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Anekdoteles

bild: watson

Anekdoteles

Kaiserin Sisis Tätowierungen



Was ist «Anekdoteles»?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Format für schmissige historische Anekdoten.

Anders als die anderen Frauen sonnte sich Sisi die edle Blässe hinfort, was sie zum Erstaunen ihrer Mitmenschen besonders gern nackt tat. Sie ritt wie eine Verrückte über Hecken und Büsche, ohne sich darum zu kümmern, was sich wohl dahinter verbarg.

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Kaiserin Elisabeth beim Hürdenritt – mit ihrer 50-Zentimeter-Taille. bild: wikimedia

Täglich liess sie sich wiegen und messen und gönnte sich an Hungertagen höchstens zerstossenes Eis mit ein paar Tropfen Orangensaft zum Nachtisch. Sie wollte dünn bleiben und schön, darum kleisterte sie sich nachts eine Rindfleischmaske aufs Gesicht.

Irgendwie schien diese Frau mit ihrem eigenwilligen Schönheitsideal nicht in ihre eigene Zeit zu passen – und ebenso wenig an den Hof. Ihr wildes Wesen drohte hinter den Gitterstäben ihres goldenen Käfigs zu verenden.

Bei Festen und Zeremonien wirkte sie seltsam steif, ganz egal, wie geübt sie in der Rolle als Kaiserin auch gewesen sein mag, sie fühlte sich darin nie Zuhause.

Kaiserin Elisabeth

Sisi auf dem wohl bekanntesten Porträt von Franz Xaver Winterhalter, 1865. Die Kaiserin trägt die sogenannten Edelweiss-Sterne (Diamanten) in ihrem Haar. Die Steckbrieffrisur wurde von der Hoffriseurin Fanny Angerer kreiert. bild: wikimedia

Der schlimme Husten kam ihr also gerade recht. Man empfahl Sisi eine Kur auf Madeira und so unternahm die 23-jährige Kaiserin ihre erste Auslandsreise ohne ihren Gatten Franz Joseph.

Später beehrte sie Kleinasien und Nordafrika, Ungarn, Grossbritannien und immer wieder ihre Lieblingsinsel Korfu, auf der sie sich ein Schloss im pompejischen Stil erbauen liess – das Achilleion.

Kaiserin Elisabeth

Die Kaiserin auf einem von Winterhalters «intimen» Porträts, von deren Existenz man bis zum Ende der Monarchie nichts wusste, da sie im Arbeitszimmer des Kaisers hingen und nur für dessen Augen bestimmt waren. bild: wikimedia

Sie sprach besser Griechisch als alle deutschen Königinnen im Lande und übersetzte sogar Shakespeare ins Neugriechische. Dauernd war sie irgendwohin unterwegs und dies zumeist ganz besonders flott, weshalb ihr die Einheimischen den Spitznamen «Die Eisenbahn» gaben.

Griechenland wurde das, was Wien ihr niemals war: eine Heimat. Gemeinsam mit ihrem griechischen Vorleser Christomanos und ihren Hofdamen kreuzte sie auf der Yacht Miramar tagelang das Mittelmeer. Bei stürmischer See liess sie sich am Schiffsdeck festbinden und erklärte Christomanos ihr wildes Treiben mit den Worten: «Ich thue dies wie Odysseus, weil mich die Wellen locken!»

Kaiserin Elisabeth

Kaiserin Elisabeth mit ihrem Wolfshund, Fotografie von Rabending um 1869. bild: wikimedia

Sisi liebte das Meer. Vielleicht darum suchte sie mit 51 Jahren eine Hafenkneipe auf, um sich dort in einem schäbigen Nebenzimmer einen blauen Anker auf das linke Schulterblatt tätowieren zu lassen.

«Das Leben auf dem Schiffe ist viel schöner als jedes Ufer; die Reiseziele sind nur deswegen begehrenswert, weil die Reise dazwischen liegt.»

Kaiserin Sisi

Franz Joseph empfand die in die Haut seiner Gattin eingebrannte Tinte als «sehr originell und gar nicht so entsetzlich». Was er von Sisis zweitem, viel grösserem Motiv hielt, ist leider nicht überliefert.

