History
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Der Kampf ums Recht auf kurze Hosen – unserem Chef gewidmet

team watson



Dürfen wir vorstellen:

Die Herren der «Men's Dress Reform»-Partei (MDRP), 1929.

Bild

Shorts, Leinenhosen und Römersandalen: «Come as you are and feel your best» war ihre Devise. bild: vintag.es

Falls ihr es nicht mitbekommen habt, unser Chef hasst kurze Hosen an Männerbeinen. Er will sie im Büro nicht sehen.

Er sagt:

«Ab 30 kann man als Mann keine kurzen Hosen mehr anziehen»

Video: watson/nico franzoni, jodok meier, maurice thiriet

Wenn das die MDRP-Jungs erführen! Denn jene britische Zwischenkriegs-Partei kämpfte mutig gegen die übliche Männerkleidung ihrer Zeit, die sie als unhygienisch und gesundheitsschädlich anprangerte.

Damals waren chemische Reinigungen noch nicht so weit verbreitet, was das Waschen der schweren, dunklen Anzüge sehr mühsam machte, weshalb gern ganz darauf verzichtet wurde. Das war dann auch der Grund, warum sie schwarz waren – damit man den Dreck nicht so schnell sah.

Bild

Zeig her, dein Bein! Eine Reihe aufmüpfiger Mode-Reform-Jungs. bild: vintag.es

Die Herren der MDRP aber wollten nicht nur gesündere, sondern endlich auch hübsche Sachen tragen. Nicht länger nur auswählen zwischen schwarz und grau. Sie wollten Farben und Bequemlichkeit, sie sehnten sich nach Lebendigkeit und Freiheit. Sie wollten «keine grosse männliche Entsagung», wie es der Psychologe John Carl Flügel ausdrückte. Sie wollten den von der kapitalistischen Arbeit unterdrückten Mann seiner deprimierend unkreativen Kleidung entledigen.

Nachdem ihnen der Erste Weltkrieg bloss Uniformen, Elend, Verletzung und Leid gebracht hatte, war die Sehnsucht nach ein bisschen Erholung und Freude gross. Die Menschen sollten wieder zu Kräften kommen, gesund essen, sich mehr an der frischen Luft aufhalten, ihre Körper ertüchtigen – und luftige Kleider tragen dürfen.

«Herrenbekleidung ist hinabgesunken in die Gosse ungesunder Hässlichkeit, aus der sie – in gegenseitigem Einverständnis – gerettet werden sollte.»

MDRP-Worte

Bild

Dr. Caleb Saleeby, der Vorsitzende der MDRP, wie er grade einen wütenden Brief an einen Uneinsichtigen schreibt. bild: nickelinthemachine

Auf der gegnerischen Seite versammelten sich natürlich stracks die Konservativen, die, wie alle ernstzunehmenden rückwärts Gewandten aller Epochen, in jenem modischen Veränderungsappell den sofortigen zivilisatorischen Untergang witterten:

«Eine Lockerung der Fesseln wird die Menschheit allmählich dazu veranlassen, körperlich und geistig zu erschlaffen. Wenn Schuhbändel gelöst, Krawatten gelockert und Knöpfe geöffnet werden, wird das ganze Gefüge moderner Kleidung aufgehen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass dann auch die Gesellschaft in Stücke brechen wird. Solcherlei Fesseln waren nicht schädlich; sie waren die Grundlage, auf der die Zivilisation ruhte und die Menschen vor Wildheit und Dekadenz schützte.»
Kritiker-Worte aus dem «Tailor and Cutter»-Schneiderei-Magazin

Am Rockzipfel ihrer Mutterorganisation «New Health Society» hängend, versuchten die Reformer der neuen Kleiderpartei Arbeitgeber aufzurütteln – sie mögen doch bitte ihre Untergebenen nicht länger in diese atmungsinaktiven Keimschleudern zwingen.

Sie veranstalteten Kundgebungen, bei denen die Teilnehmer angewiesen wurden, doch bitte so zu erscheinen, wie sie seien, was den einen dazu bewog, in einer Toga aufzukreuzen, den anderen wiederum, sich in Jeans oder einfach in ganz gewöhnliche Abendgarderobe zu werfen.

Bild

Manche der MDRP-Mitglieder waren radikaler als andere. bild: vintag.es

Der MDRP-Vorsitzende – ein Arzt namens Caleb Saleeby – schrieb 1929 gar dem britischen Tennisdachverband Lawn Tennis Association (LTA), er möge seine Spieler doch bitte dazu ermutigen, die dem Sport bloss hinderlichen, schweren Hosen abzulegen und fortan in Shorts zu spielen.

Der erste Mann, der dies in Wimbledon tatsächlich in die Tat umsetzte, war der eher unbekannte englische Tennis-Spieler Brame Hillyard. Ein Jahr nach Saleebys Brief stand er in kurzen Hosen auf dem Court 10.

Trotz der neu gewonnenen Beinfreiheit, die ihm seine Shorts verliehen haben müssen, verlor er – und man hörte nicht wieder von ihm.

Berühmtheit erlangte erst Bunny Austin, ihm hat man fast die gesamte Ehre des frühesten Shorts-Tragens zuteil werden lassen, weil er seine nackten Beine auf dem Centre Court herzeigte – vor den Augen der Weltpresse.

Bild

Bunny Austin verlor im Finale gegen den Amerikaner Don Budge, 1932. bild: nickelinthemachine

Die Herren der MDRP waren in ihren Anfangsjahren ziemlich erfolgreich, zumindest was den Sektor von Sport- und Freizeitkleidung betraf. Sie betrieben mit ihrer unkonventionellen Ware sogar einen Laden und einen Versandhandel.

Und wer weiss, vielleicht wäre unser Chef darin sogar fündig geworden. Vielleicht hätte er sich da ein Paar freche Shorts gekauft. Natürlich nur so aus Jux. Rein ironisch gemeint.

(rof)

Und so sieht's aus, wenn man die Hosen runterlässt – History Porn Teil XLVII

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Zürich hatte «vielfältige und relevante» Verbindungen zur Sklaverei

Die Stadt Zürich war an der Sklaverei und dem Sklavenhandel finanziell beteiligt und so mitverantwortlich für die Versklavung tausender Afrikanerinnen und Afrikaner. Die Unterstützung erfolgte durch Staatsanleihen, den Handel und Plantagen.

Die Verbindungen Zürichs zur Sklavenwirtschaft waren «vorhanden, vielfältig und relevant», wie Frank Schubert, Mitautor einer Studie der Universität Zürich, am Dienstag vor den Medien sagte.

Diese Verbindungen waren Ausdruck einer Tradition einer langen …

Artikel lesen
Link zum Artikel