Der SpaceX-Börsengang zeigt: Der Kapitalismus ändert seine Regeln für Elon Musk
Es ist ein Rennen der Börsengänge, das war schon seit Monaten klar. Elon Musks unternehmerisches Universum, SpaceX, plante den Börsengang in diesem Jahr seit Monaten, ebenso wie die KI-Firmen OpenAI und Anthropic.
Analystinnen und Analysten schätzen, dass die Finanzmärkte für die drei Unternehmen etwa 135 Milliarden US-Dollar aufbringen werden: SpaceX hat im Zuge seines Börsengangs gerade 75 Milliarden US-Dollar eingenommen, bei OpenAI werden es gemäss Schätzungen 44 Milliarden und bei Anthropic 19 Milliarden US-Dollar sein. Damit ist es ein Rennen um frisches Kapital, solange der KI-Hype anhält. Womöglich ist es aber auch ein Rennen gegen die Zeit: Weil keines der Unternehmen bisher schwarze Zahlen schreibt, soll neues Geld her, bevor das alte aufgebraucht ist.
SpaceX gewinnt das Rennen nun also. Und bietet damit quasi jedermann und jederfrau die Möglichkeit, am Unternehmenserfolg teilzuhaben. Für einige ist der Börsengang daher der Beweis, wie gut Kapitalismus immer noch funktioniert.
Was ist ein IPO?
IPO bedeutet Initial Public Offering und beschreibt den Börsengang eines Unternehmens. Dieses bietet an jenem Stichtag zum ersten Mal seine Aktien zum öffentlichen Verkauf an. Für das Unternehmen bietet der Börsengang die Möglichkeit, neues Kapital aufzunehmen und mehr Prestige zu erlangen.
Mit dem Börsengang wird ein Unternehmen vom Privatunternehmen zur Aktiengesellschaft, auch Publikumsgesellschaft genannt. Damit gehen auch mehr Pflichten für das Unternehmen einher. So muss es zum Beispiel ein gewisses Mass an Transparenz einhalten: strengere Kontrollen und die Veröffentlichung regelmässiger Geschäftsberichte bzw. Finanzergebnisse.
Von Elon Musk kann man halten, was man will. Aber der Südafrikaner hat vieles, was bis vor kurzem unmöglich erschien, möglich gemacht: den Bau wiederverwendbarer Raketen und eine drastische Senkung der Kosten für den Zugang zum Weltraum ebenso wie eine Revolution des weltweiten Internetzugangs mit Starlink oder eine greifbare Vision zu Datenzentren im Weltraum oder der Besiedelung des Mars.
Kapitalismus, so das Argument, dreht sich im Kern um Innovation, die geschickte Allokation von Kapital und das Eingehen von Risiken, um etwas zu erschaffen, wovon die meisten von uns nicht einmal zu träumen wagen. SpaceX vereint all das, und mit dem Börsengang kann die Allgemeinheit nun daran teilhaben. Das Wunderbare am Kapitalismus sei, so der Economist, dass er die Talente von Musk und den SpaceX-Angestellten nutzen könne, «um etwas Aussergewöhnliches zu schaffen». Und: «Während seine Investoren das Risiko tragen, kann sich der Rest der Menschheit auf eine spannende Reise begeben.» SpaceX sei daher «Kapitalismus auf Raketentreibstoff».
Nun kommt es natürlich darauf an, was man unter Kapitalismus überhaupt versteht. Bei einem perfekten Markt herrscht nach kapitalistischer Logik die freie Marktwirtschaft. Ein genauer Blick auf diesen ungewöhnlichen Börsengang zeigt aber: Musk hat die «normalen Regeln» des freien Marktes stark beeinflusst, und auch sonst ist am SpaceX-Börsengang genau gar nichts, aber wirklich auch überhaupt nichts, normal.
Ungewöhnlicher Börsengang
Das Ungewöhnliche beginnt bereits hier: Wie SpaceX bekannt gab, würde das Unternehmen die Aktien für 135 US-Dollar pro Stück verkaufen, statt – wie normalerweise üblich – eine Spannweite für den Preis anzugeben. Damit war der Preis fix, bevor SpaceX begann, die 555,6 Millionen Aktien unter die Anleger zu bringen. Offenbar liess das Unternehmen zudem verlauten, man würde ab Mittwoch keine Anfragen für Aktien mehr annehmen – einen Tag früher als normalerweise. Das gab SpaceX einen ganzen Tag, um darüber zu entscheiden, wer Aktien kriegen sollte und wer nicht. Ab Freitagnachmittag (Schweizer Zeit) werden diese dann beim Hauptevent des Börsengangs an der Nasdaq, der Technologiebörse in New York, zum ersten Mal zum Handel angeboten.
