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Moira Whelan beim Interview in der US-Botschaft in Bern. Bild: watson

Interview mit US-Chefbeamtin Moira Whelan

«Wir sind überzeugt, dass unsere Social-Media-Aktivitäten die besten Seiten Amerikas zur Geltung bringen»

Moira Whelan ist im US-Aussenministerium für soziale Medien zuständig. Bei einem Besuch in Bern sprach sie mit watson über John Kerrys Twitter-Aktivitäten, digitale Diplomatie und die Affäre Snowden.



Erst einmal vielen Dank, dass Sie watson dieses Interview gewähren.
Moira Whelan:
 Es ist mir ein Vergnügen, und ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Mir gefällt Ihre Website sehr. Ich verstehe zwar nicht viel, aber das Layout ist toll. Die Art, wie Sie substanzielle mit gefälligen Inhalten verbinden, erinnert mich an Buzzfeed. Man versucht, die Leute anzulocken und ihnen gleichzeitig etwas zu vermitteln, aus dem sie lernen können.

Es freut uns, das zu hören. Aber zurück zu Ihnen: Was hat Sie in die Schweiz geführt? 
Ich bin nach Bern gekommen, um die neue Botschafterin Suzan LeVine zu unterstützen. Sie hat international für Aufsehen gesorgt, weil sie ihren Amtseid auf einem E-Reader abgelegt hat. Das gab es noch nie und wurde selbst in den USA registriert. Sie möchte vermehrt auf digitalem Weg mit der Schweizer Bevölkerung kommunizieren und hat uns um Rat gefragt, wie sie mit Vertretern der Zivilgesellschaft in Kontakt treten kann.

epa04249742 US Ambassador to Switzerland, Suzi LeVine poses with her eReader in Bern, Switzerland, 11 June 2014. The ambassador donated her eReader to the Museum for Communications. The Ambassador’s use of the electronic device for her swearing-in on 30 May 2014 caused an international stir.  EPA/LUKAS LEHMANN

Botschafterin Suzan LeVine mit ihrem E-Reader. Bild: EPA/KEYSTONE

Sind wir Teil einer ausgewählten Gruppe von Ländern, oder wollen sich die USA generell in diese Richtung engagieren?
Öffentliche Diplomatie ist seit Jahrzehnten ein Bestandteil unserer Vertretungen im Ausland. Unsere Botschafter haben sich stets bemüht, nicht nur mit dem jeweiligen Aussenministerium zu sprechen, sondern auch mit den Menschen des betreffenden Landes. Soziale Medien sind eine natürliche Fortsetzung dieser Programme. Dieser Prozess findet global statt.

«Das Aussenministerium betreut mehr als 500 Twitter-Konten. Jede US-Botschaft hat ihren eigenen Facebook- und Twitter-Account. »

Können Sie uns dies näher erläutern? 
Das Aussenministerium betreut mehr als 500 Twitter-Konten. Jede US-Botschaft hat ihren eigenen Facebook- und Twitter-Account. Einige machen noch mehr, sie sind auf YouTube, Flickr oder auch lokalen Netzwerken präsent, in China etwa auf Weibo. Im Hauptquartier in Washington unterhalten wir auf acht Plattformen eine offizielle Präsenz: Twitter, Facebook, Tumblr, YouTube, Flickr, Instagram, unserem hauseigenen Blog Dipnote. Nur auf Pinterest haben wir kein Konto.

Chefbeamtin für soziale Medien

Moira Whelan ist seit August 2013 als «Deputy Assistant Secretary for Digital Strategy» im US-Aussenministerium tätig. In ihre Zuständigkeit fallen unter anderem sämtliche Social-Media-Aktivitäten der Behörde. Zuvor war sie als Chefberaterin für das Ministerium tätig. 2004 arbeitete Moira Whelan für das Wahlkampfteam des damaligen Präsidentschaftskandidaten und heutigen Aussenministers John Kerry.

