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Gesprengter Bankomat in Stabio, im Mai 2019.
Gesprengter Bankomat in Stabio, im Mai 2019.Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Den Bankomat-Sprengern auf der Spur: Die Bundesanwaltschaft ermittelt in 30 Fällen

Eine Welle von Bankomatsprengungen überrollt die Schweiz. Bereits gab es Verhaftungen. Experten sprechen von Glück, dass bis jetzt keine Personen zu Schaden gekommen sind.
03.07.2021, 09:49
Kari Kälin / ch media

Die Tatzeit: mitten in der Nacht. Der Knall: gewaltig. Der Sachschaden: riesig. Die Beute: manchmal mehr als 100'000 Franken, manchmal auch gar nichts, wenn in den Trümmern nichts zu finden oder die Banknoten durch die Explosion zerfetzt oder verbrannt sind. Die Rede ist von Bankomatsprengungen, einem Phänomen, das in der Schweiz und Europa seit geraumer Zeit verstärkt um sich greift. Allein in den Jahren 2019 und 2020 jagten Täter entweder mit Sprengstoff oder Gas 46 Bankomaten in die Luft, wie das Bundesamt für Polizei (Fedpol) in ihrem Jahresbericht festhält.

Der zerstörerische Trend hält an. In den Monaten Mai und im Juni sorgten Fälle in den Kantonen Solothurn, Aargau und Zürich für Schlagzeilen. Im aargauischen Nussbaumen war die Detonation so gewaltig, «dass quasi die ganze Bank weggesprengt wurde», wie es eine Polizeisprecherin formuliert. Eine Frau, die in einer Wohnung ob der betroffenen Aargauer Kantonalbank wohnt, dachte an ein Erdbeben. «Das ganze Haus hat gewackelt», sagte sie gegenüber der «Aargauer Zeitung».

Carlo Bulletti, leitender Staatsanwalt des Bundes, führt die Abteilung Staatsschutz, Kriminelle Organisationen der Bundesanwaltschaft. Seine Abteilung ist rund um die Uhr auf Pikett und wird von der Polizei schnellstmöglich über die neueste Bankomatensprengung informiert. Das geht schnell: In Solothurn zum Beispiel piepste es auf dem Pikett-Smartphone der Bundesanwaltschaft bereits 20 Minuten nach dem «Chlapf» - mitten in der Nacht.

Ein paar Worte zu den Zuständigkeiten: Werden die Bankomaten mit Sprengstoff zertrümmert, landen die Fälle bei der Bundesanwaltschaft. Die Strafprozessordnung legt fest, dass Sprengstoffdelikte der Bundesgerichtsbarkeit obliegen. Bei den Sprengungen mit Gas hingegen bleibt die Fallführung in den Händen der kantonalen Untersuchungsbehörden.

Die Attacken sind lebensgefährlich

Die Wucht der Explosionen bereiten Bulletti Sorgen. «An den Tatorten zeigt sich immer ein Bild massiver Zerstörung», sagt der leitende Staatsanwalt des Bundes im Gespräch mit CH Media. «Die Täter legen hohe kriminelle Energie an den Tag und nehmen Personenschaden in Kauf.» Es sei ein Zufall, dass bis jetzt keine Personen zu Schaden gekommen seien.

In der Tat sind die hochexplosiven Attacken lebensgefährlich. «Durch die Sprengung können Trümmerteile durch die Luft geschleudert und allenfalls Passanten oder Autos getroffen werden - oder sogar durch eine Fensterscheibe in ein Wohnhaus gelangen und dort Personen schwer verletzen», sagte Thomas Schwarz, Geschäftsführer der Schwarz Spreng- und Felsbau AG, gegenüber TeleZüri. Anders als die Bankomatbomber sichern Profis jeweils einen Perimeter von mehreren hundert Metern Durchmesser ab, wenn sie ein Objekt sprengen.

Oft schieben die Täter einen vorbereiteten Sprengsatz in einen Schlitz beim Bankomaten. In der Regel verrichten sie ihr Werk in wenigen Minuten und befinden sich längst auf der Flucht, wenn die Polizei vor Ort eintrifft. «Sie wirken nicht hektisch, es scheint ihnen egal, wenn sie von Überwachungskameras gefilmt werden», sagt Bulletti. Manchmal halten auch aufgeweckte Nachbarn die Szenerie fest. Aufnahmen einer Frau zeigen, wie sich die Täter nach Überfall auf Bankomaten in Solothurn auf einen Motorroller schwingen und davonbrausen.

Kriminaltouristen aus der Banlieue

Zurücklehnen können sich die Bankomatbomber aber nicht. Die Fahnder des Bundes sind ihnen auf der Spur. Derzeit führt die Bundesanwaltschaft in 30 Fällen Strafverfahren zu Bankomatsprengungen. Die Rechtshilfe mit den europäischen Ländern klappe gut, sagt Bulletti. Das Gleiche gelte für die Zusammenarbeit mit den Kantonen, die in Rücksprache mit der Bundesanwaltschaft jeweils die ersten Ermittlungen vornehmen.

