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Gott würfelt

Gott würfelt. Oder doch nicht?  Bild: projectaugustine.com

10 berühmte Zitate, die so gar nie gesagt wurden



Ausgerechnet einen Ausspruch der überzeugten deutschen Kommunistin Rosa Luxemburg (1871–1919) zitierte der neugewählte Bundesrat Ignazio Cassis in seiner Antrittsrede. Es handelt sich um das berühmte Zitat «Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden». Diese Art von Freiheit halte die Schweiz zusammen, führte der Tessiner Politiker aus – und er habe es sich zur Aufgabe gemacht, diese Freiheit zu schützen. 

Dummerweise übersah Cassis, dass Luxemburg mit «Andersdenkenden» wohl etwas anderes meinte als er. Cassis, höhnte die linke Website Sozialismus.ch, habe weder die historische Figur Luxemburg noch das Zitat verstanden. 

Tatsächlich gehört das Luxemburg-Zitat zu einer Reihe von berühmten Worten, die regelmässig falsch verstanden, falsch wiedergegeben oder der falschen Person zugeordnet werden: 

«Die Freiheit der Andersdenkenden»

Rosa Luxemburg

Überzeugte Sozialistin: Rosa Luxemburg. Bild: PD

Rosa Luxemburg, die Anfang 1919 die KPD mitbegründet hatte, wurde nur wenige Tage später im Auftrag der SPD-Regierung von rechten Freikorps-Offizieren ermordet. Ihren Ausspruch über die Freiheit hatte sie nach der Oktoberrevolution in Russland gemacht – sie geisselte damit den wachsenden Dogmatismus der Bolschewisten unter Lenins Führung: 

«Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‹Gerechtigkeit›, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‹Freiheit› zum Privilegium wird.»

Rosa Luxemburg

Ihre Kritik richtete sich damit vornehmlich gegen die bolschewistische Tendenz zur Diktatur, die zunehmend auch Revolutionäre mit abweichenden Meinungen unterdrückte. Dass sie nach wie vor überzeugte Sozialistin war, die keinem bürgerlich-liberalen Freiheitsbegriff anhing, zeigt sich zum Beispiel an diesem Zitat: «Sozialismus heisst nicht, sich in ein Parlament zusammensetzen und Gesetze beschliessen, Sozialismus bedeutet für uns Niederwerfung der herrschenden Klassen mit der ganzen Brutalität, die das Proletariat in seinem Kampfe zu entwickeln vermag.»

Rosa-Luxemburg-Denkmal in Zwickau

Rosa-Luxemburg-Denkmal in Zwickau (Ausschnitt). Bild: Wikimedia

«Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir»

Seneca

Neros Erzieher: Der stoische Philosoph Seneca. Bild: Wikimedia/I Calidius

Wer kennt ihn nicht, den berühmten Spruch des stoischen römischen Philosophen Seneca (1–65 n. Chr.)? Man greift gern auf ihn zurück, um schulmüden Teenies, die den Sinn des Unterrichts in Zweifel ziehen, ein im Wortsinn klassisches Argument entgegenzuhalten. Glücklicherweise machen sich die jungen Leute nie die Mühe, das Zitat zu überprüfen. Würden sie dies nämlich tun, könnten sie es für ihre Zwecke nutzen und die elterlichen Vorhaltungen damit pulverisieren: 

«Non vitae, sed scholae discimus.»
(«Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.»)

Seneca

Richtig gelesen: Wir lernen nicht fürs Leben, sondern für die Schule, sagt dieser Römer, der unter anderem als Erzieher des späteren Kaisers Nero in die Geschichtsbücher einging. Seneca übte damit Kritik an den damaligen römischen Philosophenschulen:

«Kinderspiele sind es, die wir da spielen. An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab; derlei Erörterungen helfen uns ja nicht, richtig zu leben, sondern allenfalls, gelehrt zu reden. Lebensweisheit liegt offener zu Tage als Schulweisheit; ja sagen wir’s doch gerade heraus: Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen. Aber wir verschwenden ja, wie alle unsere übrigen Güter an überflüssigen Luxus, so unser höchstes Gut, die Philosophie, an überflüssige Fragen. Wie an der unmässigen Sucht nach allem anderen, so leiden wir an einer unmässigen Sucht auch nach Gelehrsamkeit: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.»

Seneca

Eifrige Übersetzer «korrigierten» das Zitat in späteren Zeiten aus pädagogischen Gründen, sodass es heute in der umgekehrten Form viel bekannter ist. 

