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Endlich angekommen: Die Flüchtigen werden in München von diversen Helfern in Empfang genommen.
Bild: MICHAEL DALDER/REUTERS

«Germany very good»: Flüchtlinge werden mit Applaus begrüsst – eine Reportage aus München

06.09.15, 16:44 06.09.15, 18:02

Applaus brandet auf, als Dutzende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof aus einem Sonderzug steigen. Sie wirken erschöpft und erleichtert, lachen und winken den Passanten, die ihnen hinter einer Absperrung zujubeln.

Said aus Syrien freut sich über den warmherzigen Empfang in Deutschland:

«Sie sind sehr nett hier»

said, flüchtling aus syrien

In Ungarn, wo er die letzten Tage verbracht habe, sei es «sehr schlecht» gewesen: «Kein Essen, keine Getränke, viele Probleme dort». Manche Menschen dort hätten die Flüchtlinge sehr schlecht behandelt.

«Es ist wirklich besser hier», sagt auch der junge Ahmed. Drei Tage habe er in Budapest am Bahnhof mit Tausenden anderen gewartet, ehe er endlich in einen der Sonderzüge in Richtung Österreich und Deutschland habe steigen können.

In 23 Tagen von Syrien nach Deutschland

Sein Ziel: Berlin. Dort leben schon Verwandte und Freunde. 23 Tage sei er mit sieben anderen Familienmitgliedern unterwegs gewesen, erzählt Ahmed, bis sie es von Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich endlich nach Deutschland geschafft hätten. «Es war gefährlich: das Meer, der Wald oder auch Tiere.»

Knapp 12'000 Menschen sind am Wochenende in München angekommen.
Bild: Getty Images Europe

Er sei froh, in Deutschland zu sein. Auf die Frage, wie er sich fühlt, sagt der junge Mann im gelben T-Shirt nur: «Wir sind wirklich müde.» Sein zweieinhalbjähriger Cousin, der auf seinen Schultern sitzt, schläft fast.

Ausruhen, essen, trinken und medizinische Versorgung steht für die Flüchtlinge zunächst auf dem Programm. Der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand, sagt: 

«Es geht hier primär um humanitäre Hilfe»

regierungspräsident von oberbayern, chrirstoph hillenbrand

Und: «Hier wird nicht mehr registriert.»

Dafür fehlen am Samstag schlicht Zeit und Platz am Münchner Hauptbahnhof. Knapp 12'000 Menschen, die Einwohnerzahl einer Kleinstadt, haben am Wochenende ihre oft wochenlange Odyssee in München zumindest vorläufig beendet.

«Welcome in Munich»

Die Tausende Neuankömmlinge müssen erst über und aus dem Münchner Hauptbahnhof gelotst werden. Die Polizei hat die Gleise weiträumig abgesperrt. Viele Reisende sind überrascht, dass sie nicht direkt zu ihren Regionalzügen gelangen können. Doch alles verläuft geordnet.

Dankbarkeit für Merkels Politik: Ein Flüchtling hält ein Bild der Deutschen Bundeskanzlerin hoch.
Bild: MICHAEL DALDER/REUTERS

Die Einsatzkräfte und Helfer sind um Ruhe und Freundlichkeit bemüht. «Ladies and Gentlemen, welcome in Munich», schallt am Mittag eine Frauenstimme aus den Lautsprechern am Bahnsteig 27, als der erste Sonderzug aus Salzburg mit Flüchtlingen, die aus Ungarn kommen, eintrifft. Die rund 250 Menschen sollen direkt am Gleis stehen bleiben, heisst es. «Wir helfen ihnen dort.»

Rund 20 Bundespolizisten in schwarzen Overalls sprechen mit den Flüchtlingen, die zögerlich aus dem Zug steigen. Der Einsatzleiter der Bahn-Sicherheitskräfte setzt einem kleinen Jungen seine Dienstmütze auf den Kopf.

Grosse Dankbarkeit

Der Knabe strahlt ein Zahnlücken-Lächeln und hüpft fröhlich über den Bahnsteig. Dann steigt er, ohne Mütze, gemeinsam mit seinem Vater in eine S-Bahn, mit der die Flüchtlinge ein Stück stadtauswärts transportiert werden, zur Donnersberger Brücke.

Je weiter der Tag voranschreitet, desto mehr Züge mit Flüchtlingen kommen in München an, mal mit 400 Menschen an Bord, mal mit 900. Viele werden direkt aus dem Bahnhofsgebäude zu Bussen gebracht. Auch hier applaudieren vereinzelt Passanten, eine alte Dame weint.

Gesten statt Worte: Viele der Ankommenden sprechen kaum Englisch, die Verständigung fällt schwer.
Bild: Getty Images Europe

Von den Flüchtlingen, die vor allem aus Syrien kommen, sprechen die wenigsten Englisch. Sie schütteln den Kopf, wenn die zahlreichen Reporter und Fernsehteams sie fragen, ob sie von ihrer Flucht berichten könnten.

«Germany – very good»

flüchtling

Für ein paar Brocken Englisch reicht es bei manchen aber doch. «Germany – very good» ruft ein Mann. Und ein anderer dreht sich auf dem Weg zum Bus zu den Kameras und sagt: «Thank you, Germany!» (tat/sda/reu)

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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4Alle Kommentare anzeigen
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Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • GeneralButtNaked 07.09.2015 11:13
    Highlight Schön wie Watson mein Video-link nicht veröffentlicht!

    Nur weil dieses Video auch mal die nicht so schönen Seiten der Flüchtlinge zeigt! (Anmerkung der Redaktion: Dein eingebetteter Videolink führt ins "Error".)
    0 0 Melden
  • Karl33 06.09.2015 18:09
    Highlight Man könnte meinen, die Flüchtlinge wären allesamt Kleinkinder und Mütter. In Realität (Fotostrecken genau anschauen hilft) sind wohl gegen 80% der Flüchtlinge junge Männer. Weshalb werden wir diesbezüglich von den meisten Medien 'irregeführt'?
    ps. Natürlich können Medien solche Kommentare zensieren, aber die Frage ist dennoch berechtigt.
    23 8 Melden
    • Miautsch 06.09.2015 22:58
      Highlight danke fuer den input, genau das dachte ich auch. was genau will man damit bezwecken?
      4 3 Melden
    • GeneralButtNaked 07.09.2015 00:51
      Highlight Die Frauen und Kinder, sowie die meinsten Familienväter sind auch nicht das Problem, sondern die jungen schon durch die Religion in die irre geführten Männer.

      1 1 Melden

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

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