Was machen Sie konkret, können Sie Beispiele nennen?
Demnächst findet in Washington eine Konferenz statt mit Präsident Obama und 500 jungen afrikanischen Führungskräften. Später stossen Staatschefs aus ganz Afrika hinzu. Gleichzeitig veranstaltet die zuständige Staatssekretärin einen Chat auf Twitter mit jungen Menschen aus Afrika, um deren Wünsche und Ziele zu erfahren. Im Hauptquartier in Washington führen wir wöchentlich eine bis zwei solcher Konversationen durch. Weitere Aktivitäten finden über die Botschaften statt. Hier in der Schweiz unterstützte die Botschaft gerade ein Social Media Challenge Project. Sowohl der Präsident als auch die Vereinigten Staaten legen viel wert auf derartige Eigeninitiativen.

Letztes Jahr sorgte Aussenminister John Kerry für Aufsehen, als er sich für einen Hangout auf Google+ zum Thema Syrien zur Verfügung stellte. Gibt es weitere Pläne in diese Richtung?
Der Minister ist offen dafür. Er hat es geschätzt, sich auf diese Weise mit dem amerikanischen Volk über ein sehr ernstes Thema unterhalten zu können. Seither hat John Kerry weitere Chats durchgeführt, etwa mit dem Wissenschaftler und Fernsehmoderator Bill Nye zum Thema Weltmeere. Er hat Spass daran und ist auch der erste US-Aussenminister, der twittert.

Aussenminister John Kerry nimmt an einem Twitter-Chat teil. Bild: State Department

Macht er das wirklich selber?
Die Tastatur wird von jemand anderem bedient. Wir haben das offen kommuniziert. Der Minister ist aber involviert und weiss Bescheid, was in seinem Namen veröffentlicht wird. Es sind seine Worte und seine Ansichten. Ein bürokratischer Prozess steckt nicht dahinter (lacht).

Gibt es auch Beispiele für AMAs auf Reddit? 
Nicht unter der Ägide des Aussenministeriums. Aber es gab ein Ask-me-anything mit einem amerikanischen Diplomaten. Im Ministerium hatten wir davon keine Ahnung, und wir wissen bis heute nicht, um wen es sich handelt. Aber wenn wir es herausfinden sollten, würden wir dieser Person wohl eher einen Job anbieten, als sie zu bestrafen (lacht). Sie hat sich sehr offen und ehrlich geäussert. Wir haben Pläne, selber AMAs durchzuführen, sei es mit Botschaftern oder Leuten aus dem Ministerium.

«Ein US-Gesetz verbietet uns, für Werbung jeglicher Art Geld auszugeben. Es gab aber Versuche, unsere Anliegen auf sozialen Netzwerken durch Bezahlung zu verbreiten.»

Ein neues Schlagwort ist «digitale Diplomatie». Wie würden Sie dies umschreiben? 
Etwas vereinfacht könnte man sie als globale Konversation zu globalen Themen bezeichnen. Vor einiger Zeit fand in Stockholm erstmals eine Konferenz zu diesem Thema statt. Dort versammelten sich Vertreter der Aussenministerien zahlreicher Länder. Die USA waren genauso vertreten wie Kosovo, ein besonders interessantes Beispiel. Digital Efforts waren ein wichtiger Teil ihres Bestrebens, ein eigenständiger Staat zu werden. So hat Kosovo darauf bestanden, im Dropdown-Menü von Facebook zu erscheinen und als Heimatland ausgewählt werden zu können.

Wo stösst die digitale Diplomatie an Grenzen? 
Nun ja, man kann nicht alles mit 140 Zeichen ausdrücken (lacht). Aber wir können eine Mitteilung zu einem bestimmten Thema veröffentlichen und einen Ausschnitt auf Twitter posten, samt Link auf den vollständigen Text. Eine grössere Herausforderung ist die Vermittlung politischer Themen auf Instagram. Das x-te Foto eines Handschlags zweier Politiker ist nicht besonders einnehmend. Wir wollen einer breiten Öffentlichkeit mehr bieten. Aber es geht immer noch um Diplomatie und den Respekt vor unseren Kollegen aus anderen Ländern.