Marktkonzentration statt Wettbewerb
Ungewöhnlich ist zudem die schiere Dimension des Börsengangs eines (noch) nicht rentablen Unternehmens, der alleine auf Spekulation basiert, sprich: auf einer Wette auf die Worte des reichsten Mannes der Welt und die von ihm erwarteten zukünftigen Gewinne. Sollte SpaceX seine angestrebte Unternehmensbewertung von 1,8 Billionen Dollar erreichen, würde das Unternehmen sofort zu einem der wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt werden – obwohl es mit einem Umsatz von 19 Milliarden Dollar nur an 200. Stelle steht. Noch nie sind bei einem Börsengang Marktbewertung und reale Wertschöpfung derart auseinandergegangen.
SpaceX, OpenAI und Anthropic werden deshalb so viel Geld anziehen, weil Investoren weltweit einen Teil des (KI-)Kuchens wollen. Allerdings: Das Geld muss von irgendwoher kommen. Es wird darum spekuliert, dass es dafür andernorts abgezogen wird: aus Aktien, Anleihen, Obligationen oder dem schwächelnden Bitcoin. Das führt zu einer noch stärkeren Konzentration von Kapital, als es ohnehin schon der Fall ist: Die «Magnificent 7» (Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla) dominieren bereits jetzt das Marktgeschehen sowie viele Börsenindizes. Gleichzeitig wird das IPO Elon Musk wohl zum Billionär machen. Der «Kapitalismus auf Raketentreibstoff» befeuert also die Markt- und Vermögenskonzentration.
Das Problem der Beurteilung
Innerhalb von SpaceX gibt es eine weitere Besonderheit: Nur eine der drei Sparten, die SpaceX unter sich vereint, ist derzeit profitabel: das Satellitennetzwerk Starlink, der absolute Diamant in der Sammlung. Es ist das am schnellsten wachsende Telekomunternehmen der Welt und in einigen Teilbereichen praktisch konkurrenzlos. Die anderen beiden Sparten, die Künstliche Intelligenz (xAI) sowie die Raumfahrtssparte («Space» genannt), schreiben hohe Verluste.
Der Überblick über die Bücher bei SpaceX ist dabei gar nicht so einfach. So hat Musk, nachdem er den Kurznachrichtendienst Twitter gekauft und in X umbenannt hatte, diesen später in das KI-Unternehmen xAI integriert. Twitter, also X, hatte in der Zwischenzeit die Hälfte des Wertes, zu dem es gekauft wurde, verloren. Etwas später inkorporierte er xAI wiederum in SpaceX. Experten und Analystinnen warnen potenzielle Anleger auch deshalb zur Vorsicht: SpaceX ist zurzeit ein einziges «Mischmasch», das einzelne Sparten quersubventioniert und sich bisweilen auch die eigenen Aufträge zuschanzt. Für Musk selbst gehört diese «Integrationsstrategie» zu den Vorteilen von SpaceX, sie sei ein «entscheidender Motor für den Fortschritt der Unternehmen». Kritiker weisen jedoch daraufhin, dass es so ungleich schwerer ist, den wahren Wert der einzelnen Firmen zu beurteilen.
Staatliche Subventionen
Ein weiterer Punkt, der mehr schlecht als recht in das Kapitalismus-Narrativ passt, ist die Rolle des Staates. Elon Musk hat bekanntlich eine komplizierte Beziehung zum Staat. So hat er als Chef «Abteilung für Regierungseffizienz», bekannt als DOGE, für die amerikanische Regierung Tausende von Stellen streichen lassen – angeblich wegen Ineffizienz. Dabei wären Teile seiner Unternehmen ohne staatliche Subventionen – zumindest im Falle von SolarCity, Musks Solarpanel-Unternehmen, sowie Tesla, die jedoch nicht zu SpaceX gehören –, Grundlagenforschung und Aufträge nicht so erfolgreich.
SpaceX bietet Regierungen (und Unternehmen) weltweit den Zugang zu seinen Raketenstartkapazitäten, dem satellitengestützten Internetdienst Starlink und verschiedenen Produkten im Bereich der künstlichen Intelligenz an. Wie das Unternehmen sogar selbst schreibt, hängt sein Geschäft massgeblich von Aufträgen insbesondere durch den amerikanischen Staat ab: «Im Jahr 2025 stammte etwa ein Fünftel unseres Umsatzes von Behörden der US-Bundesregierung.»
Die Washington Post schreibt dazu:
Macht statt Wirtschaftlichkeit
Der Börsengang von SpaceX zeigt nicht zuletzt exemplarisch, wie uneben das Spielfeld ist, wenn es um ganz, ganz viel Geld geht. In letzter Zeit mehrten sich die Stimmen aus den Medien und von Analystinnen und Experten, die vor einer Investition in SpaceX-Aktien warnen. Einerseits wegen der (möglichen) krassen Überbewertung des Unternehmens. Andererseits, weil man den Börsengang auch so betrachten kann: Elon Musk führt SpaceX genau so an die Börse, dass maximal viel Geld umverteilt werden könnte, und zwar von unten nach oben. So zumindest beschreiben es die viel beachteten Beiträge der Plattform A More Perfect Union, das sich auf Einschätzungen eines «Financial-Times»-Journalisten beruft, oder des irischen Finanzyoutubers Patrick Boyle.
