Feuz vor Hahnenkamm-Abfahrt: «Odermatt weiss, dass er aktuell der Schnellste ist»
Am vergangenen Wochenende hat Sie Marco Odermatt mit seinem vierten Sieg am Lauberhorn überflügelt. War das schon Thema zwischen ihnen?
Beat Feuz: Nein. Aber was soll ich auch sagen? Das einzige, womit ich entgegenhalten kann, sind die Anzahl an Podestplätzen: Ich habe sieben, er sechs. Er muss also noch mindestens einmal nach Wengen kommen. (lacht)
Wie schätzen Sie Odermatts jüngste Siegesfahrt in Wengen ein?
Grandios. Da gibt es gar nichts auszusetzen, vom Start bis ins Ziel. Er hatte einen perfekten Plan und den auch perfekt umgesetzt. Keiner hatte eine Chance.
Ortswechsel: Vor neun Jahren hatte in Kitzbühel keiner eine Chance gegen Sie. Sie waren mit grossem Vorsprung unterwegs, als Sie in der Traverse Ihren ersten Sieg auf der Streif leichtfertig vergaben. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie mit hohem Tempo Richtung Fangnetze fuhren und wussten, jetzt folgt gleich der Aufprall?
Da geht einem nicht mehr viel durch den Kopf, du probierst dich irgendwie zu retten, nicht in den Netzen zu landen. Wenn du merkst, dass dies nicht klappt, versuchst du so ins Netz zu gehen, dass es nicht ganz so fest weh tut.
Sie haben den Sturz, abgesehen von Prellungen und Schürfungen, unverletzt überstanden. Hat der Abflug Sie in den darauffolgenden Jahren beeinträchtigt, wenn Sie in Kitzbühel am Start standen?
Nein. Der Abflug und die Gedanken daran dienten eher als Beweis, dass es eine sinnlose Aktion gewesen ist. Ich wollte das Rennen dominieren, mich nicht zufriedengeben mit einer guten Leistung, sondern die Konkurrenz in Grund und Boden fahren – das ist in Kitzbühel ein Fehler.
Vier Jahre nach dem Sturz – nach vier zweiten Plätzen – gewannen Sie endlich ihre erste goldene Gams. Wieso dauerte es so lange, bis Sie Ihr Potenzial auf der Streif voll abrufen konnten?
Ich konnte mein Potenzial auch schon vorher viermal abrufen, es war einfach immer einer schneller. Wobei ich mich einzig über den 2. Platz 2018 geärgert habe, als Thomas Dressen mich noch abgefangen hat. Er hatte Sonnenschein, ich nicht. Aber auch da steht man drüber. Es wollte damals einfach noch nicht sein.
Sie sind häufig als Favorit nach Kitzbühel gefahren, konnten aber lange nicht gewinnen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Natürlich möchte man in Kitzbühel gerne gewinnen, vor allem, wenn man an vielen anderen Orten schon erfolgreich war. Aber auf der Streif muss einfach vieles zusammenpassen.
Was unterscheidet Kitzbühel von anderen Weltcup-Strecken wie etwa jener in Wengen oder Bormio? Was macht es so schwierig, hier zu gewinnen?
Schon der Mythos. Kitzbühel ist das grösste Rennen, es steht am meisten im Fokus: die vielen Zuschauer, Partys links und rechts, Schickimicki, Promis überall. Dann hat es natürlich auch die Strecke in sich. Die ersten 30 Sekunden sind etwas vom Zähesten, was es gibt im Weltcup, die letzten 20 dann auch nochmals.
Einer, auf den die Streif zugeschnitten ist, ist Marco Odermatt. Wie Sie früher, dominiert auch er in der Abfahrt. Wieso hat es bei ihm noch nicht mit dem Sieg in Kitzbühel geklappt?
Weil noch nie alles zu hundert Prozent zusammengepasst hat.
2023 übertrieb es Odermatt im Steilhang, 2024 überragte Cyprien Sarrazin. Letztes Jahr gewann Odermatt den Super-G am Freitag und konnte gemäss eigener Aussage die Spannung am Samstag nicht aufrecht halten.
Der Freitag in Kitzbühel ist ein langer Tag, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Da können Fokus und Spannung schon etwas verloren gehen, vor allem, wenn man gewinnt. Und dann reicht es auch für Marco nicht.
