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Eine Serviertochter des

Beim Kafi auf den nächsten Franken aufrunden – in der Schweiz ein ungeschriebenes Gesetz.
Bild: KEYSTONE

Muss man in der Schweiz Trinkgeld geben? Eigentlich nicht. Aber irgendwie doch. Wir haben bei drei Servierern nachgefragt, was Sache ist

Obwohl das Trinkgeld seit Jahrzehnten offiziell im Lohn von Service-Angestellten inbegriffen ist, herrscht alles andere als Klarheit. Wie sehen es die Servierer?



Es ist ein Paukenschlag in den USA: Der Star-Gastronom Dany Meyer schafft in seiner edlen New Yorker Restaurantkette das Trinkgeld ab. Die Praxis des «tipping» sorgt in den USA seit Jahren für Diskussionen.

Bei uns in der Schweiz ist die Situation eigentlich klar: Seit 1974 muss niemand Trinkgeld geben – es ist im Preis inbegriffen. Die Realität sieht anders aus: Zum Betrag einen Batzen hinzuzufügen gehört zum guten Ton.

Aber muss man wirklich? Und wie viel? Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man kein Trinkgeld liegen lässt? Wir haben bei drei Schweizern aus dem Gastgewerbe nachgefragt.

Gibst du Trinkgeld?

Café in Zürich

Andrea Rothenberger arbeitet im Café Noir in Zürich, wo man Kaffee aus hauseigener Rösterei trinken und kaufen kann – hier verkehren alternative Städter und ausländische Gäste. Zuvor war Andrea in der Sport Bar tätig, wo es eine durchmischtere Klientel gab.

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Das Café Noir in Zürich.
bild: Facebook/CAfé NOir

Auf den nächsten Franken runden – und noch einen drauf

«​Im Café Noir runden die Leute auf den nächsten Franken auf, wenn sie etwas Trinkgeld geben. Mehr ist es selten. In der Sport Bar legten sie oft noch einen Franken drauf.»

Trinkgeld heisst Anerkennung

«Ich persönlich finde, ein Gast sollte Trinkgeld geben. Es zeigt Anerkennung für unseren Job. Ich glaube, viele Leute wissen nicht, wie hart unsere Arbeit ist. Wir bedienen unsere Gäste nicht nur, wir hören ihnen zu, reden mit ihnen – ​wir sind ein wichtiger Teil ihres sozialen Umfelds. Ausserdem ist der Beruf nicht wahnsinnig gut bezahlt. Aber es ist niemand gezwungen, etwas zu geben. Ich behandle die Gäste nicht anders, wenn sie nichts geben.»

Bloss keine Fünfräppler

«Es gibt tatsächlich Leute, die einem fünf Rappen Trinkgeld geben. Solche Sachen sollte man nicht machen – sie sind nicht sehr anständig.»

Romantik-Hotel in Bern

Francis Nova hat jahrelang im Service gearbeitet und ist jetzt Mitglied der Geschäftsleitung im Landhaus Liebefeld bei Bern. Die Kundschaft ist sehr durchmischt, unter anderem trifft man hier Geschäftsleute, Rentner, Familien und Hotelgäste aus dem Ausland an.

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Francis Nova vom Landhaus Liebefeld.

Bitte nicht aus Pflichtgefühl

«Das Trinkgeld ist ein Brauch, der sich in den letzten Jahren wieder eingeschlichen hat. Trinkgeld ist Teil der Restaurant-Kultur, und viele Service-Angestellte erwarten es oft auch. Dabei ist es immer noch kein Muss.

Ich finde, ein Gast sollte Trinkgeld geben, wenn er zufrieden ist, und nicht aus einem Pflichtgefühl heraus.»

Zehn Prozent sind normal

«Obwohl es keine Pflicht ist, gelten zehn Prozent Trinkgeld als üblich. So kann ein Gast seine Wertschätzung zeigen. Bei einem Abendessen fünfzig Rappen aufrunden, weil man zu faul ist, das Rückgeld einzustecken, sollte man aber sein lassen. Wir haben einen Lohn, wir brauchen keine Almosen.»

Ohne kann es knapp werden

«Ich sage den Jungen, die sich für einen Service-Beruf interessieren, immer: ‹Wenn du reich werden willst, musst du das nicht machen.› Darum ist es in Ordnung, wenn die Gäste ein Trinkgeld zahlen. Wenn das wegfallen würde, würde es für einige Angestellte schwierig. Und der Beruf würde noch mehr an Attraktivität verlieren.»

Restaurant in Zürich

Pietro arbeitet als Kellner im Restaurant Gartenhof in Zürich. Die Kundschaft sei «gut verdienend, aber keine Grossverdiener», und in der Regel zwischen 30 und 50 Jahre alt.

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Das Restaurant Gartenhof in Zürich.
Bild: Facebook/Gartenhof

Im Monat gibt es zwischen 5 und 8 Prozent

«Bei uns wird das Trinkgeld gesammelt und am Ende des Monats auf das ganze Service- und Küchenpersonal verteilt. Denn auch die Küche ist mitverantwortlich, dass der Gast zufrieden ist. Als Faustregel gelten zehn Prozent, aber unter dem Strich kommen pro Monat etwa 5 bis 8 Prozent zusammen.»

Kleine Gruppen sind grosszügig

«Am meisten Trinkgeld erhalten wir bei Gruppen von vier bis sechs Leuten und Paaren, die oft und gerne auswärts essen. Bei grösseren Gruppen schaut meist weniger heraus.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Ich habe mal eine geschlossene Gesellschaft mit etwa 30 Leuten bedient. Am Ende haben sie mir ein Trinkgeld von 600 Franken gegeben. Das hat mich natürlich sehr gefreut.»​

Bewusst Trinkgeld geben oder gar nicht

«Niemand ist verpflichtet, Trinkgeld zu geben. Aber ich frage mich schon, ob ich etwas falsch gemacht habe, wenn mir Gäste nichts geben. Vor allem, wenn ich mich einen Abend lang gut um sie gekümmert habe.

Ich mag es auch nicht, wenn jemand 50 Rappen liegen lässt. Da weisst du nicht: Macht diese Person ein Witz, ist sie unzufrieden oder hat sie einfach keine Ahnung?»

Nun spielen wir den Ball an dich weiter, lieber User. Wie hast dus mit dem Trinkgeld? Zahlst du etwas? Immer? Manchmal? Und wieviel? Lass es uns in der Kommentarspalte wissen.

Zum Thema: Mark Wahlberg gibt viel Trinkgeld und wird per Zufall dabei fotografiert

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Mark Wahlberg gibt viel Trinkgeld und wird per Zufall dabei fotografiert
quelle: fameflynet dukas / / ffn_image_51658991
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Bonus: Eine Szene aus dem Film «Reservoir Dogs»

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YouTube/darlingd

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