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WHO unterschätzt Infektionsrisiko über die Luft, kritisieren Forscher

Aerosole mit Coronaviren
Darstellung von Coronaviren in Tröpfchenkernen. Bild: Shutterstock

Forscher kritisieren: WHO unterschätzt das Infektionsrisiko über die Luft

07.07.2020, 10:0307.07.2020, 13:44

Die sogenannte Tröpfcheninfektion gilt neben direktem Kontakt mit einer infizierten Person als Hauptübertragungsweg für SARS-CoV-2. Beim Niesen oder Husten gelangen winzige Sekrettröpfchen, die Viren enthalten können, in die Umgebungsluft. Wenn wir sie einatmen oder mit den Händen von Oberflächen auf unsere Schleimhäute bringen, können wir uns infizieren. Da die Tröpfchen mit einem Durchmesser von 5 bis 10 µm relativ gross sind, schweben sie nicht so lange in der Luft, bevor sie zu Boden sinken. Ausreichend Abstand zu halten – etwa 1,5 Meter – und die Hände regelmässig zu waschen verringert also die Ansteckungsgefahr durch diese Tröpfchen beträchtlich.

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Neben diesen Tröpfchen gibt es jedoch noch Partikel, die kleiner als 5 µm sind. Diese Tröpfchenkerne genannten Aerosole, die beim Sprechen und sogar beim Atmen an die Umgebungsluft abgegeben werden, können bis zu drei Stunden in der Luft schweben und dadurch auch grössere Distanzen zurücklegen. Zudem können sie tiefer in die Atemwege eindringen, enthalten indes meist weniger Viren als die grösseren Tröpfchen.

Wie gross das Ansteckungsrisiko über diese Aerosole bei SARS-CoV-2 ist, ist umstritten. Eine Gruppe von 239 Wissenschaftlern aus 32 Ländern wirft der Weltgesundheitsorganisation WHO und der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC vor, sie unterschätze dieses Risiko. In einem offenen Brief, der laut dem «Guardian» nächste Woche im Fachmagazin Clinical Infectious Diseases veröffentlicht werden soll, fordern sie entsprechende Massnahmen, um dieses Risiko zu verringern.

Die Initiatorin des Briefs, Lidia Morawska von der Queensland University of Technology (QUT) und Direktorin des International Air Quality and Health Laboratory, stellt in einer Mitteilung der Hochschule fest: «Studien der Unterzeichner und anderer Wissenschaftler haben zweifelsfrei gezeigt, dass Viren in Mikrotröpfchen ausgeatmet werden, die klein genug sind, um in der Luft zu bleiben, und die auch mehr als ein bis zwei Meter von einer infizierten Person entfernt ein Ansteckungsrisiko darstellen.»

Die Wissenschaftler, die aus verschiedenen Forschungsbereichen wie Virologie, Epidemiologie, Medizin, Strömungsdynamik oder Aerosolphysik stammen, berufen sich auf rezente Studien und weisen darauf hin, dass die Übertragung durch Aerosole Masseninfektionen durch Superspreader erklären könne. Sie verweisen dabei auf den Ausbruch in einem Schlachthof in Deutschland, der dies ihrer Ansicht nach illustriert.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO räumt zwar ein, dass Aerosole bei der Übertragung des Virus eine gewisse Rolle spielen. Infektionen über Aerosole seien allerdings nur als Folge von medizinischen Eingriffen wie Intubationen möglich. Die WHO geht aber davon aus, dass Massnahmen gegen diesen Ansteckungsweg nur sehr schwierig umzusetzen sind und überdies nur wenig Einfluss auf die Verbreitung des Virus hätten.

Laut Benedetta Allegranzi, WHO-Expertin für Infektionsprävention und -kontrolle, sind die Beweise für die Übertragung von SARS-CoV-2 über Aerosole nicht überzeugend: «Vor allem in den letzten Monaten haben wir mehrfach erklärt, dass wir eine Übertragung über die Luft für möglich halten, was aber sicherlich nicht durch solide oder sogar eindeutige Beweise gestützt wird», sagte sie der «New York Times». «Darüber gibt es eine erhebliche Debatte.» Bisher seien nur auf Laborexperimenten beruhende Theorien vorgelegt worden, aber keine Beweise. Eine Ansteckung über die Luft hätte zu mehr Ansteckungen und einer noch schnelleren Verbreitung des Virus führen müssen.

Falls die Übertragung durch Aerosole tatsächlich ein wichtiger Faktor bei der Ausbreitung des Virus sein sollte, hätte dies Konsequenzen für die Massnahmen, die man zur Eindämmung der Pandemie ergreifen müsste. Der Aufenthalt in geschlossenen Räumen wäre riskanter; man müsste dann dort ebenfalls Masken tragen, selbst wenn der Mindestabstand eingehalten werden könnte. Klimaanlagen und Lüftungen müssten mit Filtern ausgerüstet werden. Möglicherweise müssten Innenräume mit UV-Licht desinfiziert werden. Während die Hand-Hygiene etwas an Bedeutung verlieren würde, wäre es noch wichtiger als jetzt, sich mit Masken zu schützen.

(dhr)

So wirkt sich eine Maske auf die Verbreitung von Viren aus

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