Warum Benjamin Netanjahu der grosse Verlierer ist
Im Sommer 1982 befahl der damalige israelische Verteidigungsminister Ariel Sharon einen Angriff auf das Flüchtlingslager der Palästinenser in Beirut. Es wurde ein Massaker, in dem mehr als 3000 Menschen getötet wurden, vor allem Frauen und Kinder. Vordergründig wurde dieser Angriff damit gerechtfertigt, den Terrorangriffen der PLO ein Ende zu bereiten. Worum es wirklich ging, schildert Ronen Bergman, ein israelischer Journalist, in seinem Buch «Rise and Kill First»:
Mehr als vier Jahrzehnte später lebt Sharons Traum von einem Grossisrael weiter. Einmal mehr schien dieser Traum zum Greifen nahe zu sein. Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 lieferte die Steilvorlage dazu. Die IDF, die israelische Armee, fügte der Hamas und der Hisbollah schwere Verluste zu. In Syrien wurde ein vom Iran unterstützter Diktator gestürzt. Im Sommer 2025 setzten amerikanische und israelische Kampfjets und Bomber die iranische Luftverteidigung ausser Gefecht. Zu Beginn dieses Jahres demonstrierte die iranische Bevölkerung einmal mehr gegen ihre brutale Regierung.
Benjamin Netanjahu packte die Gelegenheit beim Schopf. Es gelang ihm, Donald Trump davon zu überzeugen, dass der Sturz der Ayatollahs in Teheran in greifbare Nähe gerückt sei. Er überredete ihn zu einem Angriff mit dem Ziel, den Erzfeind Iran endgültig zu besiegen und das Kräfteverhältnis im Nahen Osten definitiv zu Israels Gunsten neu zu ordnen.
Rund 100 Tage später steht Netanjahu vor einem Scherbenhaufen. Die Ayatollahs, genauer, die Revolutionsgardisten, sind nach wie vor an der Macht – und stärker als zuvor. Trump hingegen ist aus innenpolitischen Gründen gezwungen, einen Deal abzuschliessen, der de facto einem Eingeständnis einer Niederlage gleichkommt.
Damit ist auch Schluss mit der Freundschaft zwischen Netanjahu und Trump. Der US-Präsident beschimpft den israelischen Premierminister öffentlich und lobt dafür die neuen Machthaber in Teheran, die er noch vor kurzem stürzen wollte, als pragmatisch. Mehr noch: Trump hat Netanjahu unmissverständlich klargemacht, dass auch Schluss sei mit der Bombardierung des Libanons. Damit erfüllt er auch eine Bedingung der Iraner, die ihre Verbündeten der Hisbollah so schützen wollen.
Netanjahu hat keine andere Wahl, als sich zu fügen. Michael Oren, der ehemalige israelische Botschafter in Washington, drückt dies im Wall Street Journal wie folgt aus: «Es ist gar keine Frage, was Israel tun kann. Es geht darum, was es tun muss. Es gibt praktisch keinen Spielraum.»
Kein Wunder herrscht in Israel eine Mischung von Katzenjammer und Trotz. Netanjahu will sich zum Abkommen zwischen den USA und dem Iran nicht äussern. «Der Kampf ist noch nicht zu Ende», erklärt er bloss. Und weiter: «Das ist eine Vereinbarung, welche die Vereinigten Staaten abgeschlossen haben, vom Präsidenten der Vereinigten Staaten. Das ist seine Entscheidung. Wir haben unsere eigenen Interessen.»
Im Umfeld des israelischen Premiers gibt man sich weniger diplomatisch. Die «Washington Post» zitiert Yinon Magal, einen wichtigen Berater Netanjahus, der Trump als «Loser» beschimpft, Vance als «niedriges Leben» und die beiden Verhandler Jared Kushner und Steve Witkoff als «zwei kleine Juden, die von Katar gekauft sind und die ihre Brüder in Israel verraten haben.»
Verteidigungsminister Israel Katz erklärt derweil: «Wir sind gegen einen Rückzug unserer Streitkräfte aus dem Libanon – allen gegenwärtigen und künftigen Druckversuchen zum Trotz.»
Die Rechtsextremen in der Regierung plädieren gar für einen Aufstand gegen Trump. Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir erklärt: «Trumps Vereinbarung gilt nicht für uns. Israel ist kein Untertan der Vereinigten Staaten, wir sind ein unabhängiger, souveräner Staat.» Damit lehnt sich Ben Gvir weit aus dem Fenster. Ohne amerikanische Militärhilfe ist Israels Souveränität kaum mehr als ein frommer Wunsch. Und Netanjahu hat sich wohl verzockt. Er muss sich zähneknirschend Trumps Wünschen beugen. Damit steht er in den Augen seiner Landsleute als Schwächling da.
Gayil Tashir, Politologe an der Hebrew University, bringt es in der «Washington Post» auf den Punkt: «Netanjahus Lebensprojekt bricht vor seinen Augen zusammen. Er steht allein in der Arena und kann niemandem dafür die Schuld zuschieben.»
Sharons Traum eines Grossisraels ist vor 40 Jahren geplatzt. Heute steht Netanjahu ebenfalls vor einem Scherbenhaufen. Auch er musste erfahren, was unzählige vor ihm zuvor schon erlebten, die sich auf den US-Präsidenten verlassen hatten. «Trump macht stets nur das, was ihm nützt», so Michael Herzog, ebenfalls ein ehemaliger Botschafter in Washington. «Ob dies auch gut für Israel ist, ist ihm egal.»