Mehrere verdächtige Personen wurden im In- und Ausland verhaftet, ein mutmasslicher Täter sitzt hierzulande in Untersuchungshaft. Nähere Details gibt Bulletti aus ermittlungstaktischen Gründen nicht preis.

Oft brechen die Täter aus der Banlieue von Lyon, manchmal auch Paris, zu ihren kriminellen Touren auf. Gemäss dem Jahresbericht des Fedpol, das im Auftrag der Bundesanwaltschaft ermittelt, stammen die Täter auch aus dem Balken, Rumänien, Moldawien und Nordafrika. Oft verwenden die Kriminaltouristen gewöhnliches Schwarzpulver, aber auch unkonventionellen Sprengstoff, TNT (Trinitrotoluol) oder sogar TATP (Triacetontriperoxid). Bisweilen wirken die Sprengsätze Marke Eigenbau ein bisschen improvisiert. Enorm bleibt das Schadenspotenzial.

In der Regel sind die Täter zu dritt oder zu viert unterwegs. Noch ungeklärt ist die Frage, ob sie untereinander in einer Art Bankomatensprengung-Holding kooperieren oder ob sie autonom als kriminelle Kleinzellen agieren. In der Schweiz schlugen die Täter bis jetzt in 15 Kantonen zu, häufig in Grenznähe, aber nicht nur.

Die durch das Schengener-Abkommen wegfallenden Grenzkontrollen erleichtern einerseits die Flucht. Andererseits steigt die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, wenn Täter im Schengener Informationssystem (SIS) ausgeschrieben sind.

DNA-Spuren auf Einbruchwerkzeug

In einem Fall kamen die Ermittler einem mutmasslichen Täter auf die Schliche, weil er auf Einbruchwerkzeug, entdeckt in der Nähe des Tatorts, DNA-Spuren hinterliess. Der Rumäne, der gemäss eigenen Angaben in Österreich eine Trockenbaufirma führt, befindet sich aktuell in Untersuchungshaft. Dem Mann wird vorgeworfen, am 12. Dezember 2019 um 01.33 Uhr in Sevelen im Kanton St. Gallen einen Bankomaten der Raiffeisenbank aufgesprengt und 126'600 Franken gestohlen zu haben. Der Sachschaden belief sich auf 100'000 Franken. Ein mutmasslicher Komplize sitzt in Dänemark in Haft.

Ganz Europa vermeldet vermehrt Bankomatensprengungen. Die durchschnittlich entwendete Summe beträgt gemäss «Tages-Anzeiger» pro Fall 28'000 Euro. Attacken in der Schweiz scheinen sich auch deshalb zu lohnen, weil den Tätern vergleichsweise eine hohe Beute winkt.

Das gilt auch in Deutschland. Im vergangenen Jahr entwendeten die Täter pro gelungenem Angriff durchschnittlich mehr als 100'000 Euro. Das Bundeskriminalamt verzeichnete im vergangenen Jahr 414 Sprengstoffattacken auf Bankomaten, 62 Prozent mehr als 2019. In 158 Fällen entwendeten die Täter insgesamt 17.1 Millionen Euro, die restlichen Versuche misslangen meistens, weil die Sprengung nicht klappte.

Mutmasslicher Täter bei Testsprengung getötet

Das Bundeskriminalamt ermittelte 168 Tatverdächtige. Zwei Drittel der Attacken gehen mutmasslich auf das Konto von niederländischen Kriminaltouristen, häufig mit marokkanischem Migrationshintergrund.

Mit ihren brachialen Methoden bringen sich die Täter auch selber in Gefahr. Im September 2020 explodierte in einer Lagerhalle im niederländischen Utrecht ein selbst gebastelter Sprengsatz unkontrolliert. Eine Person kam ums Leben, eine andere wurde verletzt. Beim Todesopfer handelte es sich um einen Bankomatensprenger, der schon mehrfach in Deutschland in Erscheinung getreten war. Das Unglück ereignete sich bei einem Test mit Explosivstoff, der mutmasslich für die Raubzüge auf die Bankomaten zum Einsatz kommen sollte.

Einige Banken schützen sich

Völlig hilflos ausgeliefert sind die Banken dem explosiven Treiben derweil nicht. Zunehmend würden Geldinstitute auf sein System setzen, sagt Peter Villiger. Die Prävention des Gründers der Firma Villiger Security im aargauischen Sins funktioniert so: Werden die Geldkassetten erschüttert, strömt Tinte aus, sodass die Scheine unbrauchbar werden. Da allerdings längst nicht jede Bank auf das Kassettensystem setze, prophezeit er der Schweiz gegenüber dem «Tages-Anzeiger» einen Anstieg von Bankomatensprengungen - zusätzlich befeuert durch die Coronakrise und die Arbeitslosigkeit.

Auf Villigers Produkte mit der Tinte setzen unter anderem Banken in Deutschland, Norwegen, Russland oder Mexiko und Chile. Zum Beispiel dort habe der Einsatz seines Sicherheitssystems die Sprengangriffe auf Bankomaten praktisch auf null gedrückt.

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