Phishing-Welle trifft Schweizer KMU – grosser Software-Anbieter ergreift Notfallmassnahmen
Dicke digitale Post für Bexio-Kunden.
Der Schweizer Software-Anbieter bestätigte am Freitagabend auf Anfrage von watson, dass eine grosse Phishing-Angriffswelle gegen die Kundinnen und Kunden laufe. Mehrere Betroffene haben Strafanzeige eingereicht, weil Cyberkriminelle in ihre Konten eindrangen und auf Daten zugriffen.
Bexio, eine Tochtergesellschaft der Versicherung Mobiliar, gilt als Marktführerin bei cloudbasierter Business-Software und hat gemäss eigenen Angaben landesweit über 100'000 Firmenkunden – kleine und mittlere Unternehmen (KMU).
Kommunikationschef Thommy Rüegg betonte, dass die Systeme des Software-Anbieters zu keinem Zeitpunkt kompromittiert worden seien: «Es gab keinen unbefugten Zugriff auf unsere Infrastruktur.» Die bislang unbekannten Cyberkriminellen würden über externe Server angreifen.
Das Ausmass der Angriffe sei unklar. «Da der Versand der gefälschten E-Mails über fremde Netzwerke erfolgt, können wir die exakte Anzahl der Nachrichten nicht beziffern.»
Welche Gegenmassnahmen trifft Bexio?
Der Telefon-Support des in Rapperswil-Jona SG angesiedelten Unternehmens bestätigte am Freitag bei einem Testanruf von watson, dass es zu Angriffen gekommen sei und warnte vor entsprechenden betrügerischen Mails. Kunden sollten keinesfalls in echt wirkenden Nachrichten auf Links klicken und – sofern noch nicht erfolgt – die Zwei-Faktor-Authentifizierung (2FA) aktivieren.
Wenige Stunden später verkündete der Bexios-Kommunikationschef gegenüber watson die sofortige Verschärfung der eigenen Sicherheitsmassnahmen.
Parallel dazu würden die eigenen Spezialisten laufend die Lage analysieren, um bestmöglich reagieren zu können, versichert der Bexio-Kommunikationschef.
Wann werden betroffene Kunden informiert?
Am Freitagmittag hatte sich ein besorgter Bexio-Kunde bei watson gemeldet und von einem Hackerangriff auf sein Bexio-Konto erzählt. Der Phishing-Angriff habe sich bereits in der Vorwoche ereignet und er warte immer noch auf eine angemessene Reaktion des Software-Anbieters.
Am Freitagabend erklärte der Bexio-Kommunikationschef:
Täter stahlen Adressdaten
Der betroffene Kunde schildert gegenüber watson, dass sein Unternehmen die Lohnbuchhaltung, Buchhaltung und Adressverwaltung mit Bexio-Software betreibe. Dann musste er plötzlich herausfinden, dass unbekannte Cyberkriminelle die Kontodaten von Rechnungen verändert hätten. Ahnungslose Kontakte sollten so dazu gebracht werden, die geforderten Summen auf falsche Konten einzubezahlen.
Der Unternehmer, der nicht namentlich genannt werden kann, erzählt:
watson liegt die E-Mail-Korrespondenz zwischen dem Bexio-Kunden und der Supportabteilung vor.
In einem Mail an den Support schildert er, dass die Angreifer unter anderem bei verschiedenen Lieferantenrechnungen die IBAN änderten. Eventuell hätten dies die Cyberkriminellen auch bei Lieferanten-Kontakten getan.
Er habe nun Strafanzeige eingereicht.
Wie läuft eine Phishing-Attacke konkret ab?
Landesweite Angriffe
Die Angriffe gegen Bexio-Kunden sind in den Kontext einer grösseren, schweizweiten Welle von Cyberangriffen einordnen. Die IBAN-Manipulationen decken sich mit aktuellen Warnungen des Bundesamts für Cybersicherheit (BACS).
Im jüngsten Halbjahresbericht berichten die Cybersicherheitsfachleute des Bundes von einer massiven Zunahme des sogenannten «Business E-Mail Compromise» (BEC).
Das perfide Vorgehen der Täter:
- Das Eindringen: Hacker verschaffen sich Zugriff auf die Konten von KMU (oft über Phishing oder schwache Passwörter ohne Zwei-Faktor-Authentifizierung).
- Die Manipulation: Innerhalb der Software (wie Bexio) werden die hinterlegten IBAN-Nummern in den Stammdaten oder direkt auf Rechnungsentwürfen geändert.
- Der Versand: Die Rechnungen sehen absolut echt aus, da sie direkt aus dem System des Opfers verschickt werden. Die Kunden der betroffenen Firma überweisen das Geld dann ahnungslos auf das Konto der Betrüger.
Gehackte Konten verursachen für die Betroffenen unter Umständen einen beträchtlichen Aufwand: Wenn die Gefahr einer Datenschutzverletzung besteht, müssen umfangreiche Abklärungen getroffen werden. Bei gravierenderen Fällen muss der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) zwingend informiert werden.
Betroffene sollten Vorfälle zudem freiwillig beim BACS (über das offizielle Meldeformular auf ncsc.admin.ch) melden und bei der Kantonspolizei zur Anzeige bringen.
Insider-Informationen?
Quellen
- User-Hinweis (Quellenschutz)
- help.bexio.com: Warum führt bexio eine Zwei-Faktor-Authentifizierung (2FA) ein? (Support-Beitrag)
