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In diesem und im nächsten Jahr könnten wegen der Coronakrise bis zu 6000 Jugendliche keine Lehrstelle finden, berechnen Forscher. bild: keystone

Bis zu 6000 Jugendliche könnten demnächst ohne Lehrstelle dastehen

Neue Berechnungen der Universität Bern zeigen: In der Coronakrise wird die Zahl der Lehrstellen einbrechen. Das raten Experten.

Niklaus Vontobel, Dominic Wirth / ch media



Zehntausende von Jugendlichen müssen inmitten der Coronakrise eine Lehrstelle suchen. Wie gross die Hindernisse sein werden, dazu gibt es nun von der Universität Bern eine erste Prognose. Diese beziffert die sogenannte Lehrstellen-Lücke: wie viele Lehrstellen bald fehlen.

Die Schätzung stützt sich auf Erfahrungen aus vergangenen Rezessionen und auf die Pro­gnose des künftigen Wirtschaftswachstums. Auf dieser Grundlage ist zu erwarten, dass dieses Jahr zwischen 2200 und 3000 weniger Lehrverträge unterschrieben werden als im Vorjahr. Das klingt zunächst nicht nach einem historischen Einbruch. Doch der Verlust wiegt umso schwerer, da über die Hälfte der Lehrstellen schon vor dem Lockdown besetzt war.

ZUR BERUFSAUSBILDUNG DER DETAILHANDELSFACHFRAU IM WARENHAUS MANOR STELLEN WIR IHNEN HEUTE, MITTWOCH, 10. FEBRUAR 2016, FOLGENDES NEUES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- A retail trade apprentice cuts a piece of cheese under the guidance of a fully trained employee, pictured in the food department of a Manor department store in Liestal in the canton of Basel-Landschaft, Switzerland, on November 12, 2015. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Gutes Handwerkt will gelernt sein. Bild: KEYSTONE

Von jenen gut 30000 Jugendlichen, die nach Ausbruch der Krise suchen müssen, könnten 8 bis 12 Prozent ohne Lehrstelle bleiben. Hätte nicht irgendwann im Spätherbst 2019 ein neues Coronavirus im fernen chinesischen Wuhan den Sprung auf den Menschen geschafft – sie hätten eine Lehrstelle gekriegt.

Jugendliche sollten weniger wählerisch sein dieses Jahr

Der Verlust an Lehrstellen könnte am Ende höher ausfallen, so Stefan Wolter. Der Professor an der Uni Bern sagt: «In den Zahlen, die wir analysiert haben, ist kein vergleichbarer Wirtschaftseinbruch zu finden. Das Ausmass ist dieses Mal grösser, das Timing schlechter.» Die Krise brach just in jenen Monaten aus, in denen die Betriebe über ihr Angebot an Lehrstellen entscheiden. Wolter rät darum: «In diesem Jahr sollten die Jugendlichen etwas weniger wählerisch sein, vor allem jene, die jetzt noch nichts haben.»

Eine Wende zum Besseren wird auf sich warten lassen. Im nächsten Jahr wächst die Wirtschaft zwar wieder, wenn die aktuellen Prognosen stimmen. Jedoch wird es länger dauern, bis die Betriebe wieder mehr Lehrstellen schaffen. Auch 2021 werden 2000 bis 3000 Lehrverträge weniger unterschrieben.

Carlo Gomes, apprentice miller with a specialization in animal food, pictured on June 13, 2012, at the

Der eine oder andere muss vielleicht auf die gewünschte KV-Lehrstelle verzichten. Bild: KEYSTONE

Nicht nur auf dem Lehrstellenmarkt tun sich Lücken auf. Auch für junge Leute, die ihre Lehre oder ihr Studium abschliessen, könnten Jobs knapp werden. So ist bei Jobcloud, das das Stellenportal jobs.ch betreibt, die Zahl der ausgeschriebenen Stellen seit Mitte März eingebrochen. In der Deutschschweiz beträgt der Rückgang 30, in der Westschweiz gar 40 Prozent. Stellenausschreibungen, die sich an Anwärter ohne Berufserfahrung richten, seien noch stärker betroffen.

