DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

So kann man sich irren: Die legendärsten Fehlprognosen der Geschichte 

Irren ist menschlich, das wussten schon die alten Römer. Die schlimmsten Fehlprognosen stammen oft von den klügsten Köpfen – und das sind die besten Zitate der gescheiterten Orakel.
20.11.2017, 20:0021.11.2017, 13:40

Auch grosse Strategen scheitern bisweilen kläglich bei der Einordnung technischer Innovationen. Als angeblicher Beweis dafür wird Napoleon Bonaparte bis heute das folgende Zitat in den Mund gelegt.

Ca. 1803

«Wie bitte soll ein Schiff gegen Wind und Strömung segeln können, indem man ein Lagerfeuer unter dem Deck entzündet? Ich habe keine Zeit für solchen Unsinn.»
Napoleon Bonapartes Reaktion auf die ersten Dampfkriegsschiffe 

Dass sich Napoleon für damals neue Technologien wie U-Boote oder Dampfschiffe interessierte, die ihm insbesondere gegenüber England einen militärischen Vorteil verschafft hätten, ist plausibel. Beliebt ist das Zitat, weil es angeblich zeigen soll, dass Napoleon England hätte erobern können, wenn er nicht die Bedeutung des Dampfschiffes für die Kriegsführung verkannt hätte.

Wie so oft bei historischen Zitaten lässt sich 200 Jahre später nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob Napoleon die Worte (genau so) gesagt hat.
Wie so oft bei historischen Zitaten lässt sich 200 Jahre später nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob Napoleon die Worte (genau so) gesagt hat.

So entstand das bis heute überlieferte Zitat vermutlich wirklich: Der US-amerikanische Ingenieur Robert Fulton (1765 – 1815) baute die ersten brauchbaren Dampfschiffe und das U-Boot Nautilus, welches die Aufmerksamkeit Napoleons erlangte. Fulton lebte unter anderem in England und Frankreich. In Paris hat er auf der Seine eines der ersten Dampfschiffe getestet, das kaum schneller als ein Fussgänger war. Um 1803 herum soll er Napoleon Bonaparte um Unterstützung beim Bau seines Dampfschiffs gebeten haben. Napoleons Antwort war angeblich das oben stehende Zitat.

Der Legende nach zog Fulton frustriert von dannen und tüftelte von da an in seiner Heimat weiter an einem kriegstauglichen Dampfschiff. 

Ob das Zitat echt ist, lässt sich kaum mehr eruieren. Fakt ist, dass Fulton 1814 in New York das erste dampfbetriebene Kriegsschiff namens Demologos vorstellte. Fulton starb 1815, im gleichen Jahr als Napoleon endgültig besiegt und in die Verbannung nach St.Helena geschickt wurde.

Da hätte Napoleon grosse Augen gemacht: Die USS Fulton, die zunächst Demologos hiess, gilt als erstes Dampfkriegsschiff. 
Da hätte Napoleon grosse Augen gemacht: Die USS Fulton, die zunächst Demologos hiess, gilt als erstes Dampfkriegsschiff. bild: wikipedia

1878

«Wenn die Weltausstellung in Paris zu Ende geht, wird man nie mehr etwas von elektrischem Licht hören.»
Sir Erasmus Wilson
William James Erasmus Wilson (1809 – 1884) war ein englischer Chirurg, der 1881 von Königin Victoria den Ritterschlag erhielt. 
William James Erasmus Wilson (1809 – 1884) war ein englischer Chirurg, der 1881 von Königin Victoria den Ritterschlag erhielt. 

1878 fand die Weltausstellung in Paris statt. 52'835 Aussteller aus 36 Ländern nahmen teil und 16 Millionen Menschen besuchten die Länderpavillons. Die spektakulärste Neuheit war zweifellos elektrisches Licht, beziehungsweise Glühlampen. Doch längst nicht alle glaubten an die elektrische Zukunft, wie das oben stehende Zitat von Sir Erasmus Wilson zeigt.

Wilson war seiner Lebzeiten ein bekannter Arzt in England, der sich für die medizinische Versorgung der ärmeren Bevölkerungsschichten einsetzte. 1881 wurde er für seine Verdienste zum Ritter geschlagen. 

1895

«Schwerer als Luft? Solche Flugmaschinen sind unmöglich.»
Lord Kelvin, Präsident Royal Society 
William Thomson, 1. Baron Kelvin (1824 – 1907).
William Thomson, 1. Baron Kelvin (1824 – 1907).bild: wikipedia

William Thomson, besser bekannt als Lord Kelvin, war ein irischer Physiker und Präsident der Royal Society. Ihm wird nachgesagt, er habe Flugzeuge für unmöglich gehalten.