Sie ernten für Ihre Aktivitäten nicht nur Applaus. Letztes Jahr gab es eine Kontroverse, weil das Aussenministerium 600'000 Dollar für den Kauf von Facebook-Likes aufgewendet hat. 
Ein US-Gesetz verbietet uns, für Werbung jeglicher Art Geld auszugeben. Es gab aber Versuche, unsere Anliegen auf sozialen Netzwerken durch Bezahlung zu verbreiten. Das wird nun überprüft, und das besagte Programm haben wir meines Wissens gestoppt. Es ist ein Beispiel dafür, dass wir selber noch lernen müssen, uns in der Social-Media-Landschaft zurechtzufinden.

Nach den Snowden-Enthüllungen ist das Misstrauen gegenüber den USA gross, besonders in Europa. Haben Sie eine Social-Media-Strategie, um der Kritik zu begegnen? 
Unsere Position ist bekannt: Edward Snowden sollte sich der amerikanischen Justiz stellen. Gleichzeitig ist klar, dass wir diesbezüglich schwierige Fragen zu beantworten haben. Dies muss offen und transparent geschehen. Das Aussenministerium und das Weisse Haus halten täglich eine Pressekonferenz ab und stellen den Livestream ins Internet. Wir sind wahrscheinlich das einzige Land weltweit, das so verfährt.

Die Enthüllungen von Edward Snowden haben das Misstrauen gegenüber den USA geschürt. Bild: AFP

Vergangene Woche wurde bekannt, dass das US-Militär forscht, wie man Twitter und Facebook für Propagandazwecke nutzen könnte. Verspielen Sie da nicht Glaubwürdigkeit in den sozialen Medien? 
Als Präsident Obama sein Amt antrat, ordnete er an, dass jedes Ministerium eine eigene Präsenz in den sozialen Medien aufbaut. Regierungs-Accounts müssen transparent als solche gekennzeichnet sein. Wir sind authentisch und wollen das den Menschen zeigen. Aus demselben Grund machen wir auch die Livestreams. Nicht weil es unterhaltsames Fernsehen ist – wir wissen, dass es das nicht ist. Sondern weil es wichtig ist, dass die Menschen sehen, dass unbequeme Fragen gestellt werden und wir sie bestmöglich beantworten.

«Wenn wir uns in den sozialen Medien engagieren, dann sollen die Menschen wissen, dass wir es sind.»

Welche Rolle spielen soziale Medien für das US-Aussenministerium im zunehmend hektischen Nachrichtenfluss? 
Sie helfen uns, denn wenn wir etwa einen wichtigen Verhandlungserfolg erzielen, dann wollen wir diese Nachricht verbreiten. Alles andere wäre ohnehin unrealistisch, denn in Washington lässt sich kaum etwas geheim halten (lacht).

Was machen Sie mit negativen Kommentaren? Werden die gelöscht? 
Nein, es sei denn, sie sind vulgär, diskriminierend oder rufen zu Gewalt auf.

Sind das viele? 
Nein, nicht viele. Eine Handvoll. 

Russland setzt im Propagandakrieg mit dem Westen offenbar auch Trolle ein. Was halten Sie davon? 
Es ist eine Realität, aber wir mischen da nicht mit. Wenn wir uns in den sozialen Medien engagieren, dann sollen die Menschen wissen, dass wir es sind. Ein Beispiel ist die US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit USAID. Alles, was sie tut, trägt die Aufschrift «von der amerikanischen Bevölkerung». Manche finden das zu aufdringlich. Doch letztlich geht es um Transparenz: Wenn irgendwo in der Dritten Welt ein Brunnen gebaut wird und der US-Steuerzahler dafür aufkommt, dann haben die Leute vor Ort das Recht, dies zu wissen.

Der Wahlkampf in den USA ist enorm teuer geworden. Glauben Sie, dass soziale Medien irgendwann allen Kandidaten gleich lange Spiesse verschaffen werden?
Das geschieht bereits. Die Überzeugung, dass ein Individuum sich Gehör verschaffen und etwas bewegen kann, ist zentral für die amerikanische, aber auch die Schweizer Politik. Soziale Medien sind eine Ausweitung dieser Idee. Das gilt auch für unsere Aussenpolitik: Wir sind überzeugt, dass unsere Aktivitäten auf diesem Gebiet die besten Seiten Amerikas zur Geltung bringen.

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