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Der Sieger hilft dem Besiegten auf die Beine: Samuel Giger (rechts) gewinnt im Schlussgang des NOS gegen Matthias Aeschbacher.
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Bild: keystone

Eine heile Welt, vielen Gefahren ausgesetzt – warum Schwingen so populär ist

Der Kilchberg-Schwinget zeigt einmal mehr: Von der Popularität der Schwinger können andere Sportarten nur träumen. Auch solche mit viel mehr Aktiven und reichlich Sponsorengeld. Es lohnt sich also, der Frage nachzugehen, wie es möglich ist, dass aus einer sportlichen Randgruppe nicht nur eine der populärsten Sportarten geworden ist.
24.09.2021, 20:2225.09.2021, 18:08

Längst stehen die «Bösen» mit ihrer Popularität auf Augenhöhe mit den Titanen aus der Ski-, Fussball- oder Hockeyszene. Schwingen hat sich darüber hinaus zu einer «Volksbewegung» entwickelt und die Sägemehlringe sind auch im Flachland und in urbanen Zentren Kraftorte unseres Patriotismus geworden.

Eine Antwort auf die Frage der Popularität des nationalen Hosenlupfs liefert uns der weltberühmte Philosoph Jean-Jacques Rousseau aus Genf. Er prägte in unruhigen Zeiten, als im 18. Jahrhundert am Horizont schon das Wetterleuchten der französischen Revolution aufflackerte, den Begriff des «edlen Wilden». Die lebten, so seine Botschaft, unberührt von den Verderbnissen der Welt in Frieden und Freiheit, Unschuld und Idylle. Sie waren gutmütig, klug, grossherzig, gesund und glücklich.

Inzwischen sind die Zeiten wieder etwas unruhig geworden. Die Globalisierung verunsichert die Menschen und weckt eine Sehnsucht nach festem eigenen Boden unter den Füssen. Der gute Rousseau würde also heute mit seiner Botschaft wieder Gehör finden. Klugerweise würde er nicht mehr von den «edlen Wilden» philosophieren, was ihm ja unweigerlich den Vorwurf einbrächte, ein Rassist zu sein. Vielmehr würde er den «bodenständigen Schwinger» als Lichtgestalt lobpreisen.

Tatsächlich sind die Schwingergestalten viel mehr als populäre Sportler. Die kräftigen, kernigen Kerle eidgenössischer Abstammung sind zwar auch die Leuchttürme einer starken national-konservativen Grundströmung. Sie stehen in ihrem Wesen und Wirken für das romantische Bild einer freien, edlen Schweiz. Dazu passt wunderbar, dass der Beste ein König ist, der wohl Privilegien geniesst, der aber, wie es sich in einer Demokratie gehört, seinen Thron in gewaltigen Ringkämpfen zu verteidigen hat.

Aber es ist keineswegs so, dass die rechtskonservativen Kräfte das Schwingen für sich beanspruchen können. Längst faszinieren die «Bösen» alle sozialen und politischen Schichten. Das staatstragende eidgenössische Fernsehen, das mehr und mehr von den internationalen Futtertrögen verdrängt wird (beispielsweise gibt es keine Live-Bilder mehr von YB in der Champions League) und dem gewiss nicht der Schwefelgeruch eines rechtslastigen Populismus anhaftet, hat früh das Potenzial der Sägemehlkultur erkannt.

Schwingfeste stehen auch für gemütliches Beisammensein.
Schwingfeste stehen auch für gemütliches Beisammensein.
Bild: KEYSTONE

Die hochklassigen Live-Bilder der Schwingfeste haben die Popularität der Schwinger ebenso befeuert wie in den anderen Medien die Storys und Abbildungen über die Helden in Zwilchhosen. Schwingen ist so ein Nationalsport geworden, in seiner Ausstrahlung vergleichbar mit dem Football in den USA, dem Eishockey in Kanada, dem Sumo-Ringen in Japan, dem Fussball in Deutschland oder dem Rugby in Neuseeland. Schwingen bietet alles: guten Sport, Heimat und immer helvetische Sieger.

Sind die Schwinger tatsächlich die «edlen Wilden» der Moderne? Nein. Schon die Zeitgenossen von Jean-Jacques Rousseau wussten sehr wohl, dass seine «edlen Wilden» nicht wie auf einem Ponyhof lebten. Und so ist auch die vermeintlich heile Welt der Schwinger immer mehr den Versuchungen des Sportkapitalismus' ausgesetzt.

Der Kilchberger Schwinget ist das exklusivste Fest.
Der Kilchberger Schwinget ist das exklusivste Fest.
Bild: keystone

Die Werbebranche bemüht sich eifrig, die Popularität der «Bösen» zu bewirtschaften. Vermutungen über märchenhafte Werbeeinkünfte der ganz «Bösen» von bis zu einer halben Million Franken im Jahr sorgen für Neid. Inzwischen werden die Stars (die «Bösen») von Managern vermarktet, die noch vor 40 Jahren unter Treichelklängen vom Schwingplatz vertrieben worden wären.

Es gibt hinter den Kulissen ein ordentliches Hauen und Stechen um Medienpräsenz und Werbebatzen. Bisher ist es den klugen «Zwilchhosen-Generälen» um Rolf Gasser, den Geschäftsführer des Verbandes gelungen, Auswüchse einzudämmen. Beispielsweise konnten sie der Versuchung widerstehen, für viel Geld aus der Kasse eines grossen Medien-Gemischtwarenladens im Winter im Hallenstadion ein «Masters» mit den «Bösesten» zu veranstalten.

Die Kilchberg-Sieger seit 1967

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Die Sieger des Kilchberger Schwingets seit 1967
quelle: keystone / urs flueeler
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Es wäre eine Zirkusveranstaltung geworden. Und die Kritiker, die den Gralshütern des Sägemehls vorwerfen, die TV-Rechte für ein Butterbrot zu verkaufen und auf mindestens eine halbe Million Franken im Jahr zu verzichten, sind Narren. So käme viel zu viel Geld in die Verbandskasse und die daraus resultierenden Begehrlichkeiten würden die Schwingerkultur in den Grundfesten erschüttern.

Den Schwingern gelingt nach wie vor erstaunlich gut, auf der Gratwanderung zwischen Geld und Geist das Gleichgewicht trotz einigen Schwankungen nicht zu verlieren.

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Alle Schwingerkönige seit 1961

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Alle Schwingerkönige seit 1961
quelle: keystone / alexandra wey
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