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IS-Vormarsch

"Allah sei mit euch!" - Amerli feiert seine Befreier

04.09.14, 07:56

Die Bewohner Amerlis wollten sich eher umbringen als sich den IS-Terroristen zu ergeben. Nach 80 Tagen Belagerung wurde die irakische Stadt befreit. Der Jubel kennt keine Grenzen.

«Willkommen, willkommen! Allah sei mit euch, dass ihr uns das Leben gerettet habt!» - Hunderte Menschen drängen sich entlang der staubigen Landstrasse durch die irakische Kleinstadt Amerli, um Soldaten der irakischen Armee, schiitische Milizen und kurdische Peschmerga-Kämpfer willkommen zu heissen.

Der Hilfskonvoi, beladen mit Lebensmitteln und Wasser, rollt langsam in die Stadt hinein. Soldaten werfen Wasserflaschen zu den Kindern, die neben den Fahrzeugen der Befreier herrennen. «Wir glaubten, dass wir diesen Tag nie erleben würden. Wir fürchteten um unser Leben», sagt Ainur Mohammed. Zusammen mit ihren fünf Kindern schaut die Frau auf die Freudenszenen, sie hat Tränen in den Augen.

«Es waren schlimme Monate. Mein Mann und ich dachten schon daran, unseren Kindern das Leben zu nehmen, falls die Dschihadisten in Amerli eindringen sollten. Wir wollten verhindern, dass sie sie köpfen oder erschiessen, wie sie es in Mossul getan haben», sagt die Frau, ebenso verängstigt wie erleichtert.

Fotos und Küsse

Die Schüsse in die Luft werden zur Begleitmusik des Triumphzuges. Es gibt nicht einen einzigen Bewohner der Stadt, der den Sieg nicht auf der Strasse feiert. Einige Einwohner geben den Soldaten Wasser, fotografieren, umarmen und küssen sie.

Die Uniformierten danken für die Zeichen der Zuneigung. «Wir haben alle Dörfer rund um Amerli von Terroristen gesäubert und geschafft, dass sie sich zurückzogen. Diese Schlacht ist der erste grosse Sieg für uns, aber es wird nicht der letzte sein», versichert der Peschmerga-Hauptmann Nooraddin Sabir.

Der Albtraum hatte begonnen, als vor rund 80 Tagen Einheiten des Islamischen Staates (IS) den rund 150 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen und in seiner Mehrheit von Turkmenen bewohnten Ort umzingelten. Nach der Einnahme Mossuls, der zweitgrössten Stadt Iraks, herrschte unter den Einwohnern die nackte Angst.

Wenige Tage vor der Befreiung schlossen sie einen Pakt, dass sie gemeinsam Suizid begehen würden, sollten die radikalen Islamisten auch nur einen einzigen Fuss in die Stadt setzen. Sie hätten es vorgezogen, sich das Leben zu nehmen als bei einer Massenhinrichtung zu sterben oder zu Sklaven zu werden.

Bauern mit Waffen

Womit die Dschihadisten nicht gerechnet hatten, war der erbitterte Widerstand der Einwohner. Die Bewohner von Amerli, in ihrer Mehrheit Farmer und Kleinbauern, entschlossen sich im Juni, ihre Äcker liegen zu lassen und zu den Waffen zu greifen. Jeder Mann wurde zu einem Soldaten, und jeder Soldat wurde zur letzten Verteidigungslinie zwischen den Dschihadisten und der Zivilbevölkerung.

Zu Beginn der Kämpfe um Amerli kamen noch Hilfskonvois der irakischen Armee durch, bis dann die Landstrasse in die Hände der Islamisten fiel und die Einwohner auf ihre eigenen kargen Reserven an Nahrungsmitteln und Trinkwasser angewiesen waren.

Wasser aus Pfützen

«Nach und nach ging das Essen zur Neige und auch das Wasser. Die Konvois kamen nicht mehr, einmal warf irgendein Helikopter Lebensmittel ab», erinnert sich die 70-jährige Um Ahmad. Einer ihrer Enkel starb an Entkräftung. «Wir mussten abgestandenes Wasser trinken. Wasser aus den Pfützen. Viele haben das nicht vertragen und starben», erinnert sie sich.

Die Belagerung Amerlis kostete rund 20 Zivilisten das Leben. «Wir waren mehr als 50 Tage ohne frisches Wasser, ohne Strom, ohne Mehl für das Brot», erinnert sich Um Yosef, die sich einem mit Wasser beladenen Lastwagen nähert. Zwei Soldaten geben ihr zwölf Flaschen, die Frau weint vor Glück. Die Leute drängen sich vor den Fahrzeugen. Wasser, Essen - es kommt zu einem Gerangel, Stössen, die Soldaten müssen für Ruhe sorgen. Die Spannung ist zu fühlen, die Mägen knurren. (sda/dpa)



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