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Bild: Shutterstock

Fluchen vor 600 jahren

Narrenmesser, Hurenbrüste und «dini Mueter»

Sprüche, die auf die Mutter abzielen, haben schon im Mittelalter den Adressaten wirkungsvoll beleidigt, wie Heinrich Wittenwilers monumentales Werk «Der Ring» (kraft-)ausdrücklich beweist. 

Nur eine einzige Handschrift des «Rings» ist aus dem frühen 15. Jahrhundert bis in unsere Zeit gelangt. Ihr verdanken wir einen wunderbar komischen Hochzeitsschwank, in dem Bauern Ritter sein wollen, Fress- und Sauforgien feiern und aufgrund irgendwelcher Lappalien ganze Kriege ausfechten. 

Doch auch die Frauen hatten es faustdick hinter den Ohren, wie der alte Schinken lehrt: Sie wurden vor ihrer Vermählung von ihrem Medicus defloriert und bekamen dafür eine mit Taubenblut gefüllte Fischblase eingesetzt: Mit diesem gelungenen Rezept für vorgegaukelte Jungfräulichkeit überstanden sie dann auch die Hochzeitsnacht ohne Ehrverlust. Solange die unkeuschen Damen dazu nur tüchtig zappelten und plärrten. 

Dieser Pfuhl an Unflätigkeiten ist ein vorzüglicher Nährboden für derbe Flüche. Sie glauben ja gar nicht, wie wenig das mit edlem Rittertum zu tun hat...

Um 1410 herum irgendwo in der Grafschaft Toggenburg...

Heinrich Wittenwiler: Der Ring

«Wittenwilers ‹Ring› stellt den merkwürdigen Versuch dar, im Rahmen eines dörflichen Liebes- und Hochzeitsschwankes eine Weltbeschreibung zu liefern, eine Enzyklopädie des Wissens und der Lebensführung. Das voluminöse spätmittelalterliche Werk ist ein Unikum und sowohl in künstlerischer wie in kulturgeschichtlicher Hinsicht von grosser Bedeutung.»

Horst Brunners zweisprachige (Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch) Reclam-Ausgabe von «Der Ring»

Die Bauern von Lappenhausen wollen ein Turnier nach ritterlicher Manier veranstalten. Der Grund: Der Junker Bertschi Triefnas ist verliebt in Mätzli Rüerenzumph. Ihr Nachnahme kann man mit «Rührdenschwanz» übersetzen und er ist genau so obszön gemeint, wie er klingt. 

«An ihrer Kehle hing ein Kropf, der bis zum Bauch herunterschlotterte, Brüstlein hatte sie so klein wie Packtaschen und ihr Atem duftete nach Schwefel. Das Kleidchen hing an ihr, als sei ihr die Seele entflogen.»

Trotz ihres wenig schmeichelhaften Aussehens ist Bertschi in Liebe zu ihr entbrannt und nur für sie will er das Turnier bravourös für sich entscheiden. Die «torffmätzen» (Dorfschlampen) versammeln sich unter lautem Getöse und feuern ihre Favoriten an.

1. Ordinäre Kampfansagen

Bereits im Vorfeld beleidigen sich die Bauern rege und versuchen dabei die Frage zu beantworten, wer zuerst und am kräftigsten vermöbelt werden sollte:

«Enkainr ist schlahens werd denn der hüerrensun, der Twerg, der den ars wüscht an daz phait.»

Heinrich Wittenwiler; Der Ring

«Keiner braucht das Verprügeln mehr als der Zwerg, der Hurensohn, der den Arsch am Hemd abwischt.»

«Ist nit wäger, daz wir Trollen schlahin über seinen schollen, der die leut und lande laicht und dar zuo in daz pette saicht?»

Heinrich Wittenwiler; Der Ring

«Wäre es nicht gerechter den Troll, der Land und Leute betrügt und dazu noch ins Bett ‹seicht›, über den Kürbis zu schlagen?»

«Du muost dich mit mir traben und von ars auff werden gschlagen.»

Heinrich Wittenwiler; Der Ring

«Gegen mich musst du reiten und vom Arsch aufwärts verhauen werden.» 

«Der Tiefel müess sein phlegen, miss ich im nit einen stich, daz er werd gagent untersich!»

Heinrich Wittenwiler; Der Ring

«Der Teufel muss verhüten, dass er unter sich scheisst, wenn ich ihn absteche!»

«Mich dunkt in meinem muot, 
daz wir schollen streichen Chuontzen haut, die weichen,
wan er in der Kirchen stanch
über all unser danch.»

Heinrich Wittenwiler; Der Ring

«Ich meine, wir sollten dem Kunz die zarte Hart verbeulen, weil er – uns allen zum Verdruss – in der Kirche gestunken hat.»

Oder etwas jugendlicher gesprochen: «Du huere Opfer, du stinksch!» 

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GIF: watson/rof

«Das ist ein schand, das du dein swert so gar an laid hast gezogen aus der schaid: Narren messer, hüerren prüst sicht man bleken oft umb süst.»

«Es ist eine Schande, dass du dein Schwert so ganz umsonst aus der Scheide gezogen hast: Narrenmesser und Hurenbrüste werden oft für nichts blossgelegt.»

2. «Dini Mueter», «mini Mueter»

«Was chlaffst du? 
Ich siert dir noch die muoter dein
mit sampt der niftel hörstu das?»

Heinrich Wittenwiler; Der Ring 

«Was verzapfst du da? Hör zu: Ich schände dir noch die Mutter mitsamt der Nichte.»

Die mittelalterliche Lösung, schlagfertig auf eine Schändungsdrohung zu reagieren, besteht darin, einfach noch mehr Schändung anzudrohen: 

«Und siertst du mir die muoter mein, 
ich siert dich selb und alz dein geschlächt.»

Heinrich Wittenwilder; Der Ring

«Schändest du mir die Mutter, dann schände ich dich selber und deine ganze Familie

3. Dicke Hinterbacken

Evas Erbinnen müssen einiges einstecken. Sie haben den sündigen Rausschmiss aus dem Paradies verschuldet. Sie verstehen das Rechtswidrige stets als Aufforderung. Sie lassen sich selbst von einer sprechenden Schlange überreden, von verbotenen Früchten zu naschen. Sie sind das schwache Geschlecht, die «von Natur aus Untreuen», die «moralisch Verkümmerten» und deshalb werden sie von Wittenwilers Bauerngesindel grob beschimpft:

«Den frawen ist der ars ze prait, 
daz hertz ze smal.»

Heinrich Wittenwiler; Der Ring

«Die Frauen haben einen zu dicken Arsch und ein zu kleines Herz.» 

Bärtschi, von unbändigem Liebeshunger ergriffen, steigt heimlich auf den Dachboden der Geliebten. Vor lauter Gier schiebt er seinen Kopf durch ein Loch zwischen den Dielen, um sie besser beobachten zu können. Da er aber «swärer dann ein bloch» ist, kracht er durch die Decke und landet im Feuerkessel der Familie Rüerenzumph. Der Vater Mätzlis ist erzürnt und straft die Tochter für dieses Missgeschick; schliesslich ist sie der Auslöser des männlichen Liebeswahns. Er sperrt sie in den Speicher und brüllt: 

«Da sitz und scheiss!
Der ars ist dir ze dik und feiss.»

Heinrich Wittenwiler; Der Ring

«Da hock und scheiss! Der Arsch ist dir zu fett und zu feist.»

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GIF: Tumblr/Gatisses



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