Bekannte deutsche Übersetzung der umgekehrten Version des Seneca-Zitats an der Aussenwand der Grundschule in Niederems

Pädagogisch motivierte Verfälschung: Das umgekehrte Zitat an einer Schule in Niederems. Bild: Wikimedia/J.-H. Janssen

«Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen.»

Marie Antoinette

Verschwenderischer Lebensstil: Marie Antoinette. Bild: Pinterest

Ist dieser Spruch nicht einfach herzlos? Und passt er nicht perfekt zu Marie Antoinette, der lebenslustigen französischen Königin, die für ihren verschwenderischen Lebensstil gehasst wurde und für ihre Hochnäsigkeit auf dem Schafott büsste? 

«S'ils n'ont plus de pain, qu'ils mangent de la brioche.»
(«Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen.»)​

Allein, das Zitat passt fast zu gut, um wahr zu sein. In Wahrheit sagte Marie Antoinette nichts dergleichen. Der Satz stammt aus den «Confessions» von Jean-Jacques Rousseau, einem der intellektuellen Wegbereiter jener Revolution, der die Königin 1793 zum Opfer fallen sollte. 1766 oder 1767 hatte Rousseau in seinem autobiographischen (1783 erschienenen) Werk diese Worte einer «grossen Prinzessin» in den Mund gelegt. Möglicherweise meinte der Aufklärer aus Genf damit Maria Theresia von Spanien – mit Sicherheit aber nicht Marie Antoinette, die damals elf oder zwölf Jahre alt und noch nicht mit dem späteren französischen König Ludwig XVI. verheiratet war. 

Marie Antoinette auf dem Weg zur Guillotine, Federzeichnung von Jacques-Louis David

Marie Antoinette auf dem Weg zur Guillotine.  Bild: PD

«Ich habe das Internet erfunden.»

Democratic presidential hopeful Vice President Al Gore pumps his fist during a debate with challenger Bill Bradley at Dartmouth College in Hanover, N. H., Wednesday, October 27, 1999. (KEYSTONE/AP/POOL/CNN/WMUR-TV, John Mottern) === ELECTRONIC IMAGE ===

Selbsternannter Vater des WWW? Al Gore 1999. Bild: AP

Hohn und Spott waren Al Gore sicher. Der Vizepräsident der USA, der nach zwei Amtszeiten unter Bill Clinton vergeblich versuchte, das Weisse Haus selber zu erobern, hatte im März 1999 in einem Interview mit CNN gesagt, er habe das Internet erfunden. 

Oder etwa doch nicht? Tatsächlich sagte Gore wörtlich: 

«During my service in the United States Congress, I took the initiative in creating the Internet. I took the initiative in moving forward a whole range of initiatives that have proven to be important to our country’s economic growth and environmental protection, improvements in our educational system.»
(«Während meiner Zeit im US-Kongress habe ich die Initiative ergriffen, das Internet zu schaffen. Ich habe den Anstoss gegeben, eine ganze Reihe von Initiativen voranzutreiben, die sich für das Wirtschaftswachstum und den Umweltschutz unseres Landes als wichtig erwiesen haben, Verbesserungen in unserem Bildungssystem.») 

Al Gore

Keine Rede also von «erfunden» – wer den Satz im Kontext liest, muss Gore zugestehen, dass er hier lediglich seine politische Rolle bei der Förderung des Internets herausstreicht. Nachdem aber ein Artikel in «Wired» Gore als selbsternannten Vater des Internets dargestellt hatte, dauerte es nicht lange, bis ihm allenthalben unterstellt wurde, er habe behauptet, das Web erfunden zu haben.  

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«I took the initiative in creating the Internet.» Video: YouTube/Den Adams

Später verteidigten zwei tatsächliche Väter des Internets – Vint Cerf und Robert Kahn – Gore in einem offenen Brief. Sie schrieben: «Al Gore war der erste Politiker, der die Bedeutung des Internets erkannte und seine Entwicklung förderte und vorantrieb.» Ihre Schützenhilfe verpuffte jedoch weitgehend; noch heute haftet Gore hartnäckig der Ruch an, er übertreibe seine Verdienste hemmungslos. 

«Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.»