Aber es musste ihrem guten Freund König Ludwig II. sehr gefallen haben. Denn vor dessen Fotoapparat posierte sie eines schönen Tages auf der Roseninsel im Würmsee (heute Starnberger See). Den von ihrem Kleid unbedeckten Rücken zu ihm gedreht, wo über dem kaiserlichen Gesäss ein Adler seine mächtigen Schwingen ausbreitete.

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Ludwig II., König von Bayern (1845–1886) war ein leidenschaftlicher Schlossbauherr (Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof) und wurde deshalb auch als Märchenkönig bezeichnet. bild: wikimedia

Ludwig verwahrte Sisis Geheimnis in seiner Brusttasche, stets trug er den Abzug bei sich.

Es war der Würmsee, in dem am 13. Juni 1886 seine Leiche schwamm. Ludwig war zuvor durch ein ärztliches Gutachten entmündigt worden. Zu sehr hatte er die Gemüter seiner Minister und die Staatskasse strapaziert – und so erklärte man ihn kurzerhand für «seelengestört» und «unheilbar».

Sein Verlust traf die Kaiserin schwer. Sie hatten sich nicht oft gesehen, aber ihre Eigentümlichkeiten vereinten sie. Beide waren menschenscheu und wehrten sich mit ihren ungestümen Charakteren gegen die Rollen, in die sie hineingeboren worden waren. Und sie teilten die Liebe zur Kunst, in Gedichten besangen sie einander als «Möwe» und «Adler».

Nun war der Adler tot und Elisabeth versuchte, dichtend über den Schmerz hinwegzukommen.

«Schliesslich, was ist wohl Verrücktheit?
Thoren gibt's genug und Narren;
Diese für verrückt zu halten,
Mag der Welt oft widerfahren.»

Kaiserin Elisabeth

Das Lieblingsporträt des Kaisers; es befindet sich gegenüber von seinem Arbeitsschreibtisch, 1864. bild: wikimedia

Drei Jahre später, am 10. September 1898, stiess der italienische Anarchist Luigi Luchenis eine spitze Feile direkt ins Herz der Kaiserin. Die Klinge war so klein, dass sie die Verletzung überhaupt nicht wahrnahm. Noch 10 Minuten lang ging sie weiter, dann brach sie zusammen.

Sisi wurde 60 Jahre alt. Doch Bilder existieren von ihren späteren Jahren keine. Mit 31 Jahren liess sie sich nicht mehr fotografieren. Als sie 41 wurde, durften keine Porträts mehr von ihr angefertigt werden. Und sobald sich ihr jemand näherte, zückte sie ihren Fächer und verbarg all die verräterischen Fältchen dahinter.

Sie hat dem Alter nicht erlaubt, sich über ihre Erinnerung zu legen. Und so sehen auch wir ihr royales Antlitz noch immer in jugendlicher Frische erstrahlen. Die Wangen rosig vom Ausritt durch den Morgentau, schielt sie durch ein verschmitztes Augenpaar in unsere von Tattoos übersäte Gegenwart.

