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Ildefons Lima (l.) mit vollem Einsatz gegen den walisischen Superstar Gareth Bale. Bild: Matthew Childs/REUTERS

«Ich kenne alle Schweizer Spieler» – die Legende Ildefons Lima im Porträt

Der frühere Bellinzona-Spieler Ildefons Lima ist bald 37 Jahre alt und in Andorra eine Legende. Trotz unzähligen Niederlagen mit Andorra hat der Routinier die Motivation nicht verloren. Das Porträt zu einer besonderen Fussball-Persönlichkeit.

Publiziert: 09.10.16, 17:35 Aktualisiert: 11.10.16, 16:55

markus brütsch / schweiz am Sonntag

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Ildefons Lima ist genervt. Immer dieselben Fragen! Der stolze Captain der Nationalmannschaft von Andorra findet die Idee, die Berufe seiner Mitspieler aufzuzählen, überhaupt nicht cool. Der Metzger im Tor, der Bankangestellte als Rechtsverteidiger … Lima sagt, wer solche Wünsche äussere, nehme das Team von Andorra nicht ernst.

Lima weiss selber, dass die Resultate nicht super sind. Seit zwölf Jahren und 83 Spielen wartet Andorra auf einen Sieg. Ja, in den 133 Partien seiner Länderspielgeschichte hat es erst drei Mal – zu Hause gegen Weissrussland, Albanien und Mazedonien – gewonnen und dazu elf Mal unentschieden gespielt. Zuletzt im Mai bei einem 0:0 in Aserbaidschan. Immerhin, zweistellig haben die Andorraner nie verloren, ein 1:8 gegen Tschechien ist der Rekord.

Sparringspartner der Weltmeister

Ist es nicht demotivierend, auf den Platz zu laufen im Wissen, diesen zu 99,9 Prozent als Verlierer zu verlassen? «Nein, nein, nein!», sagt Lima, «das kommt überhaupt nie vor. Jedes Spiel ist eine neue Herausforderung.» Daran kann auch das bescheidene Interesse im kleinen Fürstentum nichts ändern. Zum Startspiel in der WM-Qualifikation gegen Lettland waren gerade einmal 1115 Zuschauer im Estadi Comunal d’Andorra la Vella erschienen. «Es ist halt schwierig, Fan eines Nationalteams zu werden, welches fast immer verliert», gibt Lima zu. Zumal von den 77'000 Einwohnern mehr als die Hälfte Ausländer, vor allem Spanier und Portugiesen, sind.

Die Freude an der Nationalmannschaft hat Lima, der seit 2014 für den Rekordmeister FC Santa Coloma spielt, auch deshalb nicht verloren, weil er immer wieder grossartige Momente erlebt. Er war dabei, als Andorra 1998 vor 76'000 Zuschauern im Stade de France gegen den frischgebackenen Weltmeister Frankreich mit Zidane, Deschamps und Trézéguet spielte und mehr als eine Halbzeit lang ein 0:0 hielt. Und ein Jahr zuvor war Lima mit Andorra in Paris der Sparringspartner von Weltmeister Brasilien gewesen, das mit allen Tenören wie Ronaldo, Roberto Carlos und Rivaldo angetreten war, es gegen den zäh verteidigenden Gegner aber nur zu einem 3:0 brachte.

Es war erst das dritte Länderspiel von Lima, der ein Jahr zuvor gegen Estland debütiert hatte. «Ronaldo ist bis heute der beste Spieler, gegen den ich je gespielt habe. Ich meine den Brasilianer, nicht den Portugiesen», sagt Lima. Am vergangenen Freitag aber, beim 0:6 in Aveiro gegen Portugal, musste er seine Meinung ändern. Es war ein Albtraum: Bis zur vierten Minute schoss Cristiano Ronaldo zwei Tore, am Ende waren es vier.

Cristiano Ronaldo lehrte die Andorraner das Fürchten. Bild: RAFAEL MARCHANTE/REUTERS

Italien und die Schweiz auf dem Wunschzettel

Es war Limas 102. Länderspiel. «Darauf bin ich extrem stolz», sagt der Hüne. «Jetzt will ich natürlich Rekordspieler werden.» 106 Partien hat der inzwischen zurückgetretene Oscar Soneijee bestritten. Eine Bestleistung hat Lima aber bereits inne: Obwohl fast immer als Innenverteidiger eingesetzt, hat er, auch dank einiger Penaltys, schon zehn Länderspieltore geschossen. Das erste gleich beim Debüt 1997 als 17-Jähriger gegen Estland. Apropos Estland: Im Juni dieses Jahres hat er gegen die Balten sein 100. Länderspiel bestritten und ist dafür gefeiert worden. Es war sein elftes Länderspiel gegen die Esten. Kein Wunder, nennen ihn einige nun den «Esten».

