Schweiz

Vor 15 Jahren ist SP-Parteipräsidentin Ursula Koch verschwunden – seither hat sie nie wieder jemand gesehen

Bild: KEYSTONE

Wo ist Ursula Koch? Von der ehemaligen SP-Parteipräsidentin, die vor 15 Jahren nach langem Hickhack das Handtuch warf, fehlt jede Spur. Nicht mal ihre eigene Partei weiss, wo Madame Disparue ist.

15.04.15, 12:17 16.04.15, 08:19

Die 90er-Jahre waren eine prägende Zeit für die Sozialdemokraten. Im Jahrzehnt, in dem das Volk dem Bundesrat mit dem Nein zur EWR-Abstimmung eine krasse Abfuhr bescherte, trat auch eine Ikone der heutigen Sozialdemokratie vom Chefposten zurück. Auf den umstrittenen Peter Bodenmann folgte im Juni 1997 die noch umstrittenere Ursula Koch. Heute vor 15 Jahren trat sie nach internen Querelen zurück, seither fehlt von ihr jede Spur.

Koch war einzigartig und sonderbar. Sie war die erste Frau an der Spitze der SP, zum Zeitpunkt ihrer Wahl Stadträtin in Zürich und sass nicht im Nationalrat. Die NZZ beschrieb sie jüngst als «widerborstige Genossin», die eigenwillig, kompromisslos und polarisierend auftrat. Persönliche Eigenschaften, die sie schliesslich den Kopf kosteten. 

Ursula Koch wurde von den Medien mit Argusaugen beobachtet. Bild: KEYSTONE

Unter ihrem Regime etwa trat Barbara Binder, langjährige Generalsekretärin der Partei, zurück. Mit Nationalrätin Jacqueline Fehr trug sie medial eine Fehde aus. Viele Genossen störten sich daran, dass Koch sich vor dem realpolitischen Alltag drückte und stattdessen lieber Grundwertediskussionen über die Ausrichtung ihrer Partei führte.

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Eine Aussprache der Parteileitung hätte Klarheit und Veränderungen bringen sollen. «Sie sehen, dass wir zufrieden sind», berichtete Ursula Koch damals vor den Medien. Wenige Stunden nach der Pressekonferenz über die Klausur zeigte sich, dass nicht alle Genossen diese zufriedenen Stimmung teilten. 

«Es darf nicht sein, dass demokratische Entscheide durch Putschversuche aufgehoben werden.»

Ursula Koch am 24. Februar 2000 quelle: srf videoarchiv

Der Streit eskalierte. Partei-Vizepräsident Pierre Aeby reichte am selben Tag noch einen Antrag auf einen ausserordentlichen Parteitag ein mit dem Ziel, Koch zum Rücktritt zu zwingen. Ihre Gegenspielerin Fehr, damals Präsidentin der SP-Frauenorganisation, forderte sie mehrfach öffentlich zum Rücktritt auf und stiess dabei auf taube Ohren bei Koch. «Es darf nicht sein, dass demokratische Entscheide durch Putschversuche aufgehoben werden», sagte die umstrittene Parteipräsidentin im Februar 2000 vor den Medien. 

Sie war umstritten und trat nicht ganz überraschend nach nur drei Jahren Amtszeit zurück. Bild: KEYSTONE

Es folgt eine öffentliche Demontage: Die spätere Fraktionschefin und St.Galler Nationalrätin Hildegard Fässler und die heutige Bundesrätin Simonetta Sommaruga werden als mögliche Nachfolgerinnen diskutiert. Kantonalparteien entziehen Koch das Vertrauen. Und dann der Rücktritt.

Am 15. April 2000 teilte sie der Partei mit, sie trete mit sofortiger Wirkung als Präsidentin und Nationalrätin zurück.

Seither fehlt von ihr praktisch jede Spur. Im Dezember 2000 findet man eine letzte öffentliche Aussage: «Mir geht es gut. Ich bin glücklich.» Das «NZZ Folio» unternahm 2005 eine Recherche, und fand im Zürcher Niederdorf eine unscheinbare, mit dem Namen «Koch» beschriftete Klingel. Die schriftliche Anfrage des Magazins beantwortete sie freundlich mit einer Bitte um Verständnis dafür, dass sie an öffentlichem Interesse kein Interesse habe.

Wo ist Ursula Koch? Seit ihrem Rücktritt fehlt von ihr jede Spur. Bild: KEYSTONE

Nicht mal ihre eigene Partei scheint zu wissen, wo sich Madame Disparue befindet. Als die SP Schweiz 2013 ihr 125-jähriges Bestehen mit einem grossen Fest feiern und alle noch lebendende Parteipräsidenten einladen wollte, scheiterte sie bei Koch. «Sie war leider nicht auffindbar», sagte Generalsekretärin Flavia Wasserfallen.

«Vielleicht stinkt es ihr auch, im Zug immer noch ständig angesprochen zu werden.»