Wahrheitsbox

Die Geschichte von Sisis Anker-Tattoo ist ziemlich bekannt und findet im Tagebuch ihrer jüngsten Tochter Marie Valerie Erwähnung. Selbst die kaiserliche Wachs-Schulter bei Madame Tussauds in Wien wurde 2017 vom Grazer Starttätowierers Mario Barth geschichtsgetreu mit einem Anker versehen.
Ob die Adler-Tätowierung tatsächlich Elisabeths Rücken zierte, ist nicht mit Gewissheit zu beantworten. Doch die österreichische Kulturwissenschaftlerin Wilma Pfeiffer hatte für ihr Buch «Die wilde Kaiserin: Sisi in Geschichten und Anekdoten» (2018) geradezu die perfekte Quelle. Denn als sie nach Wien kam, um zu studieren, wurde sie regelmässig von ihrer weit über 90-jährigen Nachbarin Fräulein Amalie eingeladen, die, wie sich herausstellte, die Grossnichte von Fanny Angerer war. Fanny Angerer wiederum war mehr als dreissig Jahre lang Elisabets Friseurin. Und sie wusste viel über die Kaiserin. Schliesslich waren Elisabeths Haare fersenlang und mussten täglich drei Stunden lang gepflegt werden. Sie zu waschen dauerte fast einen ganzen Tag. Da der Fön noch nicht erfunden worden war, hängte Fanny Sisis Locken im Sommer über eine Art Wäscheleine, im Winter über einen Billardtisch. Da war also viel Zeit für Gespräche.
Und das beste: Als Pfeiffer dann Jahre später für ihr Buch zu recherchieren begann, fand sie heraus, dass die meisten Geschichten, die ihr Fräulein Amalie über die Kaiserin erzählt hatte, auch tatsächlich stimmten. Nur leider lässt sich das im Falle jener besagten zweiten Tätowierung nicht überprüfen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Bartli, grad am moscht holä.. 12.08.2019 14:22
    Highlight Highlight Ein blauer anker im hinterzimmer einer hafenkneipe.. in anbetracht ihrer „lebenssituation“ und dann noch ein arschgeweih - schochli geil, findi 😏
  • Passierschein A38 11.08.2019 19:07
    Highlight Highlight Sisi hat das Arschgeweih erfunden?!?
    • M.aya 12.08.2019 16:05
      Highlight Highlight Nana! Ich bin empört!
      "Arschgeweih" ist vulgär und wird der kaiserlichen Hohheit so gar nicht gerecht. Ausserdem trägt ein Adler kein Geweih!
      Wie wär's mit "Arschschwingen"?
    • Zerpheros {aka Comtesse du Zerph} 12.08.2019 23:19
      Highlight Highlight ... bevor es cool war. 😁
  • Trump's verschwiegener Sohn 11.08.2019 18:32
    Highlight Highlight Und Sisis Etui mit Kokainspritze bleibt völlig unerwähnt?
    • LaktoseintoleranterVeganerLGBT 11.08.2019 19:14
      Highlight Highlight "z'nüni näh"
  • El Vals del Obrero 11.08.2019 18:09
    Highlight Highlight Trotz allen Kitschfilmen durchaus eine interessante Persönlichkeit. Auf eine Art war sie ja ein "It-Girl" aus den Zeiten vor TV und Social Media.

    Und ihre Stellung hatte sie in einem System, auf dem es auf die Geburt drauf ankommt, nicht selber gewählt.

    Von dem her kann ich den Anarchisten, der sie ermordet hat, auf eine Art ein klein wenig verstehen. Auf eine andere Art hat er sich damit aber genau so an das Geburtsprinzip gehalten, dass er selber wohl verabscheut hätte.
  • Polaroid 11.08.2019 18:08
    Highlight Highlight Besten Dank einmal Frau Rothenflu
  • Silent_Revolution 11.08.2019 16:31
    Highlight Highlight Dieser Beitrag wurde gelöscht. Bitte formuliere deine Kritik sachlich und beachte die Kommentarregeln.
    • häxxebäse 11.08.2019 16:47
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    • Silent_Revolution 11.08.2019 16:55
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    • häxxebäse 11.08.2019 17:06
      Highlight Highlight Der Kommentar, auf den du Bezug nimmst, wurde bereits entfernt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • salamandre 11.08.2019 16:05
    Highlight Highlight Die Reiseziele sind nur deswegen begehrenswert, weil die Reise dazwischen liegt.
    Schön wenn das nicht zu sehr in Vergessenheit gerädt.
    • Ale Ice 11.08.2019 17:04
      Highlight Highlight Ein schönes und weises Zitat.
  • Baba 11.08.2019 15:51
    Highlight Highlight Elisabeth Amalie Eugénie, Kaiserin von Österreich und Apostolische Königin von Ungarn trug ein...

    ...Arschgeweih 🦌 🤣🤣🤣

    Ich wusste vom Anker auf dem Schulterblatt und dass es da noch ein weiteres Tattoo gegeben haben soll, aber was und wo war mir nicht bekannt.

    Auch nach der Lektüre diverser Elisabeth Biographien nochmal was Neues erfahren, danke dafür 🙏🏼!
    • Team Insomnia 11.08.2019 17:23
      Highlight Highlight Kommentar des Monats😂👍.
    • Bartli, grad am moscht holä.. 12.08.2019 14:23
      Highlight Highlight War sie nicht sehr naturverbunden? 😉

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