Die Erderwärmung trifft die Schweiz härter als viele andere Regionen
Die Schweiz erwärmt sich schneller als viele Teile der Welt: Vom Beginn der Messungen im Jahr 1864 bis zum Jahr 2016 ist die Durchschnittstemperatur um 1,8 Grad Celsius gestiegen – mehr als doppelt so stark wie im globalen Mittel. Der jüngste Bericht der Akademien der Wissenschaften Schweiz, ein kondensierter Blick auf den Stand der Forschung, an dem mehr als 60 Fachleute mitgewirkt haben, lässt kaum Zweifel daran: Der Klimawandel ist nicht nur angekommen, er beschleunigt sich.
Gesundheitsrisiken und eine Schweiz ohne Schnee
Im Alltag zeigen sich die Folgen für die Menschen sehr unterschiedlich – je nach Alter, Lebensort und Lebensweise. Für ältere Menschen in Städten bedeutet die Erwärmung vor allem eines: zunehmende Belastung. Hitzewellen seien «häufiger, länger und intensiver» geworden, heisst es im Bericht. Gerade in dicht bebauten Gebieten staut sich die Wärme. Die Folge: steigende Gesundheitsrisiken, gerade für vulnerable Gruppen. In den Sommern 2003 und 2015 gab es wegen der Hitze jeweils rund 1000 vorzeitige Todesfälle in der Schweiz.
Für Kinder und jüngere Generationen hingegen verschiebt sich die Perspektive. Sie wachsen in einer Welt auf, in der die Sommer von Trockenheit geprägt sind und Schnee im Mittelland zur Ausnahme wird. Der Bericht spricht von einer «deutlichen Abnahme von Frosttagen» und einer steigenden Nullgradgrenze – Entwicklungen, die den Charakter der Landschaft verändern, noch bevor die junge Generation volljährig ist.
Wie verschiedene Generationen den Folgen des Klimawandels ausgesetzt sein werden:
Am sichtbarsten aber wird der Wandel in den Alpen. Gletscher verlieren «rasant an Masse», Permafrost taut, Hänge werden instabil. Wege müssen verlegt, Routen neu geplant werden. Die Grundlage für den Alpentourismus gerät ins Wanken. Ein Grund dafür ist der sogenannte Albedo-Effekt: Schwindende Schnee- und Eisflächen legen dunklen Boden frei, der mehr Sonnenstrahlung absorbiert, anstatt sie zu reflektieren, was die lokale Erwärmung zusätzlich beschleunigt.
Anders in der Landwirtschaft: Hier ist die Entwicklung ambivalent. Einerseits verlängert sich die Vegetationsperiode. Andererseits nehmen Risiken zu: «Häufigere Trockenperioden» und «intensivere Starkniederschläge» setzten Ernten unter Druck. Der Anbau von Kulturen wie Winterweizen und Kartoffeln werde unter den wärmeren Bedingungen erschwert. Mais und Reben würden dagegen bei genügend Feuchtigkeit besser gedeihen als heute.
In der Waldwirtschaft zeigt sich der Klimawandel am Beispiel der Fichte. Der Baum droht aus dem Mittelland zu verschwinden. Auch in den Schutzwäldern im Gebirge ist sie gefährdet: Der gemäss Bericht «wichtigste Baum der Schweizer Waldwirtschaft» reagiert empfindlich auf Trockenheit und leidet unter der beschleunigten Vermehrung des Borkenkäfers.
Schweiz muss sich anpassen und die Klimaziele ernst nehmen
Der Bericht macht deutlich, dass die Reaktion von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu kurz greift. Zwar sind in der Schweiz die Emissionen pro Kopf gesunken, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn während die direkten Emissionen im Inland bei etwa 6 Tonnen CO-Äquivalenten pro Kopf liegen, steigt dieser Wert auf rund 14 Tonnen, wenn man die im Ausland für Schweizer Konsumgüter anfallenden Emissionen mitrechnet. Damit liegt die Schweiz über dem globalen Durchschnitt.
Global betrachtet, steigen die Emissionen pro Kopf zudem weiter an. Für die Autoren des Berichts ist deshalb klar, dass es neben der Reduktion von Treibhausgasen auch «verstärkte Anpassungsstrategien» braucht, um mit den unvermeidlichen Folgen des Klimawandels umzugehen. Diese Anpassung hat längst begonnen – in Städten mit Hitzeschutzplänen, in der Landwirtschaft mit neuen Bewässerungssystemen.
Zudem hat die Schweiz als bedeutender Finanzplatz einen massgeblichen Hebel im globalen Klimaschutz, da ihre Finanzflüsse und Investitionsentscheide weit über die Landesgrenzen hinaus wirken. Die durch den Finanzplatz Schweiz gehaltenen ausländischen Aktien verursachen gemäss Bericht knapp 6,5 Tonnen CO2-Äquivalente pro Kopf der Schweizer Bevölkerung. Das entspricht fast der gleichen Menge, welche die Schweiz im Inland pro Kopf direkt ausstösst. Gemäss Bericht könne die Finanzindustrie eine Schlüsselrolle einnehmen, indem sie etwa Investitionen in erneuerbare Energien fördere und das Übereinkommen von Paris nutze, um Finanzflüsse konsequent klimafreundlich auszurichten.
Die Anpassung an die Folgen des Klimawandels verläuft in der Schweiz zu langsam. Das Fazit: Die Schweiz befindet sich längst mitten im Klimastresstest. Um ihn zu bestehen, müsse sie ihre Reduktionsziele erfüllen – und in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts das Netto-Null-Emissionsziel erreichen. Das bedinge «eine grundlegende Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft». (aargauerzeitung.ch)
