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Innovationsstau: Jetzt muss der Novartis-Chef liefern – sonst droht die grosse Leere

Der Pharmamulti hat viel Geld, aber zu wenig Ideen. Am anstehenden Forschungstag erwarten die Investoren neue Perspektiven.
01.12.2021, 05:35
Daniel Zulauf / ch media

Die Pandemie hat die Schwächen der weltgrössten Pharmakonzerne auf drastische Weise offengelegt. Das wird auch Novartis-Chef Vasant Narasimhan nicht verbergen können, wenn er die internationale Finanzanalystengemeinde am Donnerstag zum jährlichen Forschungstag empfängt.

«Die mRNA-Technologie hat in einem Mass eingeschlagen, wie es wohl niemand erwartet hätte», musste dessen Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt schon im Sommer in einem Interview «CH Media» eingestehen. Es versteht sich von selbst, dass er mit «niemand» ganz besonders auch Novartis meinte.

Novartis-Chef Vasant Narasimhan.
Novartis-Chef Vasant Narasimhan.Bild: EPA/AP POOL

Heissbegehrte RNA-Technologie

Zwar hat Novartis 2019 mit der zehn Milliarden Dollar teuren Übernahme von «The Medicines Company» einen neuartigen Cholesterinsenker eingekauft, der tatsächlich auf der RNA-Technologie basiert (Inclisiran). Doch entwickelt wurde die Therapie in dem erst 18-jährigen Forschungsunternehmen Alnylam Theurapeutics an der amerikanischen Ostküste. Und dort ist das Know-how der Alnylam-Forscher auch geblieben. An der Börse inzwischen mit 22 Milliarden Dollar bewertet - fast doppelt so viel wie vor Ausbruch der Pandemie.

Soll Novartis die Lücke schliessen und nun auch die Erfinder von Inclisiran ins eigene Haus holen, wie dies gewisse Finanzmarktakteure durchaus eigennützig dem Schweizer Multi gerade zuflüstern? Seit dem Verkauf der Roche-Beteiligung, die über 20 Milliarden Franken in die Novartis-Kasse spülte, wäre das Geld für eine solche Übernahme mindestens teilweise vorhanden.

Der Hauptsitz des Pharmakonzerns Novartis in Basel.
Der Hauptsitz des Pharmakonzerns Novartis in Basel.Bild: keystone

Vasant Narasimhan wird seinem gespannten Publikum am Donnerstag keine klare Antwort geben können. Doch mindestens sollte er konkreter als Anfang November werden, als Novartis den Roche-Verkauf angekündigt hatte. Nach der bisherigen Sprachregelung werden die Mittel im Rahmen der «Prioritäten in der Kapitalallokation» verwendet, will heissen: man finanziert die üblichen Investitionen, erhöht die Dividende und leistet sich mit dem Rest noch Akquisitionen, sofern die richtigen Objekte gefunden werden.

Innovation lässt sich nicht so leicht kaufen

Die Investoren haben allen Grund, mehr als diese Botschaft zu erwarten. Obschon Narasimhan in seiner vierjährigen Wirkungszeit bei Novartis wirklich keine Zeit verlor, den einst breit diversifizierten Gesundheitskonzern voll und ganz auf die Pharmasparte zu fokussieren und neue Therapiegebiete mit kostspieligen Akquisitionen zu erschliessen, verlief der Aktienkurs nur seitwärts. Die einst wertvollste Pharmafirma der Welt ist in der Rangliste auf den 9. Platz abgerutscht.

Der Konzern preist sich gern als Vorreiter in technologisch neuen Gebieten wie der Gentherapie oder der Zelltherapie. Doch die hyperteure High-Tech-Medizin zur Behandlung schlimmer Erbkrankheiten (Zolgensma) oder besonders aggressiver Krebsarten (Kymriah) haben die Erwartungen der Aktionäre bislang kaum erfüllt. Insgesamt hat Novartis unter Narasimhan um die 25 Milliarden Franken in den Zukauf innovativer Medikamente oder vielversprechender Forschungsfirmen investiert.

Trotzdem muss sich der Konzern nun sorgen über das künftige Wachstum machen. Mehrere Medikamente verlieren in den nächsten Jahren den Patentschutz - unter ihnen das MS-Präparat Gilenya mit einem Jahresumsatz von drei Milliarden Dollar. Wie Novartis den potenziellen Umsatzverlust aus diesen Patentabläufen kompensieren scheint auch das Management nicht so genau zu wissen.

Der Geist des Prometheus

«Novartis braucht einen Befreiungsschlag», sagt ein Finanzanalyst. Er verweist auf den neuen finanziellen Spielraum, der auf bis zu 45 Milliarden Dollar anwachsen könnte, wenn Sandoz nicht wie erwartet einfach abgespalten und an die Novartis-Aktionäre weitergereicht, sondern gegen Bares an einen Mitbewerber oder Finanzinvestor veräussert werden sollte. Am Finanzmarkt ist von einem Preis für Sandoz von gut 20 Milliarden Dollar die Rede.

Aber wie müsste ein solcher Befreiungsschlag aussehen, damit er die Phantasie der Investoren beflügeln könnte? Vielleicht wird Novartis dereinst eine Fusion mit einem Mitbewerber auf Augenhöhe versuchen, um den Geist des Prometheus wieder einzufangen, den das Unternehmen bei seiner Gründung vor 25 Jahren durch den wegweisenden Zusammenschluss der beiden traditionsreichen Basler Konzerne Sandoz und Ciba-Geigy freigesetzt hatte. (saw/ch media)

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