Schweiz

Bilder wie bei einem Fussballspiel, im 7000-Seelen-Städtchen Moutier.  Bild: KEYSTONE

«Mouxit»: Gejubelt haben beide Lager – die einen aus Irrtum

Moutier spaltet sich von Bern ab, die Tränen fliessen bei Siegern wie Verlierern. Von überall her strömen die Leute ins Städtchen – schliesslich gibt es eine Freinacht und Gratis-Bier.

18.06.17, 22:24 18.06.17, 23:25

antonio fumagalli, moutier

Ein Artikel von

Hätte man nicht gewusst, dass der elektrisierenden Ambiance in Moutier eine Abstimmung zugrunde liegt, man hätte auf Sport getippt. Bei strahlendem Sonnenschein herrscht den ganzen Tag schon Fussballstimmung: Fahnen werden geschwenkt, Sprechchöre angetönt, Knallkörper gezündet und der Alkohol fliesst in Strömen.

Auffallend dabei: Die Pro-Jurassier dominieren das Strassenbild des 7000-Seelen-Städtchens deutlich. Insbesondere rund um den Bahnhof, wo die Separatisten mit dem «Hotel de la Gare» ihr Hauptquartier haben, sieht man keine einzige Bern-Flagge, dafür dutzende, ja hunderte Jura-Flaggen. Immer wieder stimmt die Menge die Jura-Hymne «La Rauracienne» an und spätestens, wenn es beim Refrain «tenez-vous la main» heisst, halten sich alle die Hände.

Als kurz vor 17.30 Uhr das offizielle Resultat kommuniziert wird, kennt der Jubel keine Grenzen. Die Menschen liegen sich in den Armen, man kennt sich, man weiss, dass man gleich abgestimmt hat. Wo man auch hinblickt, sieht man Personen – jüngere wie ältere –, die sich Tränen aus den Augen wischen. «Ein Traum wird wahr», sagt einer und nimmt einen kräftigen Schluck Bier.

Trauerstimmung bei den Abstimmungsverlierern. Bild: KEYSTONE

Berntreue: «Eine Katastrophe»

Gleicher Moment, anderer Ort: Die Pro-Berner haben sich ganz bewusst weit weg von den «Autonomistes» versammelt, man will allfälligen Scharmützeln schon von vornherein aus dem Weg gehen. Die Stimmung ist nicht ansatzweise so ausgelassen wie bei den politischen Gegnern – was auch daran liegt, dass bedeutend weniger Leute anwesend sind.

Was sich im Wahlkampf schon manifestiert hat, zeigt sich an den beiden Veranstaltungsorten exemplarisch: Wer den Kanton wechseln will, tut dies lautstark kund. Wer den Status Quo bevorzugt, behält es – vereinfacht gesagt – für sich.

Und doch brechen die Pro-Berner plötzlich in Jubel aus, vielkehlig singen sie «on a gagné», «wir haben gewonnen». Wie ein Lauffeuer breitet sich die Nachricht aus, dass es gereicht habe. Eine, vielleicht zwei Minuten dauert es, bis der Irrtum bemerkt wird. Irgendjemand, man weiss nicht wer, hat das falsche Gerücht in die Welt gesetzt.

Umso grösser ist die Enttäuschung nachher, Patrick Tobler, Präsident der SVP des Berner Jura, kann die Tränen nicht zurückhalten. «Es ist eine Katastrophe, man kann es nicht anders sagen», sagt er wenig später in breitem Berner Dialekt.

Patrick Tobler. Bild: KEYSTONE

Ob damit auch seine politische Karriere beendet ist, sei noch unklar. Den Kanton könne er jedenfalls nicht einfach so verlassen, hat seine Familie doch seit Generationen einen Bauernbetrieb in Moutier.

Weg aus dem neuen Kanton

Für seinen Mitstreiter Patrick Röthlisberger, Präsident der FDP Moutier, hingegen ist klar: «Ich bleibe Berner.» Er werde seine Firma und vermutlich auch seinen Wohnort in eine Gemeinde des Berner Jura verlegen, die dem Kanton treu bleibt. Besonders trifft ihn, dass die Separatisten das Herz, «le coeur», für sich beanspruchten. «Dabei haben wir auch eins – es schlägt einfach für Bern», sagt er. Dann bricht auch er in Tränen aus.

Die Emotionalität kommt nicht von ungefähr, die Abstimmung ist für Moutier der Höhepunkt eines Unabhängigkeitsbestrebens, das die Bevölkerung seit Jahrzehnten spaltet. Ob es auch dessen Ende darstellt, ist so klar jedoch nicht.

«Für mich persönlich gehört der gesamte Berner Jura zum Kanton Jura», sagt Moutiers Gemeindepräsident Marcel Winistoerfer. Er könne sich vorstellen, dass der gestrige Entscheid ein Flämmchen entfache, das insbesondere in grösseren Gemeinden des Berner Jura – etwa St.Imier – den «Autonomistes» wieder Auftrieb verleihen könnte.

Marcel Winistoerfer, Gemeindepräsident von Moutier. Bild: KEYSTONE

Winistoerfer ist aber Realist genug, dass dies nicht bald schon der Fall sein wird – und betont entsprechend gebetsmühlenhaft in jedes Mikrofon, dass er einfach nur «unglaublich glücklich» über den Volksentscheid sei. Der unterlegenen, knappen Minderheit werde man «die Hand ausstrecken».

