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Die Klimastreik Bewegung präsentiert am Freitag einen Klimaaktionsplan mit konkreten Massnahmen. bild: screenshot

Interview

«Die Politik sollte diesen Klimaaktionsplan sehr ernst nehmen»

Auf fast 400 Seiten hat die Klimastreik-Bewegung am Freitag einen Aktionsplan mit konkreten Massnahmen präsentiert. Daran mitgeschrieben hat Felix Nipkow, Experte für erneuerbare Energien. Warum die Politik die Forderungen ernsthaft diskutieren muss, erklärt er im Interview.



Herr Nipkow, Sie haben am 383-seitigen Aktionsplan der Klimastreik-Bewegung als Experte mitgearbeitet. Haben Sie da die Klima-Bibel erschaffen?
Felix Nipkow:
Von Bibel würde ich sicher nicht reden. Es ist ein grosser Strauss an verschiedenen Massnahmen, die man in einem nächsten Schritt evaluieren muss. Die Politik sollte diesen Klimaaktionsplan sehr ernst nehmen.

Einige der Massnahmen sind sehr radikal. Autos sollen aus den Städten verschwinden. Privatjets und Kurzstreckenflüge sollen verboten werden und Schweizer Unternehmen sollen nicht mehr mit fossilen Brennstoffen handeln dürfen.
Der Klimaaktionsplan ist nicht ein fertiges Rezept, das nun Schritt für Schritt angewendet werden kann. Ich bin nicht der Meinung, dass man jede einzelne Massnahme so umsetzten muss, wie sie im Plan steht. Aber es braucht mutige Ideen. Sonst bewegen wir uns nie in die richtige Richtung.

Muss man wirklich Autos aus den Städten verbannen, um das Klima zu retten?
Es schadet nicht, Ziele aufzuschreiben, die womöglich noch in weiter Ferne liegen. Aus wissenschaftlicher Sicht sind starke Massnahmen nötig, sonst werden wir die internationalen Klimaziele, derer sich die Schweiz verpflichtet hat, nicht erreichen. Starke Massnahmen bedeuten aber nicht zwingend, dass wir uns einschränken müssen. Sie können auch eine Chance sein.

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Felix Nipkow ist der Fachbereichsleiter erneuerbare Energien bei der Schweizerische Energie-Stiftung SES. bild: zvg

Zum Beispiel?
Beim Auto- und Flugverkehr zeigt sich das gut: Wenn man weniger fliegt, bedeutet das ja nicht, dass man ein weniger schönes Leben hat. Und autofreie Städte verbessern die Lebensqualität, als dass sie sie verschlechtern. Zudem schafft beispielsweise der Ausbau von erneuerbaren Energien sehr viele neue Arbeitsplätze. In vielen Bereichen steckt enormes Potenzial für die Wirtschaft.

Ihr Arbeitgeber die Schweizerische Energie-Stiftung beschäftigt sich seit 41 Jahren mit erneuerbaren Energien und der Energiewende. Warum braucht es erst viele wütende junge Menschen auf den Strassen, bis etwas passiert?
Begriffe wie Klimawandel und Energiewende gibt es in der Tat schon sehr viel länger als die Klimabewegung. Aber sie nimmt eine enorm wichtige Rolle ein und hat einiges ausgelöst.

«Ich habe beim CO2-Gesetz lieber den Spatz in der Hand. Das heisst aber noch lange nicht, dass die Taube auf dem Dach schon weggeflogen ist.»

Auch auf politischer Ebene?
Auf jeden Fall. Vor der Klimastreik-Bewegung wurde das CO2-Gesetz im Parlament regelrecht zerfleddert und am Schluss ganz abgelehnt. Die nationalen Klimademos haben den Druck erhöht, so dass eine Verbesserung gegenüber dem Status Quo erreicht werden konnte.

Gegen das CO2-Gesetz wurde das Referendum ergriffen –neben Wirtschaftsverbänden und bürgerlichen Parteien auch von Teilen der Klimastreikbewegung. Letztere lehnen die Gesetzesrevision ab, weil sie zu ungenügend und zu wenig ambitioniert sei. Sie auch?
Das neue CO2-Gesetz ist ein Fortschritt gegenüber dem, was wir jetzt gesetzlich verankert haben. Aber es wird nicht reichen, um der Klimakrise Herr zu werden.

Klimaaktivisten demonstrieren waehrend der Aktionswoche Rise up for Change auf dem Bundesplatz, am Dienstag, 22. September 2020, in Bern. Die Klimabewegung kuendigt weitere Aktionen gegen die institutionelle Politik, Wirtschaftselite und den Finanzplatz waehrend der Woche an. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Die Klimastreikbewegung habe sehr viel ins Rollen gebracht, sagt Energie-Experte Felix Nipkow. Bild: keystone

Sie werden also ein Ja in die Urne legen.
Ja. Das Gesetz bildet ein gutes Fundament, auf dem man aufbauen kann. Es ist besser als nichts. Ich habe lieber den Spatz in der Hand. Das heisst aber noch lange nicht, dass die Taube auf dem Dach schon weggeflogen ist.

Sie haben sich im Klimaaktionsplan mit der Energieversorgung befasst. Wenn Sie der Schweiz in Sachen erneuerbaren Energien eine Schulnote geben müssten ...
Dann wäre die sehr tief. Nicht höher als eine Zwei. Die Schweiz steht im europäischen Ländervergleich auf den letzten Plätzen. Bei der Wind- und Solarenergie sind wir unglaublich langsam unterwegs. Die Politik tut sich sehr schwer damit.

Im Bereich der Wasserenergie war die Schweiz einst Vorreiterin. Wie kommt es, dass wir uns die Poleposition vermasselt haben?
Unsere Grossväter haben viel in den Aufbau von Wasserkraftwerken investiert. Das hat sich im Nachgang unglaublich gelohnt und war ein enorm wichtiges Fundament. Danach kam die Atomenergie, die aber aus bekannten Gründen nur kurzfristig ein vermeintlicher Erfolg war. Ab dann hat man sich auf den Lorbeeren ausgeruht und den Anschluss verpasst. Obwohl bereits vor dreissig Jahren klar war, dass Erdöl und Erdgas keine Zukunft haben werden, hat man nicht damit begonnen, die Alternativen auszubauen.

«Bei der Wind- und Solarenergie sind wir unglaublich langsam unterwegs. Die Politik tut sich sehr schwer damit.»

Welche Massnahmen braucht es denn, dass die Schülerin Schweiz ihre miserable Note verbessern kann?
Es braucht dringend finanzielle Anreize für den Ausbau von erneuerbaren Energien. Eine weitere zentrale Massnahme im Klimaaktionsplan ist die Solarpflicht auf Dächern. Hätte man vor 20 Jahren mit dem Ausbau begonnen, hätten hier ebenfalls Anreize geholfen. Aber nun reichen Anreize nicht mehr. Es braucht Massnahmen, die über finanzielle Anreize hinausgehen.

Wie realistisch sind diese Massnahmen?
Mit wirkungsvollen Massnahmen können wir die Klimaziele erreichen und die Abhängigkeit von importieren Energieträgern loswerden. Die vorgeschlagenen Forderungen sind technisch gut umsetzbar. Im Juni will der Bundesrat dem Parlament das überarbeitete Energiegesetz präsentieren. Dann werden wir sehen, was mehrheitsfähig ist – und was nicht.

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