Beim Kafi auf den nächsten Franken aufrunden – in der Schweiz ein ungeschriebenes Gesetz. Bild: KEYSTONE

Wieviel Trinkgeld muss ich geben? Drei Servierer schaffen Klarheit

Obwohl das Trinkgeld seit Jahrzehnten offiziell im Lohn von Service-Angestellten inbegriffen ist, herrscht alles andere als Klarheit. Wie sehen es die Servierer?

Publiziert: 07.10.16, 14:14

roman rey

Es ist ein Paukenschlag in den USA: Der Star-Gastronom Dany Meyer schafft in seiner edlen New Yorker Restaurantkette das Trinkgeld ab. Die Praxis des «tipping» sorgt in den USA seit Jahren für Diskussionen.

Bei uns in der Schweiz ist die Situation eigentlich klar: Seit 1974 muss niemand Trinkgeld geben – es ist im Preis inbegriffen. Die Realität sieht anders aus: Zum Betrag einen Batzen hinzuzufügen gehört zum guten Ton.

Aber muss man wirklich? Und wie viel? Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man kein Trinkgeld liegen lässt? Wir haben bei drei Schweizern aus dem Gastgewerbe nachgefragt.

Umfrage

Gibst du Trinkgeld?

  • Abstimmen

1'234 Votes zu:Gibst du Trinkgeld?

  • 64%Ja, wenn ich zufrieden bin, bin ich grosszügig.
  • 30%Ja, ich runde meist auf den nächsten Franken auf.
  • 4%Eher selten.
  • 1%Nein, das mache ich nicht.

Café in Zürich

Andrea Rothenberger arbeitet im Café Noir in Zürich, wo man Kaffee aus hauseigener Rösterei trinken und kaufen kann – hier verkehren alternative Städter und ausländische Gäste. Zuvor war Andrea in der Sport Bar tätig, wo es eine durchmischtere Klientel gab.

Das Café Noir in Zürich. bild: Facebook/CAfé NOir

Auf den nächsten Franken runden – und noch einen drauf

«​Im Café Noir runden die Leute auf den nächsten Franken auf, wenn sie etwas Trinkgeld geben. Mehr ist es selten. In der Sport Bar legten sie oft noch einen Franken drauf.»

Trinkgeld heisst Anerkennung

«Ich persönlich finde, ein Gast sollte Trinkgeld geben. Es zeigt Anerkennung für unseren Job. Ich glaube, viele Leute wissen nicht, wie hart unsere Arbeit ist. Wir bedienen unsere Gäste nicht nur, wir hören ihnen zu, reden mit ihnen – ​wir sind ein wichtiger Teil ihres sozialen Umfelds. Ausserdem ist der Beruf nicht wahnsinnig gut bezahlt. Aber es ist niemand gezwungen, etwas zu geben. Ich behandle die Gäste nicht anders, wenn sie nichts geben.»

Bloss keine Fünfräppler

«Es gibt tatsächlich Leute, die einem fünf Rappen Trinkgeld geben. Solche Sachen sollte man nicht machen – sie sind nicht sehr anständig.»

Romantik-Hotel in Bern

Francis Nova hat jahrelang im Service gearbeitet und ist jetzt Mitglied der Geschäftsleitung im Landhaus Liebefeld bei Bern. Die Kundschaft ist sehr durchmischt, unter anderem trifft man hier Geschäftsleute, Rentner, Familien und Hotelgäste aus dem Ausland an.

Francis Nova vom Landhaus Liebefeld.

Bitte nicht aus Pflichtgefühl

«Das Trinkgeld ist ein Brauch, der sich in den letzten Jahren wieder eingeschlichen hat. Trinkgeld ist Teil der Restaurant-Kultur, und viele Service-Angestellte erwarten es oft auch. Dabei ist es immer noch kein Muss.

Ich finde, ein Gast sollte Trinkgeld geben, wenn er zufrieden ist, und nicht aus einem Pflichtgefühl heraus.»

Zehn Prozent sind normal

«Obwohl es keine Pflicht ist, gelten zehn Prozent Trinkgeld als üblich. So kann ein Gast seine Wertschätzung zeigen. Bei einem Abendessen fünfzig Rappen aufrunden, weil man zu faul ist, das Rückgeld einzustecken, sollte man aber sein lassen. Wir haben einen Lohn, wir brauchen keine Almosen.»

Ohne kann es knapp werden

«Ich sage den Jungen, die sich für einen Service-Beruf interessieren, immer: ‹Wenn du reich werden willst, musst du das nicht machen.› Darum ist es in Ordnung, wenn die Gäste ein Trinkgeld zahlen. Wenn das wegfallen würde, würde es für einige Angestellte schwierig. Und der Beruf würde noch mehr an Attraktivität verlieren.»

Restaurant in Zürich

Pietro arbeitet als Kellner im Restaurant Gartenhof in Zürich. Die Kundschaft sei «gut verdienend, aber keine Grossverdiener», und in der Regel zwischen 30 und 50 Jahre alt.

Das Restaurant Gartenhof in Zürich. Bild: Facebook/Gartenhof

Im Monat gibt es zwischen 5 und 8 Prozent

«Bei uns wird das Trinkgeld gesammelt und am Ende des Monats auf das ganze Service- und Küchenpersonal verteilt. Denn auch die Küche ist mitverantwortlich, dass der Gast zufrieden ist. Als Faustregel gelten zehn Prozent, aber unter dem Strich kommen pro Monat etwa 5 bis 8 Prozent zusammen.»

