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Kommentar

«Fox News» wird Vorbild für Schweizer Journalisten

Die Auflage der Schweizer Zeitungen schmilzt wie Schnee in der Sonne. Mit Hetze gegen vermeintliche Eliten wird dagegen angekämpft – mit gefährlichen Folgen für die Demokratie.



Zwei aktuelle Beispiele: Die «SonntagsZeitung» macht auf mit der Schlagzeile «Geheimgruppe des Bundes will Volksrechte abbauen». Was ist passiert? Nichts, ausser dass sich anscheinend wieder einmal eine Gruppe von Experten in Bern darüber Gedanken macht, ob die Zahl der Unterschriften für Initiativen und Referenden erhöht und die Verfassungsmässigkeit besser abgeklärt werden soll. Angesichts der Flut von Volksinitiativen der jüngeren Vergangenheit ein verständlicher Vorgang.

Es ist auch nicht das erste Mal, Vorstösse in diese Richtung gab es immer wieder. Die «SonntagsZeitung» konstruiert daraus einen Skandal im Sinne von: Die geheime Elite von Bern heckt etwas aus, um den Volkswillen zu untergraben. Es ist die Rede von «Hinterzimmerpolitik» und «Geheimprotokollen», die der Redaktion zugespielt worden sind. Und ja: Die SVP ist empört. Parteipräsident Toni Brunner spricht davon, dass die «direkte Demokratie ausgehebelt» werden soll.

Mit Hetz-Kampagnen aus der Bedeutungslosigkeit

So weit so lächerlich. Im Fachmagazin «Schweizer Journalist» äussert sich derweil der neue «Blick»-Chef René Lüchinger zur politischen Lage der Nation. Unter der Schlagzeile «Bundesbern soll zittern» verspricht er, dass es unter der Kuppel des Bundeshauses bald wieder beben soll. «Da müssen wir hin», so Lüchinger.

Journalisten an einer Sitzung im Newsroom von Ringier, der Redaktion fuer den Sonntagsblick, Bilck, Blick am Abend und blick.ch, aufgenommen am 30. Januar 2012 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Moderner Newsroom, politisch bedeutungslos: Die «Blick»-Titel. Bild: KEYSTONE

Tatsächlich ist die einst «stärkste Zeitung der Schweiz» politisch bedeutungslos geworden. Lüchinger fährt zwar einen stramm bürgerlichen Kurs, der jedoch so bieder ist, dass er nicht einmal ignoriert wird, wie die Österreicher spotten. Unter Lüchinger droht dem «Blick» deshalb das schlimmste aller Boulevard-Zeitungen-Schicksale: Man beginnt, Mitleid mit ihm zu haben. Das sollen Hetz-Kampagen gegen imaginäre Eliten jetzt wieder ändern.

Hetzkampagnen gegen vermeintliche Polit-Eliten sind nichts Neues. Im Sinne eines Anti-Mainstream-Journalismus fährt die «Weltwoche» unter Köppel seit Jahrzehnten diesen Kurs. Seit Christoph Blocher Besitzer geworden ist, profiliert sich auch die «Basler Zeitung» in diese Richtung. Der rechtspopulistische Kurs ist politisch gewollt. Es besteht der begründete Verdacht, dass die Journalisten dieser beiden Blätter Überzeugungstäter sind und tatsächlich glauben, was sie schreiben.

«Es besteht der begründete Verdacht, dass die Journalisten dieser beiden Blätter Überzeugungstäter sind und tatsächlich glauben, was sie schreiben»

Bei der «SonntagsZeitung» und beim «Blick» liegt der Fall anders. Sie gehören zur Tamedia resp. zu Ringier, den beiden grössten Schweizer Verlagshäusern. Beide haben eine tendenziell linksliberale Vergangenheit. Beide haben aber auch ein grosses Problem in der Gegenwart: Das Geschäftsmodell des Printjournalismus, das sie reich gemacht hat, ist heute schwer angeschlagen, vielleicht sogar todkrank.

Beide Blätter verlieren nach wie vor Leserinnen und Leser, und die Werber laufen ihnen davon. Journalistisch ist dieser Kampf nicht zu gewinnen. Selbst die genialste Publizistik-Truppe könnte diesen Auflagenschwund heute nicht mehr stoppen. Das Problem liegt nicht bei den Journalisten, sondern, wie erwähnt, beim Geschäftsmodell.

«Das Problem liegt nicht bei den Journalisten, sondern beim Geschäftsmodell»

Weil die Verlagsmanager bisher keinen Ersatz für das einst so profitable Printjournalismus-Modell gefunden haben, müssen es die Journalisten jedoch trotzdem richten. Auch Journalisten sind Herdentiere. Sie schauen, wer Erfolg hat – und kopieren. Erfolg hat derzeit «Fox News», der grösste News-Channel in den USA.

Fox News

Grösster News-Channel in den USA: «Fox News»  

Das Programm mit dem Wutbürger

«Fox News» ist so weit rechts, dass dagegen selbst Roger Köppel und Markus Somm wie Sonntagsschüler wirken. Der TV-Sender bestätigt damit ein in der Branche weit verbreitetes Vorurteil: Wer Geld verdienen will, muss sich reaktionär gebärden. Er muss den Wutbürger abholen, nicht nur mit Blut und Sperma, sondern auch mit chauvinistischer Politik. Es geht um den kleinsten gemeinsamen Nenner der Leserschaft; und dieser kleinste gemeinsame Nenner scheint derzeit die Wut auf Politiker zu sein. Deshalb werden die Eliten in Washington, Brüssel und eben auch in Bern an den Pranger gestellt.

In den USA hat sich die politische Landschaft in den letzten Jahren stark verändert. Die Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern ist inzwischen so ausgeprägt, dass ein Dialog praktisch unmöglich geworden ist. «Fox News» hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Die täglichen Hetzkampagnen gegen die Eliten von Washington werden von den Anhängern der Tea Party begierig und kritiklos aufgesogen. Sie führen dazu, dass immer radikalere Vertreter an die Macht kommen mit dem Versprechen, endlich in Washington auszumisten und die parasitären Eliten zu verjagen.

«Die Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern in den USA ist inzwischen so ausgeprägt, dass ein Dialog praktisch unmöglich geworden ist. ‹Fox News› hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.»

Der Anti-Eliten-Sturm ist verlogen

Der Anti-Eliten-Sturm ist verlogen, nicht etwa weil die Politiker aufrichtig und edel wären, sondern ganz einfach, weil sie keine Macht mehr haben. Im Zeitalter der Globalisierung werden die wichtigen Entscheide nicht mehr in Hinterzimmer von dubiosen Politiker gefällt, sondern in den Teppich-Etagen von multinationalen Konzernen und Banken. Auch die Politik wird inzwischen vom Geld der Wirtschaft dominiert. Ohne Milliardäre als Spender und ein funktionierendes Netzwerk zur Business-Gemeinschaft ist mittlerweile kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

In der Schweiz hält sich nach wie vor hartnäckig die Mär von den links unterwanderten Medien. Das stimmt längst nicht mehr. Unermüdlich arbeiten Blocher & Co. daran, auch hierzulande «Fox News»-ähnliche Zustände zu schaffen. Die schwere Strukturkrise der traditionellen Printpresse spielt ihnen dabei in die Hände. Rechnen Sie also mit weiteren Kampagnen gegen Eliten, die längst keine mehr sind.

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