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Julian Reichelt.
Julian Reichelt.Bild: keystone

Medien-Tornado in Deutschland – «Bild»-Chefredakteur von seinen Aufgaben entbunden

18.10.2021, 18:1919.10.2021, 12:50

Der Medienkonzern Axel Springer hat mit sofortiger Wirkung «Bild»-Chefredakteur Julian Reichelt von seinen Aufgaben entbunden. Das teilte das Unternehmen am Montag in Berlin mit.

Um das geht es:

In Deutschland brodelt es in der Medienwelt. Im Zentrum steht «Bild»-Chefredakteur Julian Reichelt, der gegenüber jungen Mitarbeiterinnen seine Macht ausgenutzt haben soll. Die «Bild» ist die mit Abstand am meisten verkaufte Zeitung Deutschlands.

Ein deutsches Investigativteam recherchierte dazu monatelang, doch die Veröffentlichung des Berichts wurde in letzter Sekunde gestoppt. Stattdessen wurden in einem ausführlichen Artikel der «New York Times» neue, schwere Vorwürfe gegenüber Reichelt erhoben. Am Montagabend veröffentlichte der «Spiegel» Auszüge aus der Ippen-Recherche. Eine Übersicht in 5 Punkten:

Der gestoppte Artikel

«Geplant war für Sonntagabend eine breite Veröffentlichung auf allen digitalen Plattformen des Netzwerks, in den sozialen Medien, über Push-Nachrichten und Newsletter sowie am Montag in Print auf einer Doppelseite der ‹Frankfurter Rundschau›.»
Protestbrief von Ippen Investigativ

Dieser Satz stammt aus einem Protestbrief von Ippen Investigativ. Vier Journalistinnen und Journalisten recherchierten dort über Monate über Machtmissbrauch gegen Frauen und weitere Missstände bei Axel Springer – insbesondere nahmen sie die Rolle des Chefredakteurs Julian Reichelt unter die Lupe. Zur Ippen-Gruppe gehören unter anderem die «Münchner Merkur» und die «Frankfurter Rundschau».

Die Ergebnisse der Recherche waren offenbar brisant, wie aus dem Protestbrief hervorgeht. «Unsere Recherche-Ergebnisse deuten auf Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer und durch den mächtigsten Chefredakteur Deutschlands hin.» An den Recherche-Ergebnissen bestehe «ohne jeden Zweifel» ein hohes öffentliches Interesse, schreiben die Journalistinnen und Journalisten. Pikant sei vor allem, dass weder juristische noch redaktionelle Gründe für den geplanten Stopp genannt worden seien.

Doch wieso wurde die von langer Hand geplante Veröffentlichung der Recherchen in letzter Sekunde gestoppt? Gemäss der «New York Times», die am Sonntag ebenfalls einen Artikel zu Axel Springer veröffentlichte, ist Verleger Dirk Ippen dafür verantwortlich, dass die Recherchen nicht veröffentlicht wurden.

Ein Ippen-Sprecher bestätigte gegenüber der «New York Times», dass der Verleger höchstpersönlich in letzter Sekunde das Veto eingelegt hat. Man habe vermeiden wollen, durch eine Veröffentlichung die wirtschaftlichen Interessen eines Wettbewerbers zu schädigen, begründete der Sprecher den Beschluss.

Neue Vorwürfe in der «New York Times»

Die deutschen Investigativ-Journalistinnen und -Journalisten durften ihre Recherche also vorerst nicht veröffentlichen. Am Sonntag ist jedoch bei der «New York Times» ein Artikel erschienen, der ebenfalls neues Licht auf das Arbeitsklima bei Axel Springer wirft.

Journalist Ben Smith hatte Einblicke in Aussagen, die eine ehemalige Bild-Praktikantin machte. Sie wurde von einer Anwaltskanzlei befragt, die von Axel Springer, der Mutterfirma von «Bild», beauftragt wurde, um das Arbeitsklima zu untersuchen.

Gemäss den Aussagen der Praktikantin hatten sie und Chefredakteur Julian Reichelt eine Affäre. Er war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt, sie 25. «Wenn die herausfinden, dass ich eine Affäre mit einer Praktikantin habe, werde ich meinen Job verlieren», soll Reichelt ihr im November 2016 erzählt haben.

Dennoch soll «der vielleicht mächtigste Redakteur Europas», so bezeichnet ihn die «New York Times», die Affäre mit der Praktikantin weitergeführt haben. Er habe sie in Hotel-Zimmern in Berlin Mitte getroffen und sie zeitgleich auf der Redaktion befördert.

«So läuft das immer bei Bild», sagte die Praktikantin den Ermittlern. «Wer mit dem Chef schläft, bekommt einen besseren Job.»

Die «New York Times» berichtet weiter, dass Reichelt eine einmalige Zahlung von 5000 Euro an die Praktikantin gutgeheissen habe. Allerdings verlangte er von ihr Stillschweigen darüber.

Des Weiteren liegen dem Journalisten gefälschte Scheidungspapiere von Reichelt vor, welche die Compliance-Abteilung von Axel Springer erhalten hatte.

Der Journalist der «New York Times» sagt, die Dokumente, die er habe einsehen können, würden ein Bild einer Unternehmenskultur zeichnen, die Sex, Journalismus und Cash kombiniert.

Axel Springer wird immer mächtiger

Der Fall Julian Reichelt ist für die «New York Times» deshalb von grossem Interesse, da Axel Springer auch in den USA immer mächtiger wird. Im Jahr 2015 kaufte das Unternehmen für 442 Millionen US-Dollar «Business Insider». In diesem Sommer schlug Axel Springer erneut zu und übernahm das Magazin «Politico» für eine Milliarde US-Dollar.