Was steckt wirklich dahinter? Der Flugpionier Otto Lilienthal (1848 – 1896) führte bereits seit 1891 erfolgreich Gleitflüge durch. Kelvin wusste also vermutlich sehr wohl, dass Fluggeräte, die schwerer als Luft sind, fliegen können. Seine Aussage bezog sich höchstwahrscheinlich nicht auf Ballone oder Gleitflugzeuge. Er zweifelte aber daran, dass sich Flugmaschinen mit Motoren so präzise steuern lassen, dass sie für Menschen einen Nutzen haben. 

Als gesichert gilt, dass der Physiker am Nutzen der Luftfahrt generell zweifelte: 1902 sagte er in einem Zeitungsinterview: «Kein Ballon oder Flugzeug wird jemals einen praktischen Nutzen haben.» Im gleichen Interview meinte er, dass er es für unmöglich halte, dass ein Luftgefährt über den Atlantik gesteuert werden könne. 

Die erste Nonstop-Atlantiküberquerung mit einem Flugzeug von Amerika nach Europa gelang einige Jahre später, am 14. Juni 1919.

???

«Filme in Kinos sind nur eine vorübergehende Modeerscheinung. Das Publikum will Schauspieler live auf der Bühne sehen.»
Charlie Chaplin

Der junge Charlie Chaplin (1889 – 1977) soll einst gesagt haben:

Charlie Chaplin zählt zweifellos zu den einflussreichsten Komikern der Geschichte. Bevor er zum Filmstar avancierte, machte er als Bühnenstar Karriere. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Lichtspielhäuser eröffneten, dürfte der Theaterstar das neue Medium durchaus skeptisch verfolgt haben.

Für das oben stehende Zitat gibt es allerdings keine gesicherte Quelle. Fest seht nur, dass Chaplin auch gegenüber den ab 1929 aufkommenden Tonfilmen zunächst skeptisch eingestellt war. Erst 1940 drehte er mit «Der grosse Diktator» seinen ersten Tonfilm.

1934

«Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass Atomenergie jemals nutzbar sein wird.»
Albert EinsteinNew York times

Albert Einstein war ein Jahrhundert-Genie, aber auch ein Genie kann sich irren. Die oben stehende Prognose des Physikers stammt aus einem Artikel in der «Pittsburgh Post-Gazette» vom 29. Dezember 1934.

Nur wenige Jahre später, am 2. Dezember 1942 um 15:25 Uhr, gelang dem italienischen Physiker Enrico Fermi an der University of Chicago erstmals eine Kernspaltungs-Kettenreaktion, bei der Energie freigesetzt wurde.

Fermi half später Robert Oppenheimer bei der Konstruktion der ersten Atombombe.

1955

«Staubsauger, die durch Kernkraft angetrieben werden, sind vermutlich in zehn Jahren Realität.»
Alex Lewyt, ehemaliger Präsident der Lewyt Corp Vacuum Companynew york times

Aus der Ära der Atom-Euphorie folgt das nächste Müsterchen:

Alex Lewyt.
Alex Lewyt.bild: via vodhin

Jede Hausfrau und jeder Hausmann saugt bald mit dem eigenen atomar angetriebenen Staubsauger in den eigenen vier Wänden, prophezeite Alex Lewyt, der selbst einen Vakuum-Staubsauger erfunden hatte, 1955 in der «New York Times». Seine gleichnamige Staubsauger-Firma ging laut NZZ 1962 pleite.

1961

«Es gibt so gut wie keine Chance, dass Kommunikations-Satelliten für bessere Telefon-, Telegrafen-, Fernseh- oder Radiodienste genutzt werden.»
T.A.M. Craven, Kommissar der staatlichen Kommunikationsbehörde der USA (FCC)
Der Ingenieur Tunis Augustus Macdonough Craven (1893 – 1972) war von 1935 bis 1937 und von 1956 bis 1963 Mitglied der Kommunikationsbehörde der USA.
Der Ingenieur Tunis Augustus Macdonough Craven (1893 – 1972) war von 1935 bis 1937 und von 1956 bis 1963 Mitglied der Kommunikationsbehörde der USA.bild: wikipedia

T.A.M. Craven war an der Entwicklung der Funktechnologie beteiligt und wurde später zwei Mal in die Federal Communications Commission der USA berufen.

T.A.M. Cravens aus heutiger Sicht kuriose Fehlprognose geht laut «Forbes»-Magazin auf das Jahr 1961 zurück. Als die Sowjets wenige Jahr zuvor, am 4. Oktober 1957 den ersten Satelliten Sputnik 1 ins All schossen, waren Satelliten plötzlich in aller Munde. Während des Kalten Kriegs standen militärische Funktionen im Fokus. Tatsächlich sollte es bis in die 80er-Jahre dauern, bis das Satellitenfernsehen in Europa Realität wurde.

