Wissen
Klima

Die Eisbären auf Spitzbergen werden fetter – obwohl das Eis schmilzt

Bilder der Erde Eisbaer Ursus maritimus, vor einem Eisberg, Norwegen, Spitzbergen polar bear Ursus maritimus, with iceberg, Norway, Svalbard BLWS508239 Copyright: xblickwinkel/AGAMI/C.xvanxRijswijkx
Bild: www.imago-images.de

Die Eisbären auf Spitzbergen werden fetter – obwohl das Eis schmilzt

Während das Meereis rund um Spitzbergen rapide schmilzt, sind die Eisbären dort gesünder und fetter als vor dreissig Jahren. Wie ist das möglich?
31.01.2026, 07:2131.01.2026, 07:21

Wir alle kennen die Bilder von ausgemergelten Eisbären, die mit letzter Kraft nach Nahrung suchen, weil überall das Eis geschmolzen ist. Und zu den sich am schnellsten erwärmenden Gebieten der Erde gehört die Barentssee rund um Svalbard, wie Spitzbergen offiziell heisst. Seit 1980 ist die Temperatur dort um 2 Grad pro Jahrzehnt gestiegen. Das hat erhebliche Auswirkungen auf das Meereis – das Jagdgebiet, in dem Eisbären traditionell Robben fangen.

Spitzbergen
Spitzbergen ist eine von Norwegen verwaltete Inselgruppe im Nordatlantik und Arktischen Ozean, die rund anderthalbmal so gross wie die Schweiz ist, aber nur knapp 2500 Einwohner hat. Auf Norwegisch heisst der Archipel «Svalbard» (deutsch «Kühle Küste»). Im deutschen Sprachgebrauch ist dieser Name nicht verbreitet und die Inselgruppe wird gemeinhin «Spitzbergen» genannt, was zugleich der Name der Hauptinsel des Archipels ist.
Quelle: Wikipedia

Man könnte erwarten, dass die Bären es schwer haben. Biologen berichteten jedoch diese Woche im Fachjournal Nature, dass die Eisbärenpopulationen rund um die norwegische Inselgruppe in guter Verfassung sind. Trotz des jahrzehntelangen starken Rückgangs des Meereises hat sich der körperliche Zustand dieser Bären sogar verbessert. Die Ergebnisse weichen stark von den Beobachtungen in anderen Teilen der Arktis ab, wo es den Eisbären schlecht geht.

Fetter Eisb
Dieser Eisbär mit blutverschmiertem Kopf verfügt offenbar über grosse Fettreserven. Bild: www.imago-images.de

Aus früheren Studien wissen wir, dass das Verschwinden des Meereises in der Regel zu einem Rückgang der Eisbärenpopulationen führt. Auf die Region um Spitzbergen scheint dieses Muster jedoch nicht zuzutreffen. Eine Zählung aus dem Jahr 2004 schätzte die Population auf etwa 2650 Tiere, und in den folgenden Jahren war kein deutlicher Rückgang zu beobachten.

«Warum diese Population stabil blieb, war lange Zeit ein Rätsel», schreiben die Forscher des norwegischen Polarinstituts in Tromsø. Um dieses Rätsel zu lösen, analysierten sie Daten aus fast dreissig Jahren. Zwischen 1992 und 2019 sammelten sie nahezu 1200 Körpermessungen von 770 erwachsenen Eisbären. Dabei betrachteten sie den sogenannten Body Composition Index (BCI): ein Mass für die Fettreserven und die allgemeine Körperkondition.

Die Karte zeigt das Gebiet mit Fängen (Männchen = schwarze Punkte, Weibchen = rote Punkte). Der gelbe Kreis zeigt das Gebiet, in dem die gefangenen Bären in der Regel zum „lokalen“ Ökotyp gehören, der ...
Gefangene Bären (Männchen = schwarze Punkte, Weibchen = rote Punkte). Der gelbe Kreis zeigt das Gebiet, in dem die gefangenen Bären in der Regel zum «lokalen» Ökotyp gehören, der lila Kreis das Gebiet, in dem die Bären zum «pelagischen» Ökotyp gehören. Das Gebiet dazwischen wird während der Fangzeit im Frühjahr von beiden Ökotypen genutzt. Lila Pfeile zeigen, wie pelagische Bären zwischen Spitzbergen (wo die Bären gefangen werden) und dem Packeis oder Franz-Josef-Land wandern.Karte: Nature