Wäre ein «Abschiffer» Odermatts am Vortag der Abfahrt also hilfreich für Samstag?
Könnte sein. Aber das sind alles theoretische Fragen. Er hätte dann mehr Zeit, um sich vorzubereiten. Aber er will ja auch im Super-G schnell sein und mit einem Erfolgserlebnis in die Abfahrt.
Die Konkurrenz in dieser Saison scheint überschaubar. Wer kann Odermatt den Sieg auf der Streif streitig machen?
Franjo von Allmen hat in Wengen gezeigt, dass er einen schnellen Schwung hat, wohl den gleich schnellen wie Odi, wenn er denn ohne Fehler durchkommt. Franjo ist einfach noch ein wenig unkonstanter. Dann sehe ich auch Vincent Kriechmayr vorne. Und da sind noch die anderen Schweizer wie Alexis Monney oder Stefan Rogentin, die schneller sein können. Aber da braucht es dann schon einen sehr guten Tag.
Zweimal wurde Odermatt bereits Zweiter in der Abfahrt in Kitzbühel, 2022 standen Sie ihm vor der Sonne. Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie damals zu ihm gesagt haben?
Nein. Wir hatten ein cooles Battle und einen grossen Vorsprung vor dem Drittplatzierten (Daniel Hemetsberger; d. Red.). Marco hat sich mit mir gefreut, ich habe mich für ihn gefreut. Und er war nicht unzufrieden damals mit Platz 2.
Sie waren während Ihrer Aktivkarriere ein Mentor von Odermatt, haben ihm bei der Besichtigung Tipps gegeben. Wie kam es dazu?
Es hat sich so ergeben. Er ist dazumal ins Team gerückt, in dem ich war. Er hat sich angeschlossen, wir haben zusammen gequatscht. Und dann haben wir irgendwann beide gemerkt, dass der Austausch sowohl ihm als auch mir guttut. Wir haben am Abend vorher jeweils abgemacht, dass wir gleichzeitig zum Hotel raus- und aufs Bähnli gehen.
Haben Sie eine Erklärung für Odermatts rasante Entwicklung in einer Disziplin, in der Erfahrung eigentlich nicht mit Talent aufzuwiegen ist?
Mittlerweile hat er ja sehr viel Erfahrung. Und er kam jetzt nicht auf die Abfahrt und hat gleich sein zweites Rennen gewonnen.
Aber er hat schneller Fortschritte gemacht als andere.
Das ist so. In einem ersten Training war er noch nicht so schnell, im zweiten hat er dann schon Tipps umgesetzt und war deutlich schneller. Das hat auch mir geholfen, denn obwohl er noch kaum Erfahrungen auf der Abfahrt hatte, hatte er schon gute Ideen. Er sah Sachen aus dem jugendlichen Blickwinkel, hat noch wenig Hintergedanken gehabt bei gewissen Stellen, kannte noch keine Grenzen.
Was zeichnet den Abfahrer Odermatt aus?
Dass er weiss, dass er aktuell der Schnellste ist. Und er weiss, was er braucht, um auf jeder Strecke zu funktionieren. Der Kopf ist am Schluss ein sehr grosser Teil des Erfolgs.
Odermatt ist Olympiasieger im Riesenslalom, dreifacher Weltmeister, vierfacher Gesamtweltcupsieger. Wie wichtig ist es, gerade in seinem mit 28 Jahren vergleichsweise noch jungen Alter, Ziele wie den Sieg in der Abfahrt in Kitzbühel zu haben?
Die machen die Motivation leichter. Es ist wichtig, solche Ziele zu haben. Das pusht einen, auch während der Saison.
Wäre es für Odermatts Karriere denn kontraproduktiv, wenn er am Samstag gewinnen würde?
(lacht) Was soll daran kontraproduktiv sein? Wenn du 52 Weltcupsiege hast, ist nichts mehr kontraproduktiv. Man darf sich nicht überall verkopfen. Er fährt gerne Ski und weiss, dass er gut ist. Deshalb stehen solche Fragen bei ihm gar nicht im Raum.
Welchen Tipp geben Sie Odermatt für Samstag mit auf den Weg – als dreifacher Kitzbühel-Sieger, der fast 34 Jahre alt werden musste, um seine erste goldene Gams zu gewinnen?
Das zeigen, was er kann. Nicht mehr und nicht weniger wollen. Denn wenn er abruft, was er kann, haben nicht viele eine Chance.