Bei Talendo, einer Plattform, die sich an Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss wendet, haben sich die Traffic-Zahlen verdoppelt. Das sei ein Hinweis darauf, dass bei den Studierenden eine gewisse Nervosität herrsche, so Geschäftsführer Tim Ruffner. Doch gebe es dafür keinen Anlass: Die Zahl der Praktikumsplätze, die insbesondere von Grossunternehmen auf seiner Plattform angeboten werden, sei stabil. «Dasselbe gilt für Einstiegsstellen», sagt Ruffner. Zumindest für Hochqualifizierte bestätigt sich der Negativtrend also nicht.

«Der Lohn darf nicht das erste Kriterium sein»

Daniel Reumiller ist Präsident der Schweizerischen Konferenz der Leiter der Berufs- und Studienberatung. Er sagt, wenn der Arbeitsmarkt einbreche, bekämen das junge Leute ohne Berufserfahrung besonders zu spüren. Er rät zu Flexibilität. «Der Lohn sollte nicht das erste Kriterium sein.» Man müsse Erfahrung sammeln, wenn nötig vorübergehend in einer anderen, von der Rezession weniger betroffenen Branche. So könne man künftigen Arbeitgebern zeigen, dass man die Zeit genutzt habe – vielleicht auch mit einem eigenen Projekt.

Ein Lehrling bei der Arbeit an der Maschine im Unterricht an der Abteilung Lehrwerkstaette fuer Moebelschreiner an der baugewerblichen Berufsschule Zuerich, aufgenommen am 4. Maerz 2003. (KEYSTONE/Gaetan Bally) : FILM]

Erfahrungen sammeln als oberstes Gebot. Bild: KEYSTONE

Die Krise ist bei den Jugendlichen angelangt. «Es ist schon zu Entlassungen gekommen», sagt Michael Siegenthaler. Der Arbeitsmarktexperte der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich stützt sich auf die Statistiken zu Jugendarbeitslosen. Im März mussten sich rund 3000 Jugendliche mehr bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren melden als vor einem Jahr. Das entspricht einem Anstieg um 26 Prozent. Diese Zahlen zeigen das Bild nach zwei Wochen im Lockdown. Seither dürfte die Jugendarbeitslosigkeit weiter angestiegen sein.

Es sind besondere Zeiten, und das wirkt sich auf die Stellensuche aus. Absolventenkongresse finden online statt, Vorstellungsgespräche nur auf ­Skype oder Zoom. Darum bieten Fachhochschulen oder Universitäten nun Coachings an, um die Studenten auf das Bewerben in Coronazeiten vorzubereiten.

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Seebarsch 01.05.2020 22:21
    Highlight Highlight Ein Grund warum ich den Lockdown für einen Fehler halte
  • HugoBalls 01.05.2020 18:52
    Highlight Highlight Weniger wählerisch? Kann ich nicht unterschreiben. eine Lehre geht mind. 3 Jahre und viele bleiben dann auf dem Beruf - ein Leben lang. Lieber eine Lehre finden die einem auch Freude bereitet.
    • Pat the Rat, einfach nur Pat the Rat 01.05.2020 22:47
      Highlight Highlight Ich sehe das ein bisschen anders. Lieber einen Abschluss in der Tasche und auf dem 2. Bildungsweg einen anderen Beruf (Wunschberuf) lernen als mit leeren Händen dastehen...
    • HugoBalls 02.05.2020 11:37
      Highlight Highlight Die Realität sieht doch anders aus. Wer hat nach der ersten Lehre bock, nochmals eine Lehre zu machen?
  • Selbstverantwortin 01.05.2020 17:40
    Highlight Highlight Und bis vor kurzem bekam man hier sehr viele Blitze, wenn man vor den Folgen des zu langen Lockdowns und zu langsamer Öffnung warnte. Wahrscheinlich jetzt noch.
    Statt Selbstverantwortung zuzulassen, wurde viel Schaden erzwungen.
  • tina76 01.05.2020 15:08
    Highlight Highlight Sehr schwierige Situation für die Jungen. Ich hoffe, dass sich die Situation schnell verbessert und vielleicht mehr Unternehmen eine Lehrstelle anbieten.
  • Scrj1945 01.05.2020 14:03
    Highlight Highlight Weniger wählerisch sein? Es geht wenigstens darum, was man die nächsten drei jahren für einen beruf erlernen will. Da sollte man schon was wählen, was einem auch spass macht. Sonst liest man dann bald mal „so viele lehrabbrüche wie nie zuvor“. Darauf folgen dann die kommentare der älteren generationen „die jungen sind einfach faul und halten nicht durch“. Darum sollte man eine lehre machen die einem zusagt und nicht einfach irgendet etwas!

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