ZUM 50. TODESTAG DES BRITISCHEN POLITIKERS WINSTON CHURCHILL AM SAMSTAG, 24. JANUAR 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG – The late Sir Winston Churchill struck this grim-faced pose, Nov. 8, 1953, on the eve of his 79th birthday. The aging but very active Prime Minister sat for this portrait in the Cabinet Room of his official residence, 10 Downing Street. (KEYSTONE/AP Photo)

Winston Churchill: Die deutsche Propaganda nannte ihn unter anderem «Zahlenakrobat».  Bild: AP

Churchills Bonmot wird gern und häufig zitiert – allerdings weit eher im deutschen Sprachraum als in der Heimat des einstigen britischen Premierministers. Das ist kein Wunder, denn es gibt keinen Beleg dafür, dass der Satz von Churchill stammt. Bedeutend wahrscheinlicher dürfte eine deutsche Quelle sein. 

Also waren Churchills damalige Kriegsgegner die Urheber der Äusserung? Tatsächlich gibt es die Theorie, das Zitat stamme aus dem Reichspropagandaministerium des «Dritten Reichs». Immerhin hatte Joseph Goebbels die Presse mehrmals angewiesen, Churchill als Lügner hinzustellen. Nazi-Zeitungen wie der «Völkische Beobachter» titelten entsprechend: «Zahlenakrobat Churchill», «Churchills Zweckstatistik». 

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, aufgenommen in den 1930-er Jahren.  (KEYSTONE/AP Photo/Str) ===  ===

Auch von Nazi-Propagandaminister Goebbels stammt das Zitat nicht.  Bild: AP

Doch weder Churchill noch Goebbels lassen sich als Autor der Sentenz belegen. Erst 1946, nach dem Krieg, findet sich die erste Textstelle – die nichts mit Churchill zu tun hat:

«Was nutzt es also, wenn gewisse deutsche Regionen versuchen, die Welt zu überzeugen, sie seien an dem nazistischen Unheil ‹weniger› schuld als ihre Brüder jenseits des Flusses? So viel haben sie schon gelernt, dass sie nur den Statistiken glauben, die sie selbst gefälscht haben.»

Hanns-Erich Haack

In der ersten Person Singular formuliert taucht das Zitat erstmals 1967 auf, als Ausspruch des deutschen Bischofs Otto Dibelius: 

«Im Übrigen glaube ich nur an die Statistik, die ich selbst gefälscht habe.»

Otto Dibelius

Churchill dürfte das Zitat erst seit 1980 zugeschrieben worden sein. Das Zitat von der gefälschten Statistik ist daher selbst gefälscht. 

Bischof Otto Dibelius

Bischof Dibelius. Bild: Konrad-Adenauer-Stiftung

«Gott würfelt nicht.»

FILE - In this Dec. 28, 1934 file photo, Albert Einstein uses a blackboard as he speaks at a meeting of the American Association for the Advancement of Science in Pittsburgh, Pa. In 1915, then a little known scientist, Einstein proposed his general theory of relativity, a milestone in physics that says what we perceive as the force of gravity is actually from the curvature of space and time. He couldn’t prove it, but did say there were three ways to prove it and one was to show how distant star light bends during an eclipse. In 1919, Arthur Eddington observed the right amount of bending, something they couldn’t do without the moon’s shadow eclipsing the sun. (AP Photo)

Quantenmechanik ist «noch nicht der wahre Jakob»: Einstein 1934 in Pittsburgh, USA.   Bild: AP/AP

Ein berühmter Ausspruch eines berühmten Physikers: Albert Einsteins Diktum vom Gott, der nicht würfle. Wie so oft stellt sich auch hier heraus, dass das Zitat in seiner bekannten Form nicht exakt dem tatsächlichen Wortlaut entspricht. Es handelt sich um eine Art Fazit aus den folgenden zwei Äusserungen Einsteins: 

«Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, dass das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass  d e r  nicht würfelt.»

«Es scheint hart, dem Herrgott in die Karten zu gucken. Aber dass er würfelt und sich telepathischer Mittel bedient (wie es ihm von der gegenwärtigen Quantentheorie zugemutet wird), kann ich keinen Augenblick glauben.»

Albert Einstein

Die griffige Formel «Gott würfelt nicht» dient heute vielen Leuten dazu, eine bestimmte Überzeugung mit einem schmucken Einstein-Zitat zu untermauern: Dass es nämlich keinen Zufall gebe und Gott alles vorherbestimme. In dieser Verwendung ist die verkürzte Äusserung Einsteins jedoch nicht zulässig – nur schon deswegen, weil Einstein gar nicht an Gott glaubte.

Das zeigt sich sofort, wenn seine ursprünglichen Aussagen in ihrem Kontext betrachtet werden. Einstein ging es vielmehr um die Auseinandersetzung mit der Quantenphysik, genauer um den Kollaps der Wellenfunktion. Die Wellenfunktion beschreibt den Zustand eines Teilchens als Wahrscheinlichkeit, die erst dann zur Gewissheit wird, wenn eine Messung erfolgt. In diesem Moment kollabiert die Wellenfunktion zu einem bestimmten Wert.