Sie verglichen diese Daten mit der Anzahl der eisfreien Tage pro Jahr in der Barentssee. Diese Zahl stieg im untersuchten Zeitraum um etwa hundert Tage, durchschnittlich vier zusätzliche eisfreie Tage pro Jahr. Man würde erwarten, dass die Bären darunter stark leiden, aber das Gegenteil war der Fall. Nach dem Jahr 2000 stieg der durchschnittliche BCI sogar an. «Die Bären wurden fetter, während das Meereis weiter zurückging», schlussfolgern die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Für eine mögliche Erklärung müssen wir uns überraschenderweise auf das Festland konzentrieren. Landtieren wie Rentieren und Walrossen geht es gut. Ihre Populationen sind in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen, nachdem sie zuvor von Menschen stark bejagt worden waren. Diese Tiere stellen heute eine alternative Nahrungsquelle für Eisbären dar. Ausserdem könnte es sein, dass das schmelzende Meereis die Jagd auf Robben vorübergehend effizienter gemacht hat. Ringelrobben, die kleinen Dickerchen unter den Robben, scheinen sich in kleineren Gebieten zu konzentrieren, wenn die Eisfläche abnimmt. «Es könnte gut sein, dass dies die Chancen der Eisbären auf eine erfolgreiche Jagd erhöht», vermuten die Forscher.

Dennoch warnen sie vor allzu optimistischen Schlussfolgerungen. Was jetzt als Vorteil erscheint, kann sich bei weiterer Erwärmung in einen Nachteil verwandeln. Wenn das Meereis weiter schmilzt, müssen Eisbären immer grössere Entfernungen zurücklegen, um ihre Jagdgebiete zu erreichen. In anderen Teilen der Arktis ist bereits zu beobachten, dass dies zu Gewichtsverlust und geringeren Überlebenschancen führt. «Die Situation auf Spitzbergen zeigt, dass Eisbären flexibel sind», erklärt das Team, «aber diese Flexibilität hat Grenzen». Laut dem Forschungsteam sind weitere Untersuchungen erforderlich, um zu verstehen, warum sich einige Populationen derzeit anpassen, während andere offensichtlich in Schwierigkeiten geraten. (dhr)

Eisscholle zu dünn? Dieser Eisbär so: «Hold my beer!»

Video: watson/Fabian Welsch
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Lasst alles liegen! Hier sind süsse Bilder einer Eisbär-Mutter mit ihrem Jungen
1 / 9
Lasst alles liegen! Hier sind süsse Bilder einer Eisbär-Mutter mit ihrem Jungen
Willkommen, verehrte Damen und Herren! Wir befinden uns im Arctic National Wildlife Refuge in Kaktovik, Alaska, und so sieht Mutterliebe im Tierreich aus!
quelle: catersnews / / 1027120
Auf Facebook teilenAuf X teilen
«So viele Bären gab es noch nie» – Eisbären-Alarm in Russland
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
19 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
lumpensammlerin
31.01.2026 07:49registriert Mai 2019
Die Amerikaner sind auch fetter als die Europäer, aber bei der Gesundheit würde ich eher das Gegenteil behaupten.

Duck-und-weg 🤪
437
Melden
Zum Kommentar
19
Blue Monday – das steckt hinter dem angeblich traurigsten Tag des Jahres
Der Blue Monday soll der traurigste Tag des Jahres sein. Ja, im Januar ist die Stimmung bei vielen am Tiefpunkt – doch einen wissenschaftlichen Beleg für die Existenz des Blue Mondays gibt es nicht. Wie ist der Mythos entstanden?
Der Erfinder des sogenannten Blue Mondays ist der britische Psychologe Cliff Arnall. Blue hat im Englischen mehrere Bedeutungen: Einerseits steht es für die Farbe Blau, andererseits aber auch für den Zustand, wenn man traurig oder deprimiert ist.
Zur Story