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78 Journalistinnen klagen sexistische Arbeitskultur bei Tamedia an

In einem offenen Brief protestieren Tamedia-Journalistinnen dagegen an, dass sie weniger Lohn, Chancen und Wertschätzung bekämen.

Katja Fischer De Santi / ch media



Diese Pandemie, sie sei ein Rückschlag für die Gleichstellung, heisst es. Eine Krise kann aber auch eine Chance sein, weil die Zeichen auf Turbowandel stehen, weil Unbehagen sich aufstaut – vor allem bei den Frauen.

An diesem Wochenende war es bei 78 Journalistinnen der Tamedia-Redaktionen (zu denen der «Tages-Anzeiger» gehört) so weit. Sie schickten am Freitag an die Geschäftsleitung sowie die Tamedia-Redaktionen einen Brief, der dann via Twitter an die Öffentlichkeit gelangte. Sie klagen eine «sexistische Arbeitskultur» an und belegen diese mit über 60 Zitaten.

Der Tages-Anzeiger vom 28. September berichtet ueber den Beschluss des Parlaments vom 26. September 1936 zur Abwertung des Schweizerfrankens und dem Festhalten an der Goldkonvertibilitaet in der Schweiz, undatierte Aufnahme. (KEYSTONE/Str)

Der Tages-Anzeiger 1936. Bild: KEYSTONE

Frauen werden ausgebremst und eingeschüchtert

Dabei geht es auf den ersten Blick nicht um krasse Fälle von Missbrauch oder Sexismus, sondern um eine Unternehmenskultur, die Frauen gering schätzt. Diese würden «ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert», heisst es. «Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht.»

Zudem würden Frauen weniger gefördert und schlechter entlöhnt. Die Probleme seien strukturell. Den Grund sehen die unterzeichnenden Frauen unter anderem darin, dass Männer in den Tamedia-Redaktionen klar in der Überzahl seien und fast alle Schlüsselpositionen besetzten. «Für leitende Funktionen wurden kaum Frauen berücksichtigt.» Es herrsche eine von Männern geprägte Betriebskultur.

Laut Branchenmagazin ist der Tages-Anzeiger top

Interessant in diesem Kontext: Fast zeitgleich erschien im Branchenmagazin «Schweizer Journalist:in» ein Ranking der Medienunternehmen zum weiblichen Anteil in der Führungsriege. Der Tages-Anzeiger rangiert dabei auf Platz 1 der grossen Medienhäuser, die erweiterte Redaktion «Tamedia D» hingegen auf Rang 9 mit 20 Prozent Frauen in Führungsjobs. Und keiner einzigen Frau in der Chefredaktion.

HANDOUT - Der neue Chefredaktor der ''SonntagsZeitung'' aus dem Hause Tamedia, Arthur Rutishauser, undatiertes Handout. Der 48-Jaehrige folgt auf Martin Spieler, wie Tamedia am Dienstag, 1. Oktober 2013 mitteilte. (TAMEDIA/Nicolas Aebi) *** NO SALES, DARF NUR MIT VOLLSTAENDIGER QUELLENANGABE VERWENDET WERDEN ***

«Es ist Zeit für eine verbindliche Strategie»: Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser Bild: TAMEDIA

Seit Dezember befasst sich eine interne Arbeitsgruppe unter der Leitung von Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers mit dem Thema Diversity mit Fokus Frauenförderung. Dem Betriebsklima scheint das alles bisher wenig zuträglich zu sein. Generell sei die Kommunikation in den Redaktionen teilweise sexistisch und abwertend, klagen die unterzeichnenden Frauen an.

Chefredaktion rechtfertigt sich und verspricht Besserung

Gemäss dem Branchenportal «Persoenlich.com» kam diese Aktion für die Chefredaktion nicht ganz unerwartet. Einen Tag vor der Veröffentlichung am Samstag verschickten die beiden Co-Geschäftsführer Marco Boselli und Andreas Schaffner ein Mail, in dem sie verbindliche Ziele zur Frauenförderung versprechen. «Wir sind uns bewusst, dass die bisherigen Massnahmen zur Steigerung des Frauenanteils in den Redaktionen und insbesondere in Führungspositionen nicht ausreichen und es Zeit für eine verbindliche Strategie ist», liess sich auch Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser zitieren.

Interessant in diesem Kontext: Vor zwei Jahren brachte das Recherchedesk von Tamedia eine grosse Geschichte zum Thema sexuelle Belästigung im Journalismus unter dem Hashtag «Me (dia) too».

Und schon damals fiel auf, dass 40 Prozent der betroffenen Frauen ihre Vorgesetzten als Urheber der Belästigungen angaben. Damit liegt der Anteil Journalistinnen, die Belästigungen durch Vorgesetzte erleben, wesentlich höher als in vergleichbaren nationalen Studien.

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