Wirtschaft
Schweiz

Schweizer Krankenkassen an umstrittenem Spitex-Pflege-Business beteiligt

Vater gibt Kleinkind mit Löffel zu essen. Symbolbild.
Eltern fordern Entschädigung für Essen am Tisch: Nur ab wann ist elterliche Unterstützung Pflege und was gehört zur Fürsorgepflicht?Bild: imago-images.de

Krankenkassen an umstrittenem Pflege-Business beteiligt: Der CSS wird es jetzt zu heiss

Missbräuchliche Abrechnungen und Fokus auf Gewinnmaximierung: Das Geschäft mit pflegenden Angehörigen steht im Verruf.
25.04.2026, 10:5325.04.2026, 10:53
Anna Wanner / ch media

Eine Mutter spielt täglich Computerspiele mit ihrem psychisch kranken Sohn, weil sie dadurch Zugang zu ihm findet. Eine andere Mutter schnuppert alle Stunden an den Windeln ihres 5-Jährigen mit einer Autismus-Spektrumsstörung, um zu wissen, ob sie diese wechseln muss. Eine Frau kocht ihrem an Demenz erkrankten Mann ein Zmittag.

Es ist eine endlose Liste an «Leistungen», welche Angehörige unterdessen über die Krankenkasse abrechnen. Dabei ist jeder genannte Fall gemäss Gesetz keine pflegerische Leistung und darum auch nicht kassenpflichtig. Gerade bei Kindern und Eheleuten gehören viele Aufgaben zur gesetzlichen Fürsorgepflicht. Doch das hindert viele Personen nicht daran, fleissig abzurechnen.

Profitierende Krankenkassen

Eine Spitex-Organisation, die im Bereich Angehörigenpflege besonders forsch vorgeht, ist die Firma Pflegewegweiser. In ihrer Werbung spricht die Firma unterdessen direkt Eltern mit nicht sichtbar beeinträchtigten Kindern an: «Holen Sie sich, was Ihnen zusteht.»

Warum besagten Eltern genau was zusteht, wird nicht spezifiziert. Was sich aber in den Rechnungen vieler Krankenkassen zeigt: Angehörige, die bei der Spitex-Firma Pflegewegweiser angestellt sind, rechnen nachweislich mehr Leistungen ab, als dies bei anderen Spitex-Organisationen der Fall ist.

Dass die Abrechnungen auch Aufgaben enthalten, die nicht zur Grundpflege gehören, zeigen die genannten Beispiele. Für die Beteiligten ist dies ein Geschäft: Angehörige können mehr Zeit abrechnen, die Firma kassiert die hohe Abgeltung über Krankenkasse und Kantonsbeiträge.

Pikant: Im Fall von Pflegewegweiser profitieren auch die Krankenkassen CSS und Helsana. Die CSS hält über ihre Tochterfirma SwissHealth Ventures AG eine Beteiligung von knapp 4 Prozent an Entyre GmbH, welche in der Schweiz unter dem Namen Pflegewegweiser auftritt. Die Firma ist auch in den USA und in Deutschland aktiv.

Die Helsana ist ebenfalls über ihre Tochtergesellschaft HealthInvest AG an Entyre beteiligt, will aber auf Nachfrage dieser Zeitung keine Angaben zur Höhe machen.

CSS zieht Reissleine

Die Krankenkassen erklären, mit den Investitionen über ihre Tochtergesellschaften, das Gesundheitswesen weiterentwickeln zu wollen. Die Helsana schreibt, es gehe darum, Lösungen für strukturelle Herausforderungen in der Versorgung zu unterstützen. In einer alternden Gesellschaft kann die Unterstützung der Angehörigenpflege durchaus Sinn ergeben.

Doch Pflegewegweiser macht längst keinen Hehl mehr daraus, dass es der Firma hauptsächlich um Gewinnmaximierung geht. Vor einer Woche deckte die «Schweiz am Wochenende» auf, dass Pflegewegweiser sich über die tieferen Spitex-Tarife für Angehörige im Kanton Zürich hinwegsetzt. Die Senkung der Tarife hat die Gesundheitsdirektion auf Januar 2026 angeordnet, weil die Kosten für Angehörige tiefer sind, da sie weder Planungsarbeiten noch Reisekosten ausweisen müssen.

Das Gebaren hat nun Konsequenzen. Die CSS erklärt auf Anfrage, dass sie das Vorgehen von Pflegewegeweiser im Kanton Zürich «als falsch und unzulässig» hält. Die rechtliche Sachlage sei klar: Die Kantone haben im Bereich der Finanzierung eine Handhabe. «Sie sollten ihre festgelegte Praxis durchsetzen.»

Auf die Frage, ob es ethisch und rechtlich vertretbar sei, dass eine Krankenkasse an einer Gesellschaft beteiligt ist, die auf Kosten der Prämienzahlenden Gewinne erwirtschaftet, schreibt die CSS: Sie überprüfe ihre Investments regelmässig. Die gegenwärtige Entwicklung der Entyre GmbH stehe «nicht mehr im Einklang mit unseren ursprünglichen Zielen». Die CSS hat vor ein paar Wochen entschieden, die Beteiligung zu veräussern.

Schärfere Regeln gefordert

Die Krankenkasse hält zudem fest, dass sie sich dafür einsetze, möglichen Missbrauch und übermässige Gewinnmargen von Spitex-Organisationen zu verhindern. Weiter verlangt sie vereinheitlichte Qualitätsstandards.

Auch Helsana erklärt auf Anfrage, die regulatorischen Bestrebungen in der Angehörigenpflege zu unterstützen: «Es braucht klare Spielregeln, wirksame Kontrollen und eine saubere Abgrenzung zwischen familiärer Unterstützung und verrechenbaren Pflegeleistungen.» Helsana hält aber vorderhand an der Beteiligung fest.

(aargauerzeitung.ch)

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82 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Hadock50
25.04.2026 11:23registriert Juli 2020
Gewinnmaximierung.💰

Genau darum geht es.
Und statt hier einen Riegel zu schieben, was machen die Bürgerlichen?

Mehr Selbstverantwortung.
Min. Franchise erhöhen und Notfall mit pauschal 50.- abstraffen.
🤡

Statt mal bei der wirklichen Kostentreiber anzusetzen!

Was krank ist, ist das System.
Es braucht dringenst eine Reform!

Wenn die Politiker so weiterwursteln steigt und streigt die Kk Prämie.
9913
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Stambuoch
25.04.2026 11:31registriert März 2015
Dazu kommt, dass diese Firma offensichtlich versucht Apotheken zu kaufen, um dann auch gleich die Marge der Pflegeprodukte selbst zu steuern...und sie werden es kaum billiger tun...
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The litterbox incident
25.04.2026 11:44registriert März 2025
Ohne mit Anschuldigungen um mich werfen zu wollen, aber hier sollte zumindest geprüft werden, ob das Vorgehen den Straftatbestand des gewerbsmässigen Betrugs erfüllt.

Damit das Geschäft sich nicht mehr lohnt, muss jedenfalls mehr passieren als nur ab und zu die Rückzahlung eines kleinen Betrags.
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