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Mein Morgenspaziergang – oder warum man niemals Velohosen tragen sollte

Ein halbes Jahr Mami-Zeit bedeutet ein halbes Jahr morgendliche Spaziergänge.



Die Menschen lassen sich ja ziemlich gut einteilen. Sie sind geradezu süchtig nach Kategorien, in die sie sich bereitwillig hineinbegeben, um sich im Dickicht der Identitäten zurechtzufinden. Es gibt die Raucher und die Nichtraucher, die Lesben und die Heteros, die Fleischesser und die Vegetarier, die Kaffee-Trinker und die Energy-Drink-Geniesser, man ist für oder gegen Clowns, man ist Team Migros oder Team Coop, entweder man mag Delfine oder man mag sie nicht, sagt ja oder nein zum Fotzhobel und was Velohosen angeht, dürfte überhaupt nur eine einzige Kategorie existieren:

Pure, nicht enden wollende Ablehnung gegenüber dieser gepolsterten Scheusslichkeit, die alles, was an einem Menschen unansehnlich ist, dermassen unheilvoll betont, dass man sich fragt, wie wir bloss dazu gekommen sind, uns bis auf 7,77 Milliarden Exemplare zu vermehren. Hätten alle Velohosen getragen, wäre das nicht passiert. Sie sind also höchstens als Instrument gegen die Überbevölkerung legitim.

Und dann gibt es da die Morgenmenschen, zu denen ich mich nie gezählt habe. Ich gehörte der Nacht, der Dunkelheit, lauernd auf alles Aufregende, was darin passieren mag.

Doch dann wird man älter. Und dann bekommt man ein Kind. Und das schreit erbarmungslos in deinen Morgen hinein. Und dann hast du diesen angebrochenen Tag und das unzufriedene Baby und musst das irgendwie kombinieren. Und das ist der Moment, wo du dich auf einmal draussen wiederfindest, wie du bei Sonnenaufgang den Kinderwagen durch die Gegend schiebst.

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Plötzlich begegnet man Menschen, die man früher nie sah, weil man sie verschlafen hatte. Es sind nicht viele, und fast alle haben Hunde. Oder sie haben graues Haar. Oder beides zusammen. Anfangs grüsste ich sie mit einem überschwänglichen «Guete Morge!». Es kam nur ein Nicken zurück.

Doch dieses Nicken bedeutet alles in jener Welt der verschworenen Morgengemeinschaft. Hier braucht man keine Worte. Worte sind verräterisch. «Aha, die ist neu im Club», denken sie sich jetzt. «Eine Besucherin. Kommt für einmal vorbei, um diese mystische Morgenstimmung in sich aufzusaugen. Sicher musste sie sich dafür extra einen Wecker stellen, hat sich dann aber doch noch zwei Snooze-Runden erlaubt und muss jetzt zu allem Übel auch noch ihre Präsenz so penetrant kundtun. Fehlt nur noch, dass sie pfeift.»

In jener kaum merklichen Kopfbewegung liegt die ganze Überlegenheit der frühmorgendlichen Spezies. Der Triumph über den Rest der Menschheit, der noch schläft. Der stumpf und flach daliegt und seine stumpfen und flachen Träume träumt. Der noch nicht aufgewacht ist.

Und so fahre ich über einen holprigen Feldweg, Fredi mag es, wenn es ihn so richtig durchschüttelt, auf diese Weise schlummert er allmählich ein, während die Sonne langsam über die Bergkette krabbelt. Vorerst streckt sie bloss die Arme aus, auch sie scheint noch müde, noch nicht sicher, ob der Tag sich lohnt. Doch er tut es und sie erhebt sich und strahlt mit ihrer ganzen feuerroten Wucht, bringt die Erde zum Leuchten und den Himmel zum Glühen und wer es wagt, sie direkt anzuschauen, erblindet, verbrennt.

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Der Weg macht einen Knicks und dann nochmal einen, endlich hab ich die Allmächtige im Rücken und wie zum Dank zaubert sie mir den längsten Schatten hin, den ich jemals spazieren führen durfte. Für einen kurzen Moment gibt es nur mich, den kleinen schlafenden Fredi und unseren gigantischen Schatten, wie wir durchs morgendliche Gold waten. Keine Menschenseele. Kein Nicken. Nur dieses Licht.

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Dann taucht sie am Horizont auf. Meine allmorgendliche Fata Morgana. In ihrem farbigen, leicht schimmernden 80er-Jahre-Trainingsanzug aus Fallschirm-Stoff. Jeder, der als Kind in einen solchen gesteckt wurde, weiss: Das Zeug ist so synthetisch, wenn es dich damit in der Turnhalle auf den Latz knallte, verbrannte der Stoff auf der Stelle. Und mit ihm gleich auch die Haut am Knie.

Dieser Mann aber fällt nicht hin. Dafür ist er viel zu langsam unterwegs. Sein Jogging-Stil ist im Grunde mehr ein unmotiviertes Stapfen, bei dem die allermeiste Bewegung im Gesicht passiert. Alles arbeitet dort daraufhin, seinen Anschiss gegen aussen zu tragen. Dort sammelt sich der geballte Widerwille, den er gegen die von seinen Beinen ausgehende körperliche Ertüchtigung hegt. Wie bloss kann man jeden Tag einen Kampf von solch beispielloser Brutalität mit sich selbst ausfechten?

