Hazel Brugger ist ein Star – nur die Schweiz lacht nicht mehr richtig mit
Seit Jahren scheinen die echte Hazel Brugger, 32, und ihre Bühnen-Persona immer weiter auseinanderzudriften: privat der unglamouröse Alltag in einem Kaff in Hessen, dem «Bauchnabel von Deutschland». Auf der anderen Seite die öffentliche Überperformerin, die letztes Jahr den deutschen Comedy-Bambi abräumte und im Glitzerkostüm die grösste Musikshow der Welt moderieren durfte.
Das Plakat zu Bruggers neuer Show mit dem international vermarktbaren Titel «Good Evening Europe» ist entsprechend ein ironisches Selbstporträt: Dort sitzt die Schweizer Comedienne wie die phönizische Prinzessin Europa auf einem weissen Stier – mit Kunstwind aufgewirbelter Haarmähne.
Entführt hat Hazel Brugger kein Göttervater Zeus, sondern ihr eigener Erfolg. Für ihre Show am Samstagabend in der 5000 Zuschauer fassenden «The Hall» in Dübendorf hat ihr die Stylistin die blonden Haare nach hinten gegelt. «Weil ich zu schwach war, um mich zu wehren», so Brugger.
Und dort ging es dann vor allem um den miefigen Alltag einer durchschnittlichen, mitteleuropäischen Familienmutterexistenz: nervige Kinder, die man sich in den Winterschlaf wünscht, Handwerkerfrust beim Umbau des Eigenheims, Familienzuwachs durch zwei Schildkröten – «ein Kompromiss zwischen einem Lebewesen und einem Velohelm».
Vor allem spricht die Comedienne, die auf Schweizerdeutsch performte («Ihr wollt nur 10 Millionen sein, aber alle sollen so reden»), über das Leben mit ihrem extrovertierten Mann Thomas Spitzer. Der lade dauernd Gäste ein, während sie, die Introvertierte, sich in die geschlossene Küche ihrer Kölner Wohnung zurückwünscht, in der sie in Ruhe Gemüse schnippeln konnte wie eine Hausfrau aus den 1950ern.
Angela Merkel mit Plastiktüte
Diese Sehnsucht nach Bodenständigkeit scheint echt. Dass sie ausgerechnet Angela Merkel sympathisch findet, die sich aus Imagegründen ebenfalls früh eine Stylistin zur Seite geholt hat, ist da die logische Konsequenz. In einer der eindrücklichsten Szenen der Show schildert sie eine Begegnung mit der alten Bundeskanzlerin am Flughafen. Merkel habe auf einer Bank, mit ihren Füssen baumelnd, auf einem No-Name-Tablet «Buchstabensalat» gespielt – eine Plastiktüte soll neben ihr gelegen haben. Sie werde, so Brugger, in Deutschland so lange Steuern zahlen, bis sich Seniorinnen eine vernünftige Handtasche leisten können».
Es gibt an diesem Abend gleich mehrere solcher Witze über das kriselnde Deutschland aus der Optik der gut situierten Schweizerin, die den typischen Schweizer als Wasserglacé beschreibt: cool, süss, eiskalt und mit einem Stock im Arsch. In Deutschland, so Brugger, sage jeder, was er denke. «Dieser Vibe gefällt mir.» Und sie setzt auf das Schweigen in Dübendorf hin nach:
Es ist ein Schlüsselmoment dieser Show, die zum einen wegen der schieren Grösse der Veranstaltungshalle nicht ins Laufen kommt, der es zum anderen an einer Schweizer Perspektive fehlt. Von einer Schweizerin, die die deutschen Steuern als Charity-Projekt auslegt, kriegt Brugger von den selbstbewussten Deutschen die Lacher geschenkt. In der Schweiz, über deren Bewohner bekannt ist, dass sie ihren Mitbürgern Ruhm selten gönnen und wo der nördliche Nachbar immer noch als Gefahr fürs eigene Selbstwertgefühl gesehen wird, bleibt sie unverstanden.
Stage Diving? Das müssen wir proben!
Dabei sind die Szenen, in denen Brugger die Schweizer veräppelt, noch das Beste an dieser insgesamt sehr biederen Show. Dem SRF habe sie für den ESC ein Stage Diving vorgeschlagen, um «die Ärsche der Wasserglacés zum Wackeln zu bringen». Erlaubt habe man es ihr nur, wenn sie den «Live-Moment in einer Unterhaltungsshow» dreimal probe – mit sechs Security-Männern.
An diesem Abend wird im Zürcher Kongresshaus Nik Hartmann am Prix Walo zum Publikumsliebling gewählt. Davor hatte die ebenfalls nominierte Brugger, unterstützt mit einer Sprachnachricht von Sandra Studer, bei ihrem Publikum noch um Stimmen geweibelt. Wie es scheint, vergebens.
Weitere Auftritte sind gemäss Management in Basel, Bern, St. Gallen und Genf in Planung. (aargauerzeitung.ch)