Das, was mit dem sogenannten «Pump-und-Dump-Schema» verglichen wird, geht so: Zunächst wird der Kurs einer Aktie künstlich weit über seinen tatsächlichen Wert hinaus in die Höhe getrieben. Später verkaufen die Insider – also die ursprünglichen Investoren und Aktionäre, also Musks Entourage – auf dem Höchststand, was den Aktienkurs sinken und die übrigen, kleineren Investoren, auf Verlusten sitzen bleiben lässt.
Dazu passt einerseits, dass man Musk vorwerfen kann, die Aktie künstlich knapp zu halten. Denn normalerweise bringt ein Unternehmen zwischen 10 und 30 Prozent seiner Aktien an die Börse, den sogenannten Free Float. Bei SpaceX sind es hingegen bloss vier Prozent, was aussergewöhnlich ist.
Gleichzeitig vergab Musk einen ungewöhnlich grossen Teil dieser Aktien an private Anleger, im Gegensatz zu institutionellen Anlegern. Das kann zwei Dinge bedeuten: Einerseits können private Anleger in der Regel weniger gut prüfen, wie rentabel ein Unternehmen und daher wie gerechtfertigt der Aktienpreis ist. Und andererseits sind viele Kleinanleger womöglich weniger kritisch, wenn es um die Kontrolle durch die Aktionäre geht – zumal zahlreiche davon grosse Musk-Fans sein dürften.
Tricks, Tricks, Tricks?
Hinzu kommt aber noch etwas anderes, was den Preis der SpaceX-Aktie weiter in die Höhe treiben dürfte: SpaceX hat veranlasst (wie genau, ist unklar), dass die Aktie viel früher als üblich in diverse Indizes, die gewisse Märkte als Ganzes abbilden sollen, aufgenommen wird – und zwar nach 15 Tagen statt nach einem Jahr. Das bedeutet, dass SpaceX-Aktien fast sofort in einigen der Indexfonds auftauchen würden, die landesweit als Grundlage für Aktienportfolios dienen, was die Nachfrage zusätzlich boosten wird. Und: Damit werden alle, die an diesen beteiligt sind, zum Beispiel Pensionärinnen und Pensionäre, automatisch Miteigentümer von SpaceX. Der S&P 500, der andere grosse US-Index, verwehrte Musk hingegen einen solchen «Fast Entry» und erklärte, er werde an seinen Fristen und Regeln festhalten, wonach neue Mitglieder zunächst Gewinne erwirtschaften müssen. Das dürfte mit ein Grund sein, weshalb SpaceX im Nasdaq gelistet sein wird und nicht im S&P 500.
Alles in allem wird damit erwartet, dass der Preis der SpaceX-Aktie also Tage nach dem Börsengang einen weiteren Boost erhalten wird. Und dann? Die ursprünglichen Investoren könnten an diesem Punkt verkaufen und ihr Vertrauen in Musks Firmen endlich monetarisieren und viel Geld auf Kosten von anderen Anlegern erzielen. Doch: Normalerweise bleibt es den sogenannten Insidern verwehrt, ihre Aktien innerhalb der ersten 180 Tage zu verkaufen.
Bei SpaceX ist dies – natürlich – anders. Während für Elon Musk zwar eine Sperrung von 366 Tagen gilt, dürfen andere frühe Investoren ihre Aktien zu gestaffelten Zeitpunkten zum Teil schon nach drei Monaten verkaufen. Dadurch dürfte ein erster Taucher der Aktie verhindert werden, der typischerweise aufgrund des Ablaufs der 180-tägigen Sperrfrist entsteht. Durch die Staffelung wird generell erwartet, dass der Aktienkurs über längere Zeit stabil gehalten wird. Was jedoch über diese Zeit hinaus mit der Aktie passiert, kann derzeit niemand einschätzen.
Im Zuge seines Börsengangs hielt SpaceX durch eine Klausel fest: Investoren, Pensionsfonds und sogar Banken können keine Sammelklage einreichen, um die genannten Insider zur Rechenschaft zu ziehen, sollten sie durch deren Aktionen an der Börse viel Geld verlieren. Gemäss Reuters würden Massnahmen wie diese «den üblichen Schutz der Aktionäre in beispielloser Weise untergraben».
Das Fazit? Der Rekord-Börsengang von SpaceX kann durchaus als Beispiel für perfekten «Kapitalismus auf Raketentreibstoff» beschrieben werden – solange man gewisse Tricks, beispiellose Machtverhältnisse, einzigartige Dimensionen mit neuen Regeln und Logiken dazuzählt. Aber wer weiss: Vielleicht ist das im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz und ihrer Kapitalisierung auch schlicht das neue Normal.
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