Wie ein wandelnder Widerspruch schleppt er sich durch die Felder, als hingen an seinen Füssen hundert Kilo schwere Eisenkugeln und als schwinge hinter ihm ein Sklaventreiber die Peitsche. Und was tut die Sonne? Sie bringt seinen Trainingsanzug zum Glitzern, macht aus dem leidenden Mann eine glänzende Lichtgestalt.

Wahrscheinlich hat sie sich am Schauspiel der Menschheit allmählich sattgesehen, zu viele ihrer Taten bereits ausgeleuchtet, als dass sie solchen Szenen noch mit dem gebührenden Anstand zu begegnen vermöchte. Kein Wunder, führt sie sich nun auf wie ein höhnischer Lichttechniker.

Jetzt bemerkt mich der Mann und versucht, einen Zacken zuzulegen. Aus der Ferne sieht es fast so aus, als würde er mir zu verstehen geben wollen, dass er womöglich doch ein bisschen Spass an der ganzen Sache habe.

War das ein Lächeln?

Er träbelt an mir vorbei. Und als ich mich nochmal zu ihm umdrehe, ist er wieder in seinen lustlosen Schleppgang zurückgefallen.

Wenn es neblig ist, ahne ich seine Präsenz bloss. Ich spüre, dass er irgendwo unter diesem grauen Mantel seinen einsamen Kampf kämpft. Hemmungsloser als gewöhnlich, weil ihm niemand dabei zuschaut.

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Manchmal gehe ich Wege, die ich nie zuvor gegangen bin, nur um nicht zu wissen, was darunter liegt. Dann ist der Nebel ein bisschen wie Geschenkpapier – und plötzlich ist alles möglich. Tausend Jahre alte Mammutbäume. Ein Riesenrad. Das Meer.

Immer aber gehe ich zuerst an der verlassenen Villa vorbei. Die Fenster sind teilweise eingeschlagen, die Fassade blättert, die Holzbalken, die die vielen verspielten Nebendächlein tragen, sind morsch. Zuwendung hat sie schon lange keine mehr erfahren, doch noch immer ist ihre einstige Pracht nicht zu übersehen. Das mächtige Giebeldach ist verziert mit mosaikartigen, farbigen Dachziegeln, die man sonst nur auf Kirchen findet. 122 Jahre alt ist sie. Und niemand mag sich um die Betagte kümmern, weil es heisst, dass es in ihr spuke.

Ihr Erbauer war ein von Eifersucht zerfressener Industrieller. Er fürchtete so sehr, seine Gattin könnte sich in einen anderen verlieben, dass er die schöne Theodora erst ins Haus und später in den fensterlosen Dachstock sperrte. In der Tür brachte er eine Luke an, durch die er einmal im Tag ein Tablett mit Wasser, Brot und einer Banane schob. Die waren damals ein koloniales Luxusgut. Und Theodora hasste sie.

Nach dem Tod des Industriellen stand das Haus leer. Und irgendwann fanden die Kinder, die heimlich darin spielten, ein übel riechendes Fleischgemenge auf dem hölzernen Dachboden. Es war die schöne Theodora. Oder was von ihr übrig war. Um sie herum lagen unzählige Bananen – und keine von ihnen war faul oder hatte auch nur einen einzigen braunen Fleck.

Der Nebel ist dicht, aber ich sehe es beim Näherkommen trotzdem: Rauch steigt aus dem Kamin der Villa auf.

Auch Geister frieren.

Nein, Blödsinn. In der Villa ist natürlich niemand gestorben. Und ebenso wenig spukt es darin. Sie gehört einem reichen Sack, der sie abreissen lassen will, das aber nicht darf, weil der Heimatschutz sich schützend davor gestellt hat. Und nun lottert sie weiter vor sich hin.

Die Realität kann so banal sein.

Fredi brüllt. Ich bin auf dem Weg zum Friedhof. Bis dahin muss ich ihn ruhigbringen, ich kann doch das derart ungehemmt schreiende Leben nicht einfach so durch die Gräberreihen schieben. Oder doch? Die Toten würde es sicher nicht stören. Aber die Lebenden. Den Mann vor mir vielleicht. Er nimmt den Hut ab, bevor er durch das grosse Eisentor schreitet.

Und ich trage Trainerhosen. Mit Kotzflecken.

Fredis Gebrüll ist einem leisen Genöle gewichen. Jetzt dauert es nicht mehr lange, und der Kiesweg im Friedhof wird ihn endgültig zurück in den Schlaf holpern.

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Am Eingang hängt ein Schild, das dem Grab 44c und einigen anderen die Räumung androht. Auf Grab 44c wütet der Efeu, er rankt sich bereits von allen Seiten um den schlichten, natürlich geformten Grabstein. Hier ist kein Prunk. Keine Blumen. Keine Engelchen und keine Kerzen. Und das Moos hat zwanzig Jahre lang Zeit gehabt, den Namen zu überwuchern.

Hier kam schon lange niemand mehr zu Besuch. Vielleicht hat derjenige, der hier liegt, zu Lebzeiten zu oft Velohosen getragen. Oder seine Angehörigen sind auch schon tot. Vielleicht liegen auch sie hier an diesem friedlichen Ort, wo sich der Nebel wie eine warme Decke über die Toten legt. Und auf dem jüngsten ihrer Gräber liegen bestimmt frische Blumen.

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