Kleine Gruppen sind grosszügig

«Am meisten Trinkgeld erhalten wir bei Gruppen von vier bis sechs Leuten und Paaren, die oft und gerne auswärts essen. Bei grösseren Gruppen schaut meist weniger heraus.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Ich habe mal eine geschlossene Gesellschaft mit etwa 30 Leuten bedient. Am Ende haben sie mir ein Trinkgeld von 600 Franken gegeben. Das hat mich natürlich sehr gefreut.»​

Bewusst Trinkgeld geben oder gar nicht

«Niemand ist verpflichtet, Trinkgeld zu geben. Aber ich frage mich schon, ob ich etwas falsch gemacht habe, wenn mir Gäste nichts geben. Vor allem, wenn ich mich einen Abend lang gut um sie gekümmert habe.

Ich mag es auch nicht, wenn jemand 50 Rappen liegen lässt. Da weisst du nicht: Macht diese Person ein Witz, ist sie unzufrieden oder hat sie einfach keine Ahnung?»

Nun spielen wir den Ball an dich weiter, lieber User. Wie hast dus mit dem Trinkgeld? Zahlst du etwas? Immer? Manchmal? Und wieviel? Lass es uns in der Kommentarspalte wissen.

Zum Thema: Mark Wahlberg gibt viel Trinkgeld und wird per Zufall dabei fotografiert

Bonus: Eine Szene aus dem Film «Reservoir Dogs»

Video: YouTube/darlingd

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User-Review:
naja, mir - 16.4.2016
Immer auf dem neusten Stand. Besticht mit sympathischem, intelligentem Witz!
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  • Lumpirr01 09.10.2016 14:05
    Highlight Als Mitglied einer Gruppe sind wir häufig Gäste von Restaurants. Dabei fällt mir auf, dass selbst ein zusätzliches Trinkgeld für das Servicepersonal oftmals nicht mal mit einem Dankeschön für den Gast endet. Begründet wird das grosszügige Geben von meinen Kollegen oft mit der Bemerkung, dass das Einkommen von Servicepersonal ohnehin schon klein sei und ein Zustupf deshalb erhofft wird. Hoffentlich wird dann auch tatsächlich mit dem Küchenpersonal geteilt, welches nicht an die Tische der Gäste kommt. Allerdings gäbe es noch einige unterbezahlte Berufe, wo kein Mensch auf diese Sponsor-Idee käme
    4 0 Melden
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  • Stephan Locher 09.10.2016 12:32
    Highlight 3 Servicefachangestellte EFZ (Oder sind es Quereinsteiger?) geben widersprüchliche Auskunft. Wo sieht Watson hier Klarheit?
    3 0 Melden
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  • Midnight 09.10.2016 10:40
    Highlight So gut, da kommt mir gleich als Erstes die Szene von Reservoir Dogs in den Sinn und dann ist sie am Ende doch glatt noch verlinkt. Sehr gut, Watson! Gibt gleich fünf 😀😀😀😀😀 "Trinkgeld" 😉
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  • Findolfin 08.10.2016 15:44
    Highlight Es gibt diverse andere Berufe im Dienstleistungsbereich, die auch nicht gut bezahlt sind und keine Trinkgeldtradition kennen.

    Wieso also gerade im Service?
    31 6 Melden
    • Stephan Locher 09.10.2016 12:37
      Highlight Manchmal gebe ich auch an einer Kasse oder ähnlichem etwas mehr, die Reaktionen sind von hocherfreut bis peinlich berührt ablehnend durchmischt.

      Eigentlich sollte man anstelle von Bargeld Anteile von Gewerkschaftsmitgliedschaften verteilen, damit das Unding der tiefen Löhne endlich aufhört.

      Was oft mehr geschätzt wird als Geld: Ein Danke oder sonstiges Lob.
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    • maljian 09.10.2016 15:51
      Highlight An der Kasse etwas zu geben, ist nicht unbedingt hilfreich und du tust damit nur dem Unternehmen was gutes.
      Ich hab selbst im Detailhandel gearbeitet. Der Kassierer darf kein Trinkgeld annehmen und wenn er am Ende des Tages zu viel Geld in der Kasse hat (+5.00), ist es auch nicht gut, da man dann davon ausgehen muss, dass er den Kunden "beschissen" hat oder nun ein unzufriedener Kunde unterwegs ist, wenn dieser feststellt, das ihm zu wenig Wechselgeld gegeben wurde.
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    • Stephan Locher 12.10.2016 22:38
      Highlight Bei UPC haben sie das gut gelöst: Sparschwein an der Kasse.
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  • Pingune 08.10.2016 14:01
    Highlight Wichtige Faustregeln:
    1. Bist du mit dem Service nicht zufrieden, dann lass es sein.
    2. Wer den Rappen nicht ehrt, ist des Franken nicht wert. (Schön, dann gibt dir der Gast halt nur ein Fünfzgi. Aber wenn sich das summiert... Ebe, gsesch. Ha oder nöd ha)
    3. Dabei kommts auch ein Wenig auf die Dienstleistung drauf an. 5 Gänge Menü, 150.- und nur 0.50 TG(Ernschthaft? Merci, gäll) oder 1 grosses Bier. 7.50 u 0.50 TG. Mol, Super.

    Beispiel: einer meiner Barjobs gab mir 21.70 Netto im Monat auf die Stunde. Bei WE - Einsetzen. Da ist (Pub) +240.- TG insgesamt (Mt) doch ganz schön viel.
    22 0 Melden
    • LadinaTrava 08.10.2016 14:59
      Highlight Stimme ich zu - falls das Servicepersonal bei einer Leistung von 4,50 ein -.50 zu wenig Trinkgeld findet spar ich es mir also lieber ein...
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