Fehlender Flug-Sprit: Droht der Swiss ein Chaos-Sommer? Jetzt spricht der Chef
Droht der grosse Flug-Frust? Die «New York Times» titelte kürzlich, dass die Flugsprit-Engpässe das Reisen im Sommer zu einem «völligen Chaos» machen könnten. Kurz zuvor hatte die Lufthansa bekannt gegeben, dass sie wegen des Kerosin-Mangels und der entsprechenden Preiserhöhungen 20'000 Flüge streichen muss. Auch die Tochterairline Edelweiss musste den Flugplan kürzen, unter anderem mit Verweis auf die Kerosin-Situation.
Doch Swiss-Chef Jens Fehlinger wirkt bei der Präsentation der Quartalszahlen praktisch unberührt vom Sprit-Tohuwabohu. «Wir schauen nur 4 bis 6 Wochen voraus und da sind wir optimistisch», sagt der Swiss-Chef in Bezug auf die Kerosin-Verfügbarkeit. Nur: In 4 bis 6 Wochen stehen die Sommerferien vor die Tür, die wichtigste Zeit für die Airlinebranche.
Diese demonstrative Coolness wirft Fragen auf. Wie viel Optimismus oder gar Wunschdenken spielt da mit? Fürchtet sich die Swiss davor, dass grosse Warnungen zu ausbleibenden Buchungen und Umsätzen führen könnten, da die Fluggäste das Risiko nicht eingehen wollen, dass ihr Flug plötzlich ausfällt und sie im Ausland stranden?
«Wir sind guter Dinge»
Auf die Frage von CH Media, ob es plötzlich nicht zu einem Knall kommen könnte, mit der Last-Minute-Stornierung von zahlreichen Flügen wegen fehlenden Kerosins, sagt Fehlinger: «Wir gehen nicht von einem Big Bang aus, sondern erwarten, dass der Flugplan absolut stabil ist. Wir sind guter Dinge, was den Sommer angeht.» Sollte es neue Erkenntnisse geben, würde man darauf reagieren. Die Weltlage sei nun mal sehr volatil.
Am ehesten erwartet Fehlinger Kerosin-Engpässe in Asien und Afrika. Für solche Szenarien sei man vorbereitet. Das deutete vergangene Woche bereits sein Betriebschef Oliver Buchhofer im Interview an: «Dort könnten wir dann zum Beispiel mit Zwischenstopps reagieren, um das Flugzeug aufzutanken.» Auch er räumte ein, dass die Swiss über die 4 bis 6 Wochen Planungssicherheit hinaus «keine 100-prozentige Garantie» aussprechen kann.
Der Kerosinpreis hat sich seit Ausbruch des Iran-Kriegs Ende Februar praktisch verdoppelt, wie Finanzchef Dennis Weber betont. In den Quartalszahlen widerspiegle sich dieser Kostenanstieg jedoch noch nicht, da die Swiss ein sogenanntes Hedging betreibt, um sich gegen Preisexplosionen abzusichern. Dies würden US-Airlines nicht machen, sagt Weber. Doch in Zukunft werde man die hohen Kerosin-Preise ebenfalls zu spüren bekommen. Das wird sich auch in den Ticketpreisen niederschlagen.
Grounding in den USA
So musste die US-Billigairline Spirit am Wochenende ihren Betrieb einstellen. Sie machte die Kerosinpreise mitverantwortlich für das Grounding. Allerdings bewegte sich die Fluggesellschaft schon länger am wirtschaftlichen Abgrund.
Der Iran-Krieg spülte der Swiss kurzzeitig sogar mehr in die Kassen. Der operative Gewinn betrug in den ersten drei Monaten des Jahres 30 Millionen Franken – eine Verzehnfachung gegenüber dem Vorjahresresultat. Die anderen Airlines im Kranich-Konzern konnten derweil keinen Profit einfliegen.
Weber räumt ein, dass die Durchschnittserlöse insbesondere auf Asien-Routen höher lagen. Kein Wunder: Weil die Airlines im Nahen Osten, wie Emirates oder Qatar, unter dem Krieg vor Ort am stärksten betroffen sind und deren Flughäfen teilweise gesperrt waren, wurden Direktflüge wie jene der Swiss – ohne Umsteigen in der Wüste – besonders attraktiv.
Massiv höhere Ticketpreise
Das Branchenportal «Travel News» berichtete kürzlich, dass Ticketpreise von Singapore Airlines drei Mal so hoch waren wie vor der Krise und teilweise 4500 Franken kosteten – in der Economy. Und der «Blick» entdeckte Economy-Tickets für 2900 Franken nach Bangkok bei der Swiss, die normalerweise 650 Franken kosten. Nach Delhi war eine Verdreifachung der Preise zu beobachten.
Ein Wachstum werde dieses Jahr schwierig, sagt Weber. Viel mehr gehe es darum, die Voraussetzungen dafür im Jahr 2027 zu schaffen. Dazu gehört auch ein bereits vor dem Kriegsausbruch lanciertes Sparprogramm. Die Investitionen in das «Premium-Kundenerlebnis» wolle man aber verstärken, sagt CEO Fehlinger.
Mehr Leistung mit weniger Ressourcen also. Und gleichzeitig stehen Gesamtarbeitsverträge mit der Cockpit-Crew an. Die Pilotinnen und Piloten fordern insbesondere eine bessere Planbarkeit ihrer Einsatztage und damit auch ihrer Freizeit. Ihre Verhandlungsposition ist insofern nicht schlecht, als die Swiss nach wie vor mit einem Pilotenmangel konfrontiert ist, obwohl sie jährlich 80 bis 100 neue Piloten schult und einstellt.
Auch wegen der anhaltenden Triebwerkprobleme sieht sich die Swiss gezwungen, weiterhin zahlreiche Flüge an andere Airlines wie Air Baltic oder Helvetic auszulagern – was für viele Fluggäste nicht mit dem versprochenen «Premium-Kundenerlebnis» übereinstimmt und beim eigenen Personal regelmässig für Kritik sorgt. (aargauerzeitung.ch)