Die Ambitionen für Axel Springer sind hoch. Das Unternehmen wolle «der führende digitale Verlag in der demokratischen Welt werden», teilte ihr Chef Mathias Döpfner der «New York Times» mit. Die US-Zeitung schreibt denn auch, dass das deutsche Unternehmen immer mehr zu einem Hauptakteur sowohl in der globalen als auch in der US-Medienlandschaft werde.

Das sagen die Beschuldigten

Die Vorwürfe gegen Reichelt sind nicht neu. Bereits im März berichtete der «Spiegel» über das sogenannte «Reichelt-System». Der Chefredakteur habe Praktikantinnen via Instagram in Restaurants eingeladen, sie schnell befördert und sie ebenso schnell wieder fallen gelassen.

Reichelt wurde im März für eine Untersuchung befristet freigestellt. Bereits nach zwölf Tagen und dem Abschluss des Compliance-Verfahrens kehrte er jedoch wieder zurück. Das Unternehmen erklärte damals: «Entgegen der in einigen Medien kolportierten Darstellung gab es keine Vorwürfe und auch im Untersuchungsverfahren keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung. Julian Reichelt hat die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die oben genannten Vorwürfe jedoch bestritten und dies auch eidesstattlich versichert.»

In der Erklärung hiess es weiter, dass die «Fehler» durch «die enormen strategischen und strukturellen Veränderungen sowie die journalistischen Leistungen, die unter der Leitung von Julian Reichelt stattgefunden haben, aufgewogen werden».

Das Statement enthielt auch eine Entschuldigung Reichelts. «Ich weiss, ich habe im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen Fehler gemacht und kann und will das nicht schönreden. Was ich mir vor allem vorwerfe ist, dass ich Menschen, für die ich verantwortlich bin, verletzt habe. Das tut mir sehr leid.»

Am 18. Oktober folgt die Nachricht: Julian Reichelt wurde von seinen Aufgaben entbunden. Im Statement von Axel Springer heisst es: «Im Kontext jüngster Medienrecherchen sind dem Unternehmen seit einigen Tagen neue Anhaltspunkte für aktuelles Fehlverhalten von Julian Reichelt zur Kenntnis gelangt. Der Vorstand hat erfahren, dass Julian Reichelt auch aktuell noch Privates und Berufliches nicht klar trennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat. Deshalb hält der Vorstand jetzt eine Beendigung der Tätigkeit für unvermeidbar.»

Derweil bedankten sich «Bild»-Mitarbeitende am Montagabend bei «Bild»-Live ausführlich bei Reichelt.

Spiegel veröffentlicht Ippen-Recherche

Verleger Ippen konnte die Recherchen zwar stoppen, doch am Montagabend veröffentlichte der «Spiegel» Auszüge davon. Die Zeitung hatte Einblicke in die Recherche.

Der «Spiegel» schreibt: «Es geht um das Machtgefälle zwischen jungen Frauen und Deutschlands lange Zeit mächtigstem Boulevardjournalisten, um Sex, der zwar einvernehmlich war, aber augenscheinlich mit beruflichen Vor- und Nachteilen verbunden, um drängende Nachrichten mitten in der Nacht.»

So habe Reichelt der meistens nachts, aber auch aus Redaktionssitzungen Nachrichten geschrieben. «Noch wach?», hiess es in den Textnachrichten, oder «Ich will deinen Körper spüren».

Bei «Bild» habe man sich irgendwann an Reichelts Verhalten gewöhnt, schreibt der «Spiegel». So hätten es mehrere ehemalige Mitarbeiterinnen berichtet. Es sei vorgekommen, dass neue Volontärinnen angekündigt worden seien mit: «Vorsicht, das ist eine von Julian.»

Reichelt habe die Praktikantin mehrfach in Hotels zum Sex getroffen. In einem Fall habe er sie in Nachrichten dazu gedrängt. Sie sagte zu, da sie ihn nicht habe verärgern wollen und sich beruflich von ihm abhängig fühlte. Die Praktikantin gab auch zu Protokoll, dass sie Reichelt zunächst für vertrauenswürdig hielt und sich in ihn verknallt hatte.

Reichelt beförderte sie auf einen Posten, dem sie noch gar nicht gewachsen war. Sie war mit ihrer Position und ihrer Situation bei «Bild» überfordert, wurde krank und musste zur psychiatrischen Behandlung eine Klinik.

Im Frühjahr, als die externe Anwaltskanzlei Untersuchungen zu Reichelt durchführte, hinterliess ein Vertrauter Reichelts einen Hinweis bei der Frau: Wenn sich eine Anwältin bei ihr melde, solle sie besser nichts sagen. Sowohl die Compliance-Abteilung als auch der Vorstand wussten von diesem Vorfall.

Offenbar war das «System Reichelt» auf der «Bild»-Redaktion vielen bekannt. Der «Spiegel» beschreibt es wie folgt: «Jungen Frauen in seiner Redaktion näherte er sich demnach häufig nach demselben Muster: Er lobte sie für ihre Arbeit, vertraute ihnen verantwortungsvolle Aufgaben an oder hievte sie in Positionen, für die sie – teils auch nach ihrem eigenen Ermessen – nicht geeignet waren. Reichelt war für den weiblichen Nachwuchs Förderer und Verführer zugleich.»

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Realität vieler Frauen – sexuelle Belästigung und Altagssexismus

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