Einstein und Bohr 1925 in Leiden (seitenverkehrt und mit Sprechblasen)

Relativitätstheorie vs. Quantenphysik: Albert Einstein und Niels Bohr, 1925.  Bild: Wikimedia

Am Beispiel eines Würfels: Wenn der Würfel nach dem Wurf verdeckt unter dem Becher liegt, nimmt die Wellenfunktion des Würfels die Zahlen 1 bis 6 gleichzeitig ein, mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils einem Sechstel. Erst in dem Moment, da der Becher angehoben wird, kollabiert die Wellenfunktion zu einem konkreten Wert, beispielsweise 5. Für Einstein, der sich damit allerdings täuschte, war das Unsinn – «Gott würfelt nicht». 

«Harry, hol schon mal den Wagen!»

A picture dated August 1973 shows German actor Horst Tappert (L) with German actor Fritz Wepper in Germany. Tappert died on 13 December 2008 at the age of 85 in a hospital in Munich, as his wife Ursula told German magazine 'Bunte' on 15 December 2008. Tappert became famous as the leading actor of the crime series 'Derrick' of German TV broadcaster 'ZDF'.  EPA/GOEBEL

Die Schauspieler Horst Tappert (l.) und Fritz Wepper 1973.  Bild: EPA

24 Jahre lang lief «Derrick», die bisher erfolgreichste deutsche Krimiserie. 281 Folgen wurden von 1974 bis 1998 ausgestrahlt – und in keiner einzigen davon sagte Horst Tappert, der den spröden Oberinspektor spielt, den berühmtesten Satz aus der Serie. Dieser Satz wurde zwar tatsächlich einmal verwendet, aber in der Serie «Der Kommissar» mit Erik Ode, in der Fritz Wepper ebenfalls den Inspektor Harry Klein spielte. Klein wechselte später zu Derrick, wie in dieser Episode zu sehen ist: 

Allerdings fiel bereits in der zweiten, mit «Johanna» betitelten «Derrick»-Folge ein recht ähnlicher Satz. Dort sagt Derrick zu seinem Partner, Inspektor Klein (Fritz Wepper): 

«Harry, wir brauchen den Wagen. Sofort.»

Horst Tappert als Derrick.

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«Harry, wir brauchen den Wagen. Sofort.» Video: YouTube/HDWWarrior

Eine ähnliche Anweisung kommt in Folge 73 vor, in der Derrick sagt: «Harry, ich brauch den Wagen!» Jener Satz aber, der immer zitiert wird, soll in Wahrheit von Harald Schmidt stammen – zumindest nach Ansicht des Präsidenten des deutschen Derrick-Fanklubs. Er sagte in einem Interview nach Tapperts Tod im Jahr 2008, Schmidt habe den Satz in einer Derrick-Parodie verwendet. 

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser»

Russian revolutionary leader Vladimir Ilich Lenin is shown in 1918 at an unknown location.  Ninety years after he was executed, Czar Nicholas II is leading a tight race to be named the greatest Russian in history. His closest competitors? Soviet dictator Josef Stalin and Vladimir Lenin, the founder of the Soviet state that killed the last czar and his entire family. The contest, sponsored by state-owned Rossiya television, is a Russian version of the 2002 BBC show

«Nicht aufs Wort glauben, aufs strengste prüfen»: Lenin. Bild: AP

Lenin hätte sich wohl besser an diese Maxime gehalten, als er Stalin zum mächtigen Generalsekretär der Kommunistischen Partei aufsteigen liess. Stalin wiederum war so paranoid, dass ihm der erste Teil der Sentenz vermutlich gar nie über die Lippen gekommen wäre. Wie auch immer: Der Satz wurde so von Lenin nicht geprägt – und auch von Stalin nicht. Jedenfalls gibt es keine Belege dafür. 

Allerdings hatte Lenin verschiedentlich Äusserungen gemacht, die in diese Richtung gingen. 1914 schrieb er beispielsweise in einem Aufsatz: «Nicht aufs Wort glauben, aufs strengste prüfen – das ist die Losung der marxistischen Arbeiter.» Der wahrscheinlichste Urheber des Spruchs dürfte aber der russische Volksmund sein – dieses russische Sprichwort soll nämlich zu Lenins Lieblingssätzen gehört haben: 

«Доверяй, но проверяй.» – «Dowjerjaj, no prowjerjaj.»
(«Vertraue, aber prüfe nach.»)

