Strom vor Edison – wie ein Bündner Hotelier schneller war als die Glühbirne
Es ist der 18. Juli 1879 abends. Eine illustre Gästeschar von 100 Personen hat sich im grossen Speisesaal des Hotels Kulm in St. Moritz zum Diner eingefunden. Das Hotel ist die erste Adresse im Ort, wo sich sommers wie winters die anspruchsvolle Kundschaft vor allem aus England verwöhnen lässt. An diesen Sommerabend hält Johannes Badrutt eine besondere Überraschung bereit. Als die Gäste an der langen Table d’hôte Platz genommen haben und die Dämmerung einsetzt, schaltet er das Licht ein.
Zur Verblüffung aller ist es nicht das Schummerlicht von Gaslaternen oder Petrolleuchten. Der Speisesaal erstrahlt in einem warmen, taghellen Lichterglanz zahlreicher elektrischer Leuchten. Badrutt nimmt in seinem Hotel die erste elektrische Beleuchtung in der Schweiz in Betrieb. Eine Sensation, die Gäste sind komplett aus dem Häuschen. «Alle erhoben sich von ihren Stühlen, jubelten und winkten mit ihren Servietten», erinnert sich noch Jahrzehnte später ein gewisser John W. Townsend aus Philadelphia, der dabei gewesen war. «Es herrschte eine grosse Aufregung, denn nur wenige hatten je zuvor ein solches Licht gesehen», heisst es in einem Brief, den er 1930 schrieb und der heute im Badrutt’s Palace Archiv liegt.
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Der letzte Schrei aus Paris
Johannes Badrutt war ein gewiefter Hotelier mit einer guten Nase dafür, was die zahlungskräftigen Gäste der Belle Époque wünschten. Er wurde 1819 geboren und arbeitete eine Weile im väterlichen Geschäft für Baumaterialien. 1858 verkaufte er das Hotel, das seine Eltern in Samedan betrieben, und übernahm die kleine Pension «Faller» in St. Moritz, die er vorher mit seiner Frau Maria Berry gemietet und betrieben hatte. Im gleichen Jahr wurde die Bahnlinie nach Chur eröffnet, was die Anreise der Touristen ins Engadin erleichterte. Badrutt baute die erhöht über dem St. Moritzersee gelegene Pension sukzessive zum Luxushotel «Kulm Hotel St. Moritz» aus und betrieb es bald auch im Winter, weshalb er als Erfinder der Wintersaison gesehen wird.
Stets auf der Suche nach den neusten technischen Errungenschaften, besuchte der Hotelpionier 1878 die Weltausstellung in Paris. Zu den Attraktionen dieser internationalen Leistungsschau gehörte ein grosses Aquarium, ein Fesselballon und der Kopf der Freiheitsstatue, die Frankreich den USA schenken wird.
Die Sensation unter den technischen Neuheiten war jedoch das elektrische Licht. Im Jahr zuvor hatte der russische Ingenieur Pawel Jablotschkow erstmals Innenräume des Kaufhauses Louvre mit seinen «elektrischen Kerzen» erhellt. An der Weltausstellung kamen rund 1000 dieser neuartigen Kohlebogenlampen zum Einsatz, illuminierten die Avenue de l’Opéra und die Place de L’Opéra und zum Abschluss auch Schloss Versailles. Das System Jablotschkow ermöglichte erstmals die «Teilung des Lichts», das heisst den Betrieb mehrerer Lampen gleichzeitig an einer Stromquelle.
Die Besuchenden waren überwältigt und entzückt. Petrolfunzeln verbreiteten bisher nur Dämmerlicht. Gaslaternen verströmten einen fahlen Schein und liessen die Gesichter grünlich und kränklich wirken wie die Tänzerin May Milton auf dem Gemälde «Im Moulin Rouge» von Henri de Toulouse-Lautrec. Die elektrisch Beleuchtung hingegen machte die Nacht zum Tag und schmeichelte dem Teint der noblen Gesellschaften. Johannes Badrutt beschloss auf der Stelle, in seinem Hotel Kulm elektrisches Licht einzuführen.
Das erste Kraftwerk am Dorfbach
Noch im selben Jahr baute Badrutt am Dorfbach Brattas in der Nähe des Hotels ein Wasserkraftwerk mit 7 Kilowatt Leistung. Ein Turbine trieb in der Schreinerei des Hotels einen kleinen Generator an, das erste Elektrizitätswerk der Schweiz. Es vermag die Leuchten im mit Arvenholz getäfelten Speisesaal zu versorgen, weitere Leuchten in einem Aufenthaltsaal sowie die erste elektrische Strassenlaterne auf dem Vorplatz des Hotels. Die badrutt’sche Beleuchtungsanlage funktionierte mit Kohlebogenlampen. Dabei entsteht zwischen zwei Elektroden aus Grafit ein in der Luft brennender Lichtbogen, der längere Zeit helles Licht abgeben kann. Beim System Jablotschkow entfiel der heikle Mechanismus für das Nachschieben der Kohlestäbe. Sie brannten etwa 90 Minuten ohne Unterbrechung und mussten dann ausgetauscht werden.
Die Gäste waren begeistert und die Presse berichtete über die Errungenschaft. So auch die Neue Zürcher Zeitung, die sich dabei betont abgeklärt gab, als wäre elektrisches Licht schon die normalste Sache der Welt. Am 22. Juli 1879 berichtete sie in der Rubrik «Kleine Mitteilungen»:
Bemerkenswert ist: Badrutt baute seine Anlage als Unternehmer und gehörte zu den frühen privaten Anwendern der jablotschkowschen Kohlebogenlampen. Er installierte das elektrische Licht im Hotel, lange bevor Thomas Alva Edison Anfang 1880 das Patent für die Glühbirne mit einem karbonisierten Glühfaden aus Baumwolle erhielt und sie danach allgemein gebrauchsfähig machte. Damit war er nicht nur ein Hotelpionier, sondern auch ein Pionier der Elektrifizierung in der Schweiz.
Die frühe Elektrifizierung des Hotels Kulm war ein Luxus, der die vermögenden Touristen anzog. Sie bedeutete Modernität und war eine Möglichkeit, mit der sich die Oberschicht vom gemeinen Volk abgrenzen konnte. 1882 warb Badrutt in einem Prospekt mit seinen Bogenlampen und seinem Kraftwerk und stattete sein stetig wachsendes Hotel mit vielerlei elektrischen Lampen aus.
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Weil der Strombedarf stieg und die Stromversorgung auch im Winter gewährleistet werden musste, nahm er Anfang 1888 am Ausgang der Inn-Schlucht ein grösseres Kraftwerk in Betrieb, mit 88 Kilowatt Leistung das damals grösste im Kanton Graubünden. Nun gab es Strom für alle modernen Annehmlichkeiten wie Licht, Ventilation, Aufzüge und für die Illumination der repräsentativen Hotel-Fassade, die das Licht des Fortschritts verbreitete und seither die Gutbetuchten aller Länder ins Engadin lockt.
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