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SRF-Sportchef Urs Leutert

«Medien werden an der kurzen Leine gehalten» 

Das Schweizer Fernsehen hat an der WM bisher nicht überzeugt – Sportchef Urs Leutert nimmt Stellung.

François Schmid-Bechtel / Aargauer Zeitung



Ein Artikel der

Wie sieht Ihr Resümee der ersten WM-Tage aus? 
Urs Leutert: Wir haben an den ersten vier Tagen eine hervorragende Beachtung erreicht. Sowohl im TV- als auch im Multimedia-Bereich. Die knapp 1,5 Millionen Zuschauer bei SRF 2 über die gesamte Dauer beim Spiel Schweiz gegen Ecuador bedeuten die mit Abstand meistbeachtete TV-Sendung der letzten Jahre. Ich bin auch deshalb zufrieden, weil wir enorme technische Probleme zu bewältigen hatten wie bei der Eröffnungsfeier. 

Wo lag das Problem? 
Das wissen wir bis dato nicht. Im Nachhinein haben wir ein Entschuldigungsschreiben der Produktionsfirma HBS und eine massive Preisreduktion bekommen. Einzig jene Stationen mit einem eigenen Studio – darunter auch die deutschen – konnten live von der Eröffnungsfeier berichten. 

Warum hat das Schweizer Fernsehen kein eigenes Studio in Brasilien
Aus programmlichen, technischen und finanziellen Gründen. Ein Studio in Brasilien aufzubauen stand gar nie zur Diskussion. Allein die Mietkosten für ein Studio an der Copacabana hätten mehrere Millionen Franken gekostet. Und wir könnten es viel zu wenig nutzen, weil wir ein ganz anderes Programmkonzept haben als die Deutschen: Wir wollen farbige, vielseitige Sendungen bieten. Wir werden zum Beispiel rund 30 verschiedene Studiogäste haben, die hätten ja unmöglich alle nach Brasilien reisen können. Und: Ab der K.-o.-Phase strahlen wir zwischen 20.45 und 21.30 Uhr die Sendung «Viva Brasil» aus mit Marc Sway und seiner Band, der uns die brasilianische Musik präsentiert, und mit dem Zürcher Zoodirektor Alex Rübel, der uns die brasilianische Fauna näher bringt. Das alles wäre in Brasilien nicht möglich. 

Urs Leutert, Leiter SF Sport, informiert die Medien am Mittwoch, 16. Juli 2008 in Zuerich. Das Schweizer Fernsehen berichtet vom 8. bis zum 24. August ausfuehrlich von den Olympischen Sommerspielen in Peking. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

SRF-Sportchef Urs Leutert. Bild: KEYSTONE

Hätte es nicht Sinn gemacht, analog zu Sotschi ein «House of Switzerland» zu bauen? 
Im Unterschied zu Olympischen Winterspielen ist der exklusive Zugang zu den wichtigen Protagonisten im Fussball sehr schwierig. Grosse Spieler oder Trainer anderer Nationen zu interviewen – das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb müssen wir auch bei den Vorschauen, Analysen und Hintergrundberichten hauptsächlich auf Rohmaterial der Fifa zurückgreifen. Die Fifa beschäftigt bei dieser WM 36 eigene Kamerateams, die Interviews, Porträts und Hintergründe produzieren und die Bilder den Lizenznehmern zur Verfügung stellen. Selber könnten wir das gar nicht stemmen. 

Deshalb fehlt die eigene Handschrift bei den TV-Beiträgen. 
Damit müssen die TV-Stationen bis zu einem gewissen Punkt leben. Wir versuchen, das Rohmaterial mit un serem eigenen Touch zu veredeln. Aber das Rohmaterial ist Fifa-Material. Das ist der Trend in der Weltsportart Fussball. 

«Die Regeln sind sehr restriktiv, rund um die Schweizer Nati genauso wie bei allen andern.»

Geht die Reglementierung der Fifa zu weit? 
Der Trend zur totalen Kontrolle ist an einem problematischen Punkt angelangt. War es bisher insbesondere die Produktion, die die Verbände in eigener Verantwortung herstellten, wollen diese mächtigen Verbände immer mehr auch die Inhalte bestimmen. Die Regeln sind sehr restriktiv, rund um die Schweizer Nati genauso wie bei allen andern. Wir haben eine lange Liste mit Ideen für Beiträge, die wir leider nur zu einem kleinen Teil realisieren können. Trainer und Spieler sind ziemlich abgeschottet. Dank unserer hervorragenden Partnerschaft mit dem Schweizerischen Fussballverband können die SRG-Sender aber doch recht vielfältig berichten und haben viel mehr Möglichkeiten als viele Kollegen von andern Sendern. Sehr schön ist zum Beispiel das tägliche Gespräch mit einem Spieler direkt am Strand. 

Darf Ihre Crew den Spieler für das tägliche Gespräch selber auswählen? Und müssen die Fragen vorher vom Verband abgesegnet werden? 
Ja. Inhaltlich gibt es vom Verband keine Restriktionen – so weit würden wir auch sicher nicht gehen. Der Austausch mit Marco von Ah (Medienchef SFV; d. Red.) funktioniert sehr gut. Nochmals: Dieser Trend, die Medien an der kurzen Leine zu halten, betrifft den ganzen internationalen Fussball, den Klubfussball und die Nationalmannschaften. Unsere deutschen Kollegen zum Beispiel...

Ja? 
Wir haben beim Deutschen Fernsehen Trainingsbilder ihrer Nationalmannschaft bestellt. Da mussten wir erfahren, dass ARD/ZDF die Sequenzen nicht selber drehen dürfen, sondern die Bilder vom Deutschen Fussballverband geliefert bekommen. Ein weiterer Schritt... Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis gewisse Verbände und Klubs auch die Interviews nach den Spielen selber produzieren. 

In welchen Bereichen stösst SRF mit Olympia und Fussball-WM im gleichen Jahr an Grenzen? 
Primär personell. Ein Beispiel: Nach der Schlussfeier in Sotschi kamen unsere Leute am Montag nach Hause, am Dienstag übertrugen wir bereits Champions League und Eishockey-Playoffs, am Mittwoch Champions League und am Donnerstag den FC Basel in der Europa League. Wir stossen an Grenzen, wenn wir neben den Grossevents auch das Tagesgeschäft ansprechend umsetzen wollen. In Zukunft werden wir wohl ein paar Schritte zurück machen müssen. Mit den aktuellen Ressourcen werden wir die momentane Intensität kaum durchstehen. 

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • swissda 17.06.2014 09:02
    Highlight Highlight Hat auch einen positiven Nebeneffekt: Die Spielzusammenfassungen auf der SRF-Seite haben nun endlich eine Länge, wo man sich auch ein Bild über das Spiel machen kann. Da könnte Sie sich ruhig eine Scheibe abschneiden!
  • Zeit_Genosse 17.06.2014 07:39
    Highlight Highlight Guter Bericht. Hinter die Kulissen geschaut. Danke.
    Die Entwicklung hat zwei Seiten. Die Professionalisierung verlangt eine organisierte Vorgehensweise bei Clubs, Mannschaften, Verbänden, damit die Medienanfragen und -wünsche etwas kanalisiert werden können. Andererseits ergibt das medialer Einheitsbrei und kaum Raum für Ideen. Fussball ist big business und da überlässt man nichts mehr dem Zufall und kontrolliert die Aussenwirkung der Mannschaften und Spieler.

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