Russisches Sprichwort

«Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.»

Weise Worte der Indianer – und das zu einem Zeitpunkt, da ein Begriff wie «Umweltschutz» noch gar nicht geprägt war. Die Prophezeiung ist zum Mantra der Umweltschützer und Zivilisationskritiker geworden, Greenpeace verwendete sie als Slogan.

Weissagung der Cree

Bild: Imgrum

Manche führen den berühmten Sioux-Häuptling Sitting Bull als Urheber der Sentenz an, andere ordnen sie Häuptling Seattle vom Stamm der Suquamish zu – wahre Insider aber wissen, dass es sich um eine Weissagung der Cree-Indianer handelt. 

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Die deutsche Band Cochise komponierte das Lied «Rauchzeichen», dessen Text auf der Weissagung basiert.  Video: YouTube/Kipepeo Publishing

Leider stimmt auch das nicht. Kein Ehrfurcht gebietender Indianerhäuptling aus dem 19. Jahrhundert hat diese Worte gesprochen – zumindest gibt es vor 1972 keine Belege für diese Weissagung. Vermutlich stammt sie aus einem Interview mit der kanadischen Dokumentarfilmerin Alanis Obomsawin, das 1972 veröffentlicht wurde: 

«Canada, the most affluent of countries, operates on a depletion economy which leaves destruction in its wake. Your people are driven by a terrible sense of deficiency. When the last tree is cut, the last fish is caught, and the last river is polluted; when to breathe the air is sickening, you will realize, too late, that wealth is not in bank accounts and that you can’t eat money.»
(«Kanada, das wohlhabendste Land, läuft auf einer Ökonomie des Raubbaus, die Verwüstung nach sich zieht. Eure Leute sind von einem schrecklichen Gefühl des Mangels getrieben. Wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen und der letzte Fluss vergiftet ist; wenn es krank macht, die Luft zu atmen, werdet ihr, zu spät, erkennen, dass Reichtum nicht auf Bankkonten beruht und dass man Geld nicht essen kann.»)

Alanis Obomsawin

Da Obomsawin zur indigenen Gruppe der Abenaki gehört, ist immerhin die indianische Herkunft des Spruchs korrekt. 

Alanis Obomsawin

Alanis Obomsawin. Bild: AZ Quotes

«Beam me up, Scotty.»

«There's no intelligent life down here – beam me up, Scotty» – Sprüche wie diesen las man vor ein paar Jahren noch an WC-Türen oder Betonwänden. Die Teleportation war in den 60er Jahren durch die Science-Fiction-Serie «Star Trek» (deutsch «Raumschiff Enterprise») popularisiert worden. Kein Wunder, das Beamen erwies sich ja als äusserst praktisch, um beispielsweise brenzligen Situationen zu entfliehen. 

Die berühmte Phrase «Beam me up, Scotty», die Captain Kirk an den Chefingenieur Montgomery Scott richtet, fiel allerdings in keiner einzigen Folge der Serie. Es handelt sich um eines jener Zitate, die nahezu jedem geläufig sind, aber gar nie so gesagt wurden. In Wahrheit kamen mehrere, leicht unterschiedliche Formulierungen vor: 

«Scotty, beam us up.»
«Beam me up.»
«Beam us up, Scotty.»
«Scotty, beam me up.»

Captain James T. Kirk

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Hier beamt Kirk Spock an Bord der Enterprise.  Video: YouTube/CBS

Immerhin an einer Stelle ist die populäre, aber falsche Version genau die richtige: «Beam me up, Scotty» lautet der Titel der Autobiographie von James Doohan – dem Schauspieler, der Scotty verkörpert hatte. 

Für die Trekkies: «Qapla'!» – Ein Interview auf Klingonisch

Video: Angelina Graf

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22 Kommentare
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dommen
26.09.2017 21:58registriert January 2016
"Es steht im Internet, also ist es wahr."
Abraham Lincoln
1381
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Pokefan
26.09.2017 21:33registriert July 2016
"Luke, I am your father." gabs als solches auch nie, "No. I am your father" ist die korrekte Aussage.
1012
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ARoq
26.09.2017 21:51registriert September 2014
891
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22

Zürich hatte «vielfältige und relevante» Verbindungen zur Sklaverei

Die Stadt Zürich war an der Sklaverei und dem Sklavenhandel finanziell beteiligt und so mitverantwortlich für die Versklavung tausender Afrikanerinnen und Afrikaner. Die Unterstützung erfolgte durch Staatsanleihen, den Handel und Plantagen.

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