Aus lauter Hunger essen sie «Chicken Grit». Man kann sich fast nicht vorstellen, wie schrecklich das gewesen sein muss. Denn Chicken Grit ist feiner Split, den Hühner in ihren Schnabel packen, um damit die richtige Nahrung kleinzukriegen. Hühner haben keine Zähne. Deshalb nehmen sie die Steinchen zu Hilfe.
Menschen haben Zähne. Und die vertragen sich mit dem Split natürlich nicht. Weshalb die Verhungernden notfallmässig ihr umzäuntes Revier verlassen und in der echten Zivilisation einen Zahnarzt aufsuchen müssen. Zurück kamen sie mit geflickten Zähnen. Und Alkohol. Sehr viel Alkohol. Angeblich. Denn ganz genau weiss das keiner. Weil es von dem Ausflug keine Bilder gibt.
Willkommen in der abgeschiedenen Idylle von «Eden», dem bisher grössten und rätselhaftesten Rohrkrepierer der TV-Geschichte. Was war da los? Wie konnte es passieren, dass das Fernsehen die Ausstrahlung der Reality-Show «Eden» nach wenigen Folgen abbrach, die Teilnehmer aber monatelang weiterhin ihrem fernsehgerechten Schicksal überliess?
Der britische Sender Channel 4 schickte im März 2016 23 Menschen in die schottischen Highlands. Vom 18. Juli bis zum 8. August wurde am Fernsehen gezeigt, wie die 23 versuchten, die Utopie eines Neuanfangs in der Wildnis zu verwirklichen. 4 der 23 waren professionelle Kameraleute mit Gopro-Kameras, die sogenannte Embedded Crew. Wie der Austausch zwischen ihnen und dem Sender stattfand, ist nicht bekannt. Denn Handys und ähnliche Kommunikationsgeräte gab es grundsätzlich keine. Statt des World Wide Webs waren da nur Himmel, Wald und ein paar Sanddünen samt See und Stechmücken.
Schliesslich muss man heute immer mit sowas rechnen. Damit, zu einem postapokalyptischen Neuanfang gezwungen zu werden. Dachten sich jedenfalls die Macher und Teilnehmer von «Eden». Das Schöne im Menschen sollte aus Naturschönheit was Schönes machen. Oder so. Weshalb die 23 Heilsträger ausgerüstet wurden:
Quelle: «Guardian»
Das WC-Papier war bald weg. Die Camper kratzten fortan Moos von Boden und Bäumen. Channel 4 hatte sie bereits im März ins Camp gesteckt, damit sie bis im Winter vielleicht etwas Hausartiges gebaut hätten. Das taten sie aber nicht. Statt dessen erfanden sie das Geld. Den «Eden».
Ausgerechnet Lloyd, der Profifischer, entdeckte, dass er für seine Ware etwas verlangen kann. Lloyd machte aus Holz kistenweise Münzen in drei Grössen. Und liess es sich nicht nehmen, auch einen fiktiven Pfundwert auszurechnen. Der Kapitalismus schlich sich ein in «Eden» wie die Schlange ins biblische Paradies.
Quelle: 23 Interviews im «Telegraph»
Als «Eden» im Juli 2016 am TV anlief, waren die 23 bereits im fünften Monat im Reservat. Was gesendet wurde, war zum Teil mehrere Monate alt. Und trotzdem dermassen langweilig, dass sich die Zuschauerzahlen nach der ersten Folge halbierten.
Channel 4 setzte die Sendung ab, versprach aber, sie bald wieder aufzunehmen. Der Twitteraccount @Eden_C4 postete bis im Oktober weiterhin heiter Bilder von hochmotivierten Campern und herzigen Geisslein. Mittlerweile gediehen Tiere und Gemüse, alle hatten sich daran gewöhnt, in einem einzigen Zelt zu schlafen.
Nur Anton nicht, der hatte sich im Wald eine Einzelloge gebaut. Und Schreiner Raphael, der eine Stütze der Kommune hätte sein sollen, erwies sich als arbeitsscheu. Und Tara wollte ums Verrecken niemanden massieren, obwohl das alle von einem Life-Coach erwarteten. Viele schrieben von Hand Tagebuch. Einige paarten sich, heisst es. Immer montags gab es einen psychohygienischen Gruppenspass namens Monday Motivation. Den meisten war langweilig. Nach und nach verabschiedeten sich 13 Leute.
Happy Friday! Here's a cute animal pic. You're welcome. #Eden pic.twitter.com/zo3Zbgyulj
— Eden (@Eden_C4) 7. Oktober 2016
Die zehn Zähsten blieben zurück. Und filmten einander weiterhin bei der Ausübung ihrer utopischen Pflicht. Bis ihr Jahr, für das sie alles – Arbeit, Familie, Freunde, Beziehungen, Behausungen – auf Eis gelegt hatten, vorbei war. Weil sie dachten, dass sich ihr Leben danach grundlegend ändern würde. Dass sie als Stars aus dem schottischen Wald treten und von Kamerateams und nicht von Mücken aufgefressen würden.
Und dann war da: nichts. Kein Mensch hatte auf sie gewartet. Weil kein Mensch wusste, dass sie überhaupt noch im Wald waren. Für sie war «Eden» aufgegangen. Sie hatten sich zwar im Winter vor Hunger die Zähne an Chicken Grit kaputt gebissen, aber sie hatten die Utopie durchgestanden. Den Neuanfang geschafft. Tom und Lloyd machten sofort zusammen Outdoor-Ferien.
Channel 4 erzählt jetzt wieder, dass aus dem vorhandenen Material doch noch ein paar Folgen gezimmert werden können. Vielleicht. Und wenn nicht, dann wird dies wohl als die schönste Medienpleite des Jahrzehnts in die Geschichte eingehen.