Die versöhnlichen Worte verhallen auf dem Platz vor dem Rathaus. Viel zu ausgelassen ist die Stimmung und anwesend sind ohnehin nur die Sieger. Lautstark werden sie unterstützt von zahlreichen «echten» Jurassiern, welche die Anreise gleich auch für ein Hupkonzert verwendet haben. Man prostet sich zu, erzählt von alten Zeiten, freut sich auf die bevorstehende, offiziell ausgerufene Freinacht. Das Bier dazu gibts gratis – von einer Kleinbrauerei aus dem Kanton Jura, versteht sich.

Stimmbeteiligung: 88 Prozent

Dem Urnengang ging ein monatelanger emotionaler Abstimmungskampf voraus. Entsprechend hoch war die Stimmbeteiligung, sie lag bei 88 Prozent. Das Resultat des vom Bund überwachten Urnengangs wurde um 17.19 Uhr verkündet: 2067 Stimmberechtigte hatten ein Ja zum Kantonswechsel in die Urne gelegt, 1930 lehnten das ab.
Moutier hat nun die 2013 mit dem Kanton Bern vereinbarte Möglichkeit genutzt und als einzelne Gemeinde nochmals über die Kantonszugehörigkeit abgestimmt. Diese Möglichkeit nehmen noch zwei kleine Gemeinden – Belprahon und Sorvilier – in Anspruch. Sie entscheiden am 17. September.
Bis der Kantonswechsel von Moutier – und allfällig weiteren Gemeinden – vollzogen ist, wird es noch etwas dauern. Die Regierungen der beiden Kantone werden ein entsprechendes Prozedere einleiten. Die interkantonale Vereinbarung muss dann vom Stimmvolk beider Kantone verabschiedet werden, bevor die Bundesversammlung grünes Licht gibt. (sda)

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Brikne, 20.7.2017
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  • Ruefe 19.06.2017 07:47
    Highlight Wie wäre es mit "Mortier"?
    Klingt genau so bescheuert, ist aber zumindest französisch ^^
    1 3 Melden
  • Max Dick 19.06.2017 07:38
    Highlight Der Unterschied zum Sport liegt darin, dass sich die Sieger am Tage X nur die vermeintlichen Sieger sind. Wer wirklich Gewinner und wer Verlierer ist, wird sich erst in einigen Jahren herausstellen. Mein Tipp: Der Kanton Bern wird nicht Verlierer sein.
    8 2 Melden
  • ujay 19.06.2017 05:46
    Highlight Eine Katastrophe ist einzig, dass solch Kantoenligeist und Kleingeist im 21. Jhd. in einem aufgeklaerten Land ueberhaupt moeglich ist.
    2 5 Melden
    • AlteSchachtel 19.06.2017 16:45
      Highlight Der Föderalismus (Kantönligeist) trägt wesentlich zum friedlichen Zusammenleben verschiedener Schweizer Kulturen bei.

      Was herauskommt, wenn man alles vereinheitlicht und verschiedene Kulturen zusammen- zentralisiert, sieht man tagtäglich in den Ausland-Nachrichten.
      6 0 Melden
  • Shin Kami 19.06.2017 03:43
    Highlight Ach dieser Kantönligeist mal wieder... Ist doch egal.
    1 7 Melden
  • Juliet Bravo 19.06.2017 01:57
    Highlight


    4 2 Melden
    • AlteSchachtel 19.06.2017 17:02
      Highlight Et voilà!

      Lustigerweise sind die Jurassier eben genau das, was ihre Gegner bei jeder Gelegenheit mit den Mythen über die alten Eidgenossen hochloben.

      Die Jurassier würden auch heute Gesslers Hut niemals grüssen, währenddem nicht wenige sogenannter Schweizer vor dem neuen Vogt aus Herrliberg problemlos auf allen Vieren kriechen.
      4 0 Melden
  • ladama escort 19.06.2017 01:24
    Highlight Ok. Was sind die Vorteile und Nachteile?
    0 0 Melden
    • Max Dick 19.06.2017 10:48
      Highlight Nebst vielem anderen, was noch ungewiss ist, kann der finanzschwache Kanton Jura nun zwei Spitäler unterhalten, die knapp 10 km voneinander entfernt sind. Das obwohl von der Kapazität her eines problemlos geschlossen werden könnte. Bin gespannt wieviele Regierungen dieses Versprechen überleben wird.
      6 1 Melden
  • Pasch 19.06.2017 01:21
    Highlight Find ich super das Moutier endlich da ist wo es gefühlt schon immer war!

    Aber wie auch schon bei anderen knappen Entscheidungen sollte so etwas wie ein deutliches Mehr eingeführt werden so um die 53% oder gar 55%... so wie es jetzt ist ist es doch nur die Diktatur des knappen Mehrs... (zu labil)
    Sollte das Mehr auf beiden Seiten nicht erreicht werden, muss der Prozess weitergeführt werden bis zu einer definitiven Entscheidung!
    1 1 Melden
  • Pius C. Bünzli 18.06.2017 23:02
    Highlight Wuuuhuuu Hardcore Kantöndligeisters 😂🤣
    3 5 Melden
  • ev0lution 18.06.2017 22:50
    Highlight Jö SVP.
    Ihr tut mir sooo Leid!
    😅😄😆😂
    2 10 Melden

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