Konzerne müssen sich Krediten in Dollar bedienen 

Bild: Alexander Zemlianichenko/AP/KEYSTONE

Russland hat es versäumt, Strukturprobleme seiner Wirtschaft zu lösen. Die Modernisierung kommt nur schleppend voran, die Staatskonzerne sind ineffizient, die Sanktionen des Westens setzen dem Land zu. 

Für Russlands Konzerne könnte der Kursverfall zu einem Problem werden. Der Grossteil ihrer Einnahmen erfolgt in Rubel, bis Ende Dezember aber müssen sie Kredite in Höhe von 33 Milliarden Dollar bedienen. 2015 kommen mindestens weitere 100 Milliarden Dollar hinzu. Gleichzeitig ist die Refinanzierung wegen der Sanktionen deutlich schwieriger geworden. Die grossen staatlichen Banken Sberbank und VTB sitzen zudem auf vielen faulen Krediten. Sie könnten bald schon auf Staatshilfen angewiesen sein. 

Jetzt auf

Der Rubel-Absturz wird beschleunigt durch weitere Hiobsbotschaften. Am Montag warnte die Zentralbank vor einer tiefen Rezession: Sollte der Ölpreis auf dem jetzigen Niveau von rund 60 Dollar verharren, werde die Wirtschaft um bis zu 4,5 Prozent schrumpfen. Die Krise hat auch die Kapitalflucht beschleunigt, bis Ende 2014 werden rund 134 Milliarden Dollar aus Russland abfliessen. 

Die Hoffnung des Kreml, Sanktionen und Rubel-Schwäche würden russischen Herstellern auf die Sprünge helfen, scheint sich dagegen nicht zu erfüllen. Die Industrieproduktion hatte zwar im Laufe des Jahres etwas angezogen. Im November aber schrumpfte sie sogar leicht, ungeachtet des billigen Rubels. 

Die Russen begegnen der Krise bislang mit einer Mischung aus Gelassenheit und schwarzem Humor. Im Internet macht etwa eine Fotomontage die Runde, die Wladimir Putin in Rodeo-Manier reitend auf der Kurskurve des Rubel zeigt. 

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Und das Massenblatt «Komsomolskaja Prawda» hat eine alte Scherzfrage aus den 90er Jahren wieder ausgegraben: «If you could travel back in time what would you change? – Roubles!»

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