Auf die Frage, wie Promis Geld anlegen, sagte der Abenteurer und Solarpionier Bertrand Piccard einst der «Handelszeitung»: «Ich möchte für das, woran ich glaube, auch mit meinem Geld einstehen.» Deshalb habe er Aktien der Prime Energy Cleantech gekauft, einer Firma des Unternehmers Laurin Fäh, die Solaranlagen betreibt.
Dass er auch bezahlter Botschafter der Firma war, vergass Piccard zu erwähnen. Und Fäh sagt offen, Piccard sei ein Glücksfall gewesen. Mit ihm hätten Geldgeber selbst bei niedrigen Zinssätzen investiert.
Auch Floriane Buttarella hat vertraut. Die 58-jährige Genferin steckte ihre 100'000 Franken Vorsorgekapital in eine zehnjährige Obligation der Prime Energy. Der jährliche Zins von 3250 Franken war als Zuschuss zum kleinen Haushaltsbudget gedacht. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im jungen Erwachsenenalter hatte vor einigen Jahren einen Unfall und bezieht eine Invalidenrente.
Nun ist das Ersparte vorerst weg. Die Firma hat wegen Überschuldung die Bilanz deponiert. Vor zwei Wochen hat das Zivilkreisgericht Basel-Landschaft West den Konkurs über dem Solaranlagenbauer eröffnet. Seither ist die Empörung in der Romandie gross.
Die Idee, bei Prime Energy einzusteigen, habe ihr der Steuerberater im Quartier in den Kopf gesetzt, erzählt Buttarella. Wäre ihr bewusst gewesen, dass sie damit ihr ganzes Geld verlieren könne, hätte sie nie und nimmer investiert. So wie sie dachten viele in der Region. Zum Beispiel Jerôme Fontana, ein grün-liberaler Politiker in Genf mit universitärem Abschluss in internationalen Beziehungen und Ökonomie. Er habe sich von dem Geschäftsmodell einfach überzeugen lassen, sagt er im Gespräch mit CH Media.
Vertrauensbildend wirkte neben Piccard auch die tatsächlich existierende Solarpanel-Anlage auf dem Dach des Stade de Genève, wo an den Wochenenden der FC Servette spielt. Sie war nicht nur für Fontana der sichtbare Beweis dafür, dass Prime Energy Cleantech tut, was der Firmenname verspricht: saubere Energie erzeugen und damit sauberes Geld verdienen.
Nun hat Jerôme Fontana eine «Task-Force» auf die Beine gestellt, welche die Interessen der Gläubiger vertritt. Für die Whatsapp-Gruppe haben sich mehr als 1000 Personen angemeldet. Bis zu 2000 Personen, meint Fontana, könnten noch dazukommen.
Tatsächlich hat Prime Energy seit 2016 Obligationenanleihen wie jene von Floriane Buttarella in mehr als 60 Tranchen mit unterschiedlichen Laufzeiten und Zinssätzen ausgegeben und bis im Frühjahr 2023 erfolgreich verkauft. Der Emissionserlös dürfte rund 170 Millionen Franken betragen. Unklar ist, wie gut die Emissionen zwischen März und Dezember 2023 gelaufen sind. Allein in dieser Zeit hatte Prime Energy zwölf Tranchen im Nominalwert von 65 Millionen Franken ausgegeben.
Fäh sagt, die letzten 18 Monate sei kein neues Geld eingeworben worden. Denn dies sei ihnen nach einer Überprüfung durch die Finanzmarktaufsicht (Finma) untersagt worden. 2015 habe die Finma schon einmal die Prime Energy unter die Lupe genommen und Änderungen verlangt. Er sei seither davon ausgegangen, die Unternehmensanleihen würden nicht der Finma-Aufsicht unterstellt sein. Was die Behörde damals tatsächlich verlangt und allenfalls angeordnet hatte, das später vielleicht nicht umgesetzt wurde, ist nicht bekannt.
Im Sommer habe die Finma jedenfalls die Rückabwicklung aller Anleihen verlangt, dagegen habe Prime Energy Beschwerde eingereicht. Doch die Abwärtsspirale war in Gang gesetzt, die flüssigen Mittel fehlten. Es blieb, die Bilanz zu deponieren.
Bertrand Piccard – um seinen Ruf besorgt – hat die Seiten gewechselt, vom Promotor der Anleihen zum Verteidiger der Gläubiger. Ende Oktober raunte er auf einer improvisierten Gläubigerversammlung in einem überfüllten Restaurant im Genfer Quartier La Praille mit Bezug auf den Mehrheitsaktionär Laurin Fäh: «Es gilt zwar die Unschuldsvermutung, aber man kann sich trotzdem denken, dass hier ein Betrug vorliegt.»
Ob und was sich Laurin Fäh in dem Fall strafrechtlich hätte zuschulden kommen lassen, ist aus den vorliegenden Informationen nicht zu erkennen. Fäh weiss, dass eine Strafklage gegen ihn vorbereitet wird, sieht diese jedoch gelassen. Es gehe wohl um Darlehen in der Höhe von rund 20 Millionen Franken, die von der Prime Energy seiner Familiengesellschaft gewährt worden ist. Für die Kläger besteht damit der Verdacht, es seien so unlauter Mittel abgeflossen. Für Fäh handelt es sich um eine normale Diversifizierung des Geschäfts.
Eine Rolle spielt die Revisionsgesellschaft PWC, die im Geschäftsbericht 2022 mahnte, der Kredit von 19,5 Millionen Franken an die Aktionäre (Fäh) sei angesichts fehlender freier Reserven eine nach Obligationenrecht verbotene Zuwendung gewesen. Warum PWC den Geschäftsbericht den Aktionären trotzdem zur Annahme empfahl, ist unklar. Fäh sagt, PWC habe nach der Intervention der Finma «kalte Füsse» bekommen und für die Bilanz die Beteiligungen und Immobilien nur noch mit dem Liquidationswert verbuchen wollen. Ein ordentlicher Abschluss für das Geschäftsjahr 2023 kam auf diese Weise nicht mehr zustande.
Fäh, 71, ist ein umstrittener Unternehmer. In frühen Jahren erlitt er mit seinem Zwillingsbruder eine Grosspleite mit den Big-Star-Jeans. In den Anfangsjahren von Prime Energy wurde er rechtskräftig verurteilt, weil er nach Ansicht des Gerichts einen Partner mit illegalen Mitteln aus dem Geschäft gedrängt hatte. Fäh selbst redet offen; räumt eigene Verantwortung ein und sieht sich immer auch als Opfer. So auch in der aktuellen Pleite. Natürlich habe er, aber auch das Management, Fehler gemacht. Sie hätten zu schnell wachsen wollen. Doch dann seien es auch die Umstände gewesen, Corona, Finma, PWC, die zum Untergang geführt hätten.
So schlecht wie nun Piccard rede, stehe es um die Gruppe allerdings nicht. Eine Substanz von 150 Millionen Franken sei vorhanden, sagt Fäh. Und wenn der Konkursverwalter gut verhandle, erwarte er «für die armen Anleger» eine Konkursdividende von 70 bis 80 Prozent.
Floriane Buttarella geht vorsichtshalber schon mal vom Schlimmsten aus. Sie ist wütend auf ihren Steuerberater. Er habe ihr skrupellos ein Investment angedreht, nur um ein Vermittlungshonorar zu kassieren. Der Steuerberater räumt ein, dass die Anleihen für ihn ein willkommenes Zusatzgeschäft geworden seien. Aber er sagt, er habe selbst an die Firma und an deren Aushängeschild Bertrand Piccard geglaubt. «Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen.»