Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Image

Der vom feuerbärtigen Mann heimgesuchte Spiesshof am Heuberg 7 in Basel.  bild: wikimedia, bearbeitung watson

Die zum Tode verurteilte Leiche, die heute noch im Basler Spiesshof spukt 

Man muss nicht unbedingt nach England reisen, um von wunderlichen Gespenstergeschichten zu hören – die gibt es auch bei uns. Im ersten Teil dieser Serie wollen wir uns nach Basel aufmachen. Wir schreiben das Jahr 1544 ...



Am Heuberg 7 steht ein wunderbar herrschaftliches Haus. Ein Renaissance-Haus mit einer dunkelroten Fassade und steinernem Zierwerk, mit Bögen und allerlei Gebälk. Der Spiesshof. Das Anwesen, das 1544 von einem gewissen Jan van Brügge gekauft wurde. 

Dieser Mann mit dem Feuerbart klopfte an Basels Stadttor und bat um Einlass. Er, seine Frau und seine zehn Kinder seien protestantische Flüchtlinge, gottgefällige Zwinglianer, auf der Flucht vor der katholischen Inquisition, die in den heimatlichen Niederlanden wüte. Der Basler Rat hörte sich das Begehren des fremden Mannes mit dem Feuerbart an, und weil er ein reicher Glasmaler war, der zudem noch fromme Traktate verfasste, nahmen sie ihn auf hinter ihren gut befestigten Mauern. 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/Jan_van_Scorel_003.jpg David Joris

Der Mann mit dem Feuerbart. Das Bild stammt aus seinem Nachlass und hängt heute im Kunstmuseum Basel.  bild: wikimedia

Aber niemand hat Jan van Brügge arbeiten sehen. Kein einziges Fenster hat er bemalt, und die Basler Bürger begannen sich zu fragen, woher wohl das viele Geld stammte, mit dem er seine zahlreiche Dienerschaft bezahlte, die im Spiesshof eifrig herumwuselte und seine Landgüter – das Weiherschlösschen in Gundeldingen und das Holeeschloss bei Binningen – in Schuss hielt. 

http://www.swisscastles.ch/Basel/gundeldingen.html Weiherschloss Gundeldingen

Die Zeichnung vom Basler Emanuel Büchel, aus dem Jahr 1750 zeigt Jan van Brügges Anwesen mit dem hübschen Entenweiher in Gundeldingen.  bild: swisscastles

Aber letztlich zeigte sich der Fremde sehr grosszügig. Ein Teil seines Vermögens schenkte er den Armen – und so fragte man irgendwann nicht mehr nach der Quelle seines Reichtums.

Schloss Binningen

Ebenfalls von Büchel, 1760 gezeichnet: Das Schloss Binningen, eines der Landgüter Jan van Brügges.  Bild: wikimedia

Als er am 28. August 1556 starb, fuhr ein greller Blitz in den Spiesshof. Ein Unheil verkündendes Zeichen des Himmels. 

Van Brügge war drei Tage nach seiner Frau gestorben. Neben ihr bekam er nun seinen ehrenvollen Platz. In der Kirche zu St. Leonhard.

Drei Jahre später wurde er auf Geheiss eines unglaublich wütenden Basler Rates wieder ausgegraben. Die hohen Herren hatten seine wahre Identität herausgefunden. Er hiess gar nicht Jan van Brügge, sondern David Joris. Der Mann, den sie nun aus seinem drei Schuh tiefen Grab holten, war das Oberhaupt der Wiedertäufer in den Niederlanden. Ein Prediger der Vielweiberei, ein vom rechten Weg abgefallener Radikalreformator, ein Sektenführer lebte mitten unter den braven Basler Bürgern, täuschte Obrigkeit und Kirche und leitete im Verborgenen seine verdorbene Ketzer-Herde. 

Dafür sollte er posthum büssen. Die Leiche des Betrügers wurde zum Tode verurteilt. Augenblicklich solle man den schändlichen Körper aus der geweihten Erde entfernen, ihn zum «Kopfabhaini» bringen, ihn dort enthaupten und mitsamt seinen ketzerischen Schriften auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Danach wurde David Joris' Asche dem Rhein übergeben. 

Image

«Kopfabhaini» wurde einer der Basler Hinrichtungsplätze genannt. Heute steht da der Parkplatz des Zoologischen Gartens am Birsig. Im Bild: 1653, sechs Baselbieter Anführer des Bauernkriegs werden geköpft.  bild: wikimedia

Sein Geist jedoch soll bis heute keine Ruhe gefunden haben. So wandelt dieser Mann noch immer durch den Spiesshof, gesäumt von zwei schwarzen Höllenhunden, deren Augen rot glühen. Seinen Kopf trägt er unter dem Arm. Und manchmal klagt dieser Kopf über sein Schicksal.

Sein Weiherschlösschen besucht Joris' friedlose Seele auch ab und zu. Ein paar alte Frauen haben ihn in Binningen gesehen, wie er zu Pferde seine Ländereien beritt. Andere haben ihn auf den Pfaden von Holeeholz lustwandeln sehen.

Bis vor einiger Zeit befanden sich im Spiesshof Büros der SBB. Die Bahnmitarbeiter erzählten von laut quietschenden Türen und krachenden Balken. Vielleicht sind zwei Tode zu viel für den Wiedertäufer gewesen. Vielleicht muss er für alle Ewigkeit sein loses, feuerbärtiges Haupt durch die Gänge seines Hauses tragen. Dagegen kommt nicht einmal der energetische Reiniger Andreas Hassenstein mit seinem Weihrauch an. Er besucht den Spiesshof regelmässig und räuchert ihn aus. David Joris aber bleibt. 

Animiertes GIF GIF abspielen

Steht man vor seinem Portrait im Basler Kunstmuseum, beschleicht einen das sichere Gefühl, dass sich der Mann mit dem Feuerbart von niemandem etwas sagen lässt. Niemals.  gif: watson

Quellen: Basel Insider, GMX, Tageswoche

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Abonniere unseren Newsletter

2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen

Nach Rassismus-Debatte: Gugge Negro-Rhygass verzichtet auf umstrittenes Logo

Logo und Name der Basler Gugge Negro-Rhygass sorgten in den vergangenen Monaten für eine heftige Diskussion um Rassismus und Tradition. Die Gugge wird in Zukunft auf ihr umstrittenes Logo verzichten – kreiert aber vorerst auch kein neues.

Es war Anstoss einer langen und heftig geführten Debatte in der Basler Fasnachtsszene und darüber hinaus: Das Logo der Gugge Negro-Rhygass, das ein paukenspielendes schwarzes Männchen mit dicken Lippen und einem Knochen im Haar zeigt – die Darstellung entspricht dem stereotypischen Bild des «Mohren», wie es in Europa bis zum Ende des Kolonialismus üblich und weit verbreitet war.

Die Gugge wurde öffentlich dazu aufgefordert ihr Logo – und auch ihren Namen – zu ändern, da beides …

Artikel lesen
Link to Article