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Er, äh, sie rückte die Diskussion über Geschlechter-Identität ins Blickfeld der Öffentlichkeit.
Er, äh, sie rückte die Diskussion über Geschlechter-Identität ins Blickfeld der Öffentlichkeit.Bild: APA
Aufklärung

Wählen Sie aus 58 Geschlechtern 

Nach Conchita Wursts Triumph mit Bart und Damenrobe herrscht in manchen Haushalten unter Umständen Verwirrung – wir erklären, was an Identität heutzutage alles möglich ist.
13.05.2014, 02:4413.05.2014, 09:32
Ein Artikel von Aargauer Zeitung
Aargauer Zeitung
Karen Schärer und Daniel Fuchs / Aargauer Zeitung

Ist Conchita Wurst nun ein Mann in Abendrobe oder eine Frau mit Bart? Sind die Brüste echt oder nicht? Für alle, die nicht selbst recherchiert haben: Conchita Wurst ist eine Kunstfigur. Hinter ihr steckt ein schwuler Mann, Tom Neuwirth. Als Dragqueen tritt er seit einer Talentshow im österreichischen Fernsehen auf – und mag es nach dem grossen Auftritt auch, wieder in seine Männerkleidung zu wechseln. 

Tom Neuwirth ist somit keine Transperson, sondern ein Schwuler, der als Travestiekünstler auftritt, also in Frauenkleider schlüpft und das weibliche Geschlecht mimt. «Ich bin ein Mann und werde es auch bleiben», sagte er unmissverständlich gegenüber der «Bild». 

Verwirrendes Spiel mit dem Bart

Mit ihrem Vollbart treibt Conchita Wurst das Verwirrspiel auf die Spitze. Der Bart sei Statement und Provokation zugleich. Genau wie der Name. Beides soll sagen: «Es ist wurst, wie man aussieht, man soll nur sein Leben toll gestalten», liess sich Neuwirth zitieren. 

Allerdings lässt sich nicht nur beim Eurovision Song Contest auf den ersten Blick schwer einordnen, ob ein Mensch Mann oder Frau ist. Einen Überblick, was alles möglich sein kann in Sachen Geschlecht, bietet Facebook mit einem Angebot an seine amerikanischen Nutzer. Diese haben in ihren Profileinstellungen seit diesem Jahr die Möglichkeit, neben «male» und «female» die Option «custom» anzuklicken und unter 58 Alternativen jene auszuwählen, die ihren Geschlechtsausdruck am besten trifft. 

Die Facebook-Liste

Auch in anderen Ländern strebt Facebook solche Auswahlmenüs an. In den USA erarbeitete Facebook die Liste in enger Zusammenarbeit mit den LGBT-Organisationen (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transmenschen). Viele der Geschlechter-Bezeichnungen unterscheiden sich wegen verschiedener Begriffe nur stilistisch. Das sind die wichtigsten: 

  • Transgender: Transmenschen haben seit Geburt ein biologisches Geschlecht, dem sie sich nicht zugehörig fühlen. Eine Trans-Frau ist also eine Frau, die als Mann geboren wurde. 
  • Agender: Menschen, die Agender ankreuzen, fühlen sich entweder geschlechtslos oder wollen damit zum Ausdruck bringen, dass ihnen die Zuordnung zu einem Geschlecht nicht wichtig ist. 
  • Androgynous: Androgyn sind Personen, welchen man nicht auf Anhieb ansieht, ob sie Mann oder Frau sind. 
  • Bigender: Solche Menschen ordnen sich zwei Geschlechtern gleichzeitig zu. Das können auch andere sein als Mann oder Frau. 
  • Cisgender: Mit dieser Bezeichnung ordnen sich Personen ausdrücklich ihrem biologischen Geschlecht zu: cis female oder cis male. 
  • FTM respektive MTF: Wenn ein Trans-Mann operativ oder hormonell eine Geschlechtsanpassung vorgenommen hat, dann bezeichnet man diesen Vorgang als FTM (female to male). Das Umgekehrte bei einer Trans-Frau bezeichnet man als MTF. 
  • Gender Fluid: Solche Personen ändern die Zugehörigkeit zu ihrem Geschlecht laufend. 
  • Intersex: Zwischengeschlechtliche Menschen werden geboren, ohne dass man sie genetisch oder biologisch klar Mann oder Frau zuordnen kann. Sie können also über männliche wie auch weibliche Geschlechtsmerkmale verfügen oder diese entwickeln. 

Ein drittes Geschlecht im Reisepass 

Für die wenigsten Nutzer hat die Facebook-Liste einen Nutzen. Statistiker sprechen von einem von 30'000 Menschen, der sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt, aber biologisch als Mann geboren worden ist. Umgekehrt beträgt die Häufigkeit 1 zu 10'000. Für diese wenigen hat die grössere Auswahl eine riesige Bedeutung. 

Facebook aber ist erst der Anfang. In der Schweiz ist seit einem Jahr eine Geschlechtsanpassung für Transmenschen keine zwingende Voraussetzung mehr, dass sie ihre Geschlechteridentität im amtlichen Ausweis erfassen lassen können. So gibt es amtlich bestätigte Männer mit weiblichen Geschlechtsorganen und umgekehrt Frauen mit männlichen Genitalien. 

Das Lobbying der LGBT-Interessengruppen hat damit auch hierzulande erste handfeste Erfolge erzielt. Anderswo hatten sie ihren Einfluss sogar bis in den Reisepass geltend gemacht: So akzeptieren Länder wie Australien, Neuseeland, Deutschland, Bangladesch, Indien, Nepal oder Pakistan ein drittes Geschlecht respektive bieten Bürgern die Möglichkeit, im Pass anstelle der Zuordnung zu männlichem oder weiblichem Geschlecht ein X zu setzen oder dieses Feld frei zu lassen. 

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