Blick, 27. Juli 2000

Über den Verbleib von Ursula Koch gibt es derweil verschiedene Gerüchte. 2012 vermutete das «Tagblatt der Stadt Zürich» ihren Aufenthaltsort in Israel, Argentinien, Frankreich oder weiterhin in Zürich. Wenige Monate nach ihrem Rücktritt lernte die öV-Begeisterte Ex-Parteipräsidentin Autofahren. «Vielleicht stinkt es ihr auch, im Zug immer noch ständig angesprochen zu werden», zitierte der Blick eine «Vertraute» im Juli 2000. Auch die gross angelegte Recherche des SRF im Jahr 2013, bei dem man gar Frankreich-Korrespondenten in entlegene Gemeinden schickte, brachte keinen Treffer. Nicht mal in ihrem (ehemaligem) Stammlokal Café Marion im Zürcher Niederdorf weiss man, wo die heute 73-jährige alt-Präsidentin der SP ist. 

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • Gelöschter Benutzer 17.04.2015 10:56
    Highlight Warum erlauben sich so viele Leute über Frau Koch herzuziehen? Als Frau Koch Parteisekretärin ( 70/80er) war bestand die SP aus einem Haufen noch nicht emanzipierter Machos. Frau Koch ist/war eine intelligente, belesene Frau. Ein Frau die wusste was sie wollte und die es nicht nötig hatte weiterhin im Rampenlicht zu stehen. Besten Dank für alles was sie getan haben.
    Letztes Jahr meinte ich sie in der Schweiz gesehen zu haben. Ich getraute mich nicht sie anzusprechen.
    10 2 Melden
  • Peter Schlemihl 16.04.2015 23:42
    Highlight Ich kann gut verstehen, dass Ursula Koch den Kontakt zur SP komplett abgebrochen hat. So wie sie von dieser behandelt wurde...
    9 1 Melden
  • danbla 16.04.2015 15:46
    Highlight Who cares
    4 6 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.04.2015 20:23
    Highlight ich wünscht mir blocher würd verschwinden.
    und mit ihm sein gesponsortes und lustiges populistentrüppchen.
    der mörgeli ist schon weg. halbwegs zumindest.
    dafür haben sie jetzt den bünzli mit irokesenkamm.
    und den babyface-parteizeitung-schreiberling.
    38 28 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.04.2015 19:02
    Highlight Mist. Jetzt habe ich die schon so schön vergessen. Danke Watson
    10 13 Melden
  • Don Quijote 15.04.2015 17:05
    Highlight Sicher in Argentinien. Da flüchteten schon andere politisch Extreme vor rund 70 Jahren hin... ;-)
    16 43 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.04.2015 15:10
    Highlight Frau Ursula-Zürich-ist-gebaut-Koch. Was für eine Träumerin.
    17 23 Melden
  • Hinterländer 15.04.2015 14:43
    Highlight Ich frag Sie auch nicht, woher Sie gemäss Ihrem Namen her kommen. Das geht mich nichts an. Sowenig, wie es Watson zu interessieren braucht, wo Ursula Koch "verbleibt". Abschiessen und einige Zeit später nachfragen wie es so geht ist nun wirklich unterste Schublade.
    15 32 Melden
    • Dr. B. Servisser 15.04.2015 16:27
      Highlight Herr Marjanovic kommt, so denke ich, aus Walenstadt.

      Es ist doch schon seltsam, wenn eine Nationalrätin und Parteipräsidentin von Heute auf Morgen von der Bildfläche verschwindet. Da darf man nachfragen.
      31 6 Melden
    • Hinterländer 15.04.2015 17:31
      Highlight Und warum soll das von Interesse sein? Sie hat sich von der Politik und damit von der Öffentlichkeit verabschiedet. Alles andere ist Privatsache und geht keinen mehr was an. Sie schon gar nicht. Oder sind Sie etwa vom Einwohneramt oder von der Steuerbehörde?
      16 17 Melden
    • Gelöschter Benutzer 15.04.2015 19:04
      Highlight Watson hat Frau Koch abgeschossen? Unmöglich
      19 2 Melden
    • Hinterländer 17.04.2015 17:22
      Highlight Die ist untergetaucht, die "Madame Disparue" kommt doch ganz in die Nähe von "die hat sicher Dreck am Stecken". Man braucht bloss die Kommentare dazu zu lesen. "Argentinien" ist so ein Beispiel. Klar war Watson beim Halali auf Frau Koch noch nicht da, zum selber eine Personenhatz in Gang zu setzen ist dieser Artikel jedoch durchaus geeignet, auch wenn er auf Samtpfoten daherkommt.
      0 0 Melden
  • Baba 15.04.2015 13:50
    Highlight Es freut mich für Frau Koch, dass sie es nach dem 'ertrötzelten' Rücktritt geschafft hat, ihr Privatleben privat zu halten. Ihre öffentliche Demontage als Parteipräsidentin betrachte ich noch heute als absolute Schande. Ja sie hatte Ecken und Kanten, aber solche PolitikerInnen braucht es - streamlined Mitläufer gibt's genug! Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute, wo immer sie auch sein mag :-).
    71 11 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.04.2015 12:44
    Highlight Herrlich erzählt diese Geschichte, von der ich gar nichts gewusst habe. Liegt wohl an meinem Alter;)
    34 5 Melden
    • Petar Marjanovic (1) 15.04.2015 13:56
      Highlight Märsi!
      10 3 Melden

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