Lima (2.v.l.) bejubelt sein Tor gegen Israel. Bild: ALBERT GEA/REUTERS

Limas Geschichte als Fussballer ist zugleich auch die Fussballgeschichte Andorras. Denn sein erstes Länderspiel war erst das zweite überhaupt der Nationalmannschaft, die 1996 zum allerersten Mal für den kleinen Pyrenäenstaat angetreten war. Gegen Estland natürlich. Seit fast zwei Jahrzehnten schnürt Lima schon die Schuhe für sein Land. Aber Schluss soll noch lange nicht sein. «Drei oder vier Jahre möchte ich schon noch spielen», sagt Lima, der im Dezember 37 Jahre alt wird.

Liebend gern würde er endlich einmal gegen Italien auflaufen, doch auch die Partie morgen Abend gegen die Schweiz stand schon lange auf seinem Wunschzettel. «Schliesslich habe ich von 2009 bis 2011 unter Trainer Marco Schällibaum für die AC Bellinzona und dabei gegen Spieler wie Mehmedi, Xhaka und Rodriguez gespielt», sagt Lima. «Ich kenne alle Schweizer Spieler mit Namen. Die Schweiz ist ein ganz starker Gegner, klar der formstärkste in unserer WM-Gruppe.»

Ein verrückter Vogel

Lima sagt, die beiden Jahre im Tessin gehörten zu den besten seiner Laufbahn. In 45 Partien schoss er vier Tore – alle in vier Spielen hintereinander. Die Gegner kann er noch heute aufzählen, auch die Namen seiner Mitspieler. «Ildefons war ein verrückter Vogel», erinnert sich Gürkan Sermeter, «immer für einen Spass zu haben, aber auch ein feiner Mensch.» Einer, der auf dem Platz immer alles gab und trotz seinen 1,92 Metern auch technisch gut aussah. «Wegen seines schütteren Haares foppten wir ihn, er sehe ja wie 55 aus.»

Ildefons Lima klärt für Bellinzona vor Marco Streller. Bild: KEYSTONE

Im Gegensatz zu den meisten anderen aber steht Lima noch immer auf dem Platz. Er hat in Spanien, Griechenland, Mexiko, der Schweiz und in Italien gespielt. 80-mal in der Serie B für Triest; zu jener Zeit vor zehn Jahren, als Juventus mit Buffon, Chiellini und Nedved dort spielen musste. «Sportlich war dies meine schöne Zeit. Neben der Nationalmannschaft natürlich», sagt Lima. «Ich bin immer einer gewesen, der gerne gereist ist, neue Länder, Sprachen und Kulturen kennen lernen wollte.»

Mit seiner Frau und den beiden Töchtern ist er nun aber in Andorra sesshaft geworden. In Barcelona geboren und als Baby im Alter von zwei Monaten nach Andorra gekommen, fühlt er sich durch und durch als Andorraner. «Es ist ein wunderschönes Land, in dem man wie in der Schweiz perfekt leben kann», sagt Lima.

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naja, mir - 16.4.2016
Immer auf dem neusten Stand. Besticht mit sympathischem, intelligentem Witz!
4 Kommentare anzeigen
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  • exeswiss 10.10.2016 06:58
    Highlight sie verlassen den platz übergens zu 89.5% der spiele als verlierer nicht 99.9% :D
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  • Hans Franz 09.10.2016 19:44
    Highlight Der spielt mit Leidenschaft Fussball und gibt auf dem Platz alles. Aber bei letzten Spiel kann er sich beim Schiedsrichter bedanken dass er nicht vom Platz flog. Zum Teil hatte er sich nicht im Griff.. Hoffe die Partie gegen die Schweiz wird nicht so aggressiv
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  • MaryTheOne 09.10.2016 18:31
    Highlight Spiel gegen Lettland war im Estadi Nacional, nicht Estadi Comunal
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    • Max Pauer 10.10.2016 01:11
      Highlight @MaryTheOhne genau wegen dir ist es manchmal für Journalisten zum Kotzen. Eigentlich eine coole Story über ein nicht alltägliches Thema. Gut geschrieben, aber dann kommt so ein nasepopelnder Besserwisser, der wohl noch nie einen Artikel unter einem gewissen Zeitdruck geschrieben hat, mit einem inseridigen Insider-Fehler, den er freudestrahlend kommentieren muss. Hoit dai Goschn, du Miesmuschel!
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