1962

«Wir mögen ihre Musik nicht und Gitarrengruppen werden bald aus der Mode kommen.»
Antwort der Plattenfirma Decca Records an den Manager der Beatles
Das Probeband der Beatles, das von der Plattenfirma abgelehnt wurde.
Das Probeband der Beatles, das von der Plattenfirma abgelehnt wurde.bild: via all-funny

Anfang der 60er versuchte Brian Epstein für seine Pilzköpfe einen Plattenvertrag zu ergattern. Am 1. Januar 1962 durften die Beatles bei Decca Records in London vorspielen. Wochen später sagte das Label der bis heute kommerziell erfolgreichsten Band der Musikgeschichte ab. Die Absage wurde laut Beatles-Manager Epstein damit begründet, dass sie die Musik schlicht nicht mochten und Gitarrenmusik aus der Mode kommen würde. 

Die Beatles haben danach mehr als 600 Millionen Tonträger verkauft. Der jungen Band einen Korb zu geben, gilt daher bis heute als einer der grössten Fehler in der Musikgeschichte.

1998

«Das Internet wird nicht mehr Einfluss haben auf die Wirtschaft als das Faxgerät.»
Paul Krugman, Nobelpreisträger und NY-Times-Kolumnist
Nobelpreisträger und Ökonome Paul Krugman lag mit seiner Internet-Prognose schwer daneben.
Nobelpreisträger und Ökonome Paul Krugman lag mit seiner Internet-Prognose schwer daneben.Bild: bild: franck robichon / pool/epa/keystone

Selbst ein derart renommierter Wirtschaftsexperte, Berater mehrerer US-Präsidenten (u.a. Bill Clinton) und Nobelpreisträger, konnte die zentralen Einflüsse seiner Zeit nicht richtig deuten. 1998 war das Internet alles andere als neu, umso mehr erstaunt es, dass Krugman seine Bedeutung allen Ernstes mit dem des Faxgerätes verglich. Wenn US-Präsidenten so beraten werden, wundert uns auch nichts mehr ...

2004

«Das Spam-Problem wird in zwei Jahren Geschichte sein.»
Bill Gates, Microsoft-Gründerbbc
Bill Gates am World Economic Forum WEF 2017 in Davos.
Bill Gates am World Economic Forum WEF 2017 in Davos.Bild: KEYSTONE

Am Weltwirtschaftsforum 2004 lehnte sich Microsoft-Mitgründer Bill Gates weit aus dem Fenster, als er sagte, dass das Spam-Problem in zwei Jahren gelöst sein werde. Je nach Schätzung macht Spam jährlich mehr als 90 Prozent des gesamten E-Mail-Volumens aus.

Zwar war seine Prognose richtig, dass Spamfilter uns davor bewahren, in Werbung zu ersticken, aber Billionen Spam-Mails verursachen nach wie vor jährliche Kosten in Milliardenhöhe: Gewaltige Energiekosten durch den Datenverkehr, Arbeitszeit zum Sichten und Löschen des Spams und nicht zuletzt Schäden durch Viren und Erpressungs-Trojaner, die ebenfalls per Mail verbreitet werden. 

Jugendwörter des Jahres (mit Palmen!)

1 / 16
Jugendwörter des Jahres (mit Palmen!)
quelle: pixabay.com/thomaswhitaker
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

«Hört auf, den St.Galler Dialekt zu hassen!»

Video: watson/SDA SRF
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

57 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Kaspar Floigen
20.11.2017 20:26registriert Mai 2015
Na toll. Drei dieser Zitate habe ich in meinem Vortrag für morgen. Jetzt wird jeder sagen, das hätte ich von Watson geklaut. Wie passiert so ein Zufall 😵
2117
Melden
Zum Kommentar
avatar
Shin Kami
20.11.2017 22:26registriert Juni 2016
...
Dieser Internet-Troll veräppelte gestern Abend tausende Twitter-User mit seinen «Island-Fakten»
Hier das Bild. Freunde von mir haben's erst nach mehreren Minuten verstanden.
1891
Melden
Zum Kommentar
avatar
45rpm
20.11.2017 20:13registriert August 2016
Thomas J. Watson, damaliger CEO von IBM soll 1943 folgendes gesagt haben:
„Ich glaube, dass es auf der Welt einen Bedarf von vielleicht fünf Computern geben wird.“
12711
Melden
Zum Kommentar
57
Das Zivilver­tei­di­gungs­buch von 1969: Der Krieg in den Köpfen
1969 liess der Bundesrat ein rotes Büchlein an alle Haushalte in der Schweiz verteilen: Das Zivilverteidigungsbuch. Das Buch sorgte jahrelang für rote Köpfe ...

Eine Wurfsendung der besonderen Art landete im Herbst 1969 in allen Schweizer Haushalten: Das Zivilverteidigungsbuch – ein Taschenbuch von 320 Seiten mit auffällig rotem Umschlag, es wurde in allen drei Landessprachen in einer Auflage von 2,6 Millionen Exemplaren gedruckt. Die Gesamtkosten für das kontroverse Werk beliefen sich auf 4,8 Millionen Franken. Das Buch, aber auch die Kontroverse darüber erlauben einen Blick auf die mentale Verfassung der Schweiz in den Jahren des Kalten Krieges.

Zur Story