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Maria musste wegen Corona ins Spital – ein Genesenen-Zertifikat kriegt sie trotzdem nicht

Eine Spital-Angestellte litt tagelang unter einer Covid-Erkrankung. Ein folgenreicher EU-Entscheid führt nun dazu, dass sie kein Zertifikat erhält.
16.09.2021, 19:0617.09.2021, 15:48

Die 52-jährige Maria sorgt schon ihr halbes Leben lang in einem Schweizer Spital für Sauberkeit und Hygiene. Ihr Job war in den vergangenen Monaten nicht immer einfach: Sie erlebte mit, wie die ersten schwer erkrankten Corona-Infizierten im Frühling 2020 eingeliefert wurden. Sie sah die leeren Betten von an Covid verstorbenen Menschen. Und tat das, was sie schon immer für ihren Lohn tat: Spitalbetten reinigen, desinfizieren und neu beziehen.

Maria gehört zu jener Berufsgruppe, die zusammen mit dem Pflegepersonal dem Coronavirus jeden Tag am stärksten ausgesetzt war. Und so überraschte es niemanden, als irgendwann Infektionen beim Spitalpersonal entdeckt wurden. Maria hatte lange Glück. Sie trug die Maske, wies ihre Kolleginnen und Kollegen auf die Hygienegebote hin. Im April dieses Jahres erwischte das Virus sie trotzdem.

Es war zunächst nur wie eine Grippe. Die ersten Symptome spürte sie an einem Freitag, am Wochenende verschlimmerte sich jedoch ihr Gesundheitszustand wegen des Fiebers und Atemschwierigkeiten so sehr, dass sie notfallmässig ins Spital musste. Dort, wo man sie kannte. Sie wurde getestet, gepflegt und konnte bald wieder nach Hause, um sich zu erholen – bzw. um zu genesen, wie man heute im Zusammenhang mit der Pandemie sagt.

Maria musste wegen Covid notfallmässig ins Spital.
Maria musste wegen Covid notfallmässig ins Spital.
Bild: keystone

Schnelltest zu spät empfohlen

Maria ging es rasch wieder besser und sie freute sich fast schon, den Erreger besiegt zu haben. Als der Sommer kam, tauchten jedoch die ersten Probleme auf: «Ich wollte meine Familie in meinem Heimatland besuchen. Aus irgendeinem Grund konnte mir aber niemand ein Covid-Zertifikat ausstellen.»

Der Grund wurde ihr später klar und hatte mit einer Entscheidung des Spitals zu tun, die rückblickend vielleicht als folgenreicher Fehler betrachtet werden kann: Ihre Infektion wurde nur mit einem schnellen Antigen-Test bestätigt. Für ein gültiges Genesenen-Zertifikat verlangt das Gesetz jedoch einen positiven PCR-Test. Und dieser wird erst seit Anfang Juni vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) positiv Getesteten empfohlen.

«Ich finde die Impfung eine gute Sache, das können meine Kinder mit ihren vollen Impfbüechli bestätigen.»
Maria

Das BAG verwies bislang auf die Möglichkeit, dass sich Antikörper-positive Genesene ja einmal Impfen lassen könnten, um an das Zertifikat zu kommen. Für Maria ist das aber in ihrem Fall keine Option. Sie ist keine «Schwurblerin», wenn sie sagt, sie sei gegen eine Impfung. «Ich habe eine Autoimmunkrankheit, die mir auch ohne Corona das Leben schwer macht. Ich finde die Impfung eine gute Sache, das können meine Kinder mit ihren vollen Impfbüechli bestätigen. Meine Ärztin rät mir jedoch von einer Impfung ab, weil sie schwerere Nebenwirkungen nicht ausschliessen könne», sagt sie.

Forschung untersucht Impfung bei Autoimmunerkrankungen

Maria glaubt ihrer Ärztin nicht zu Unrecht: Die Impfung provoziert eine Immunreaktion, wodurch der Körper lernt, wie er das Coronavirus selbst bekämpfen kann. Ist das Immunsystem jedoch gestört und werden – wie bei Maria – regelmässig Medikamente eingenommen, die sich auf das Immunsystem auswirken, wird eine Impfung zum Problem. Entweder, weil Medikamente kurzzeitig abgesetzt werden müssen, oder weil ungewünschte Nebenwirkungen drohen. Befürchtet wird gar, dass die Impfung im dümmsten Fall gar keinen Schutz bringt und man sich mit einem Zertifikat in falscher Sicherheit wähnt.

Die Medizinforschung untersucht nach wie vor, wie sich die Impfung zu Autoimmunerkrankungen verhält. Maria bringt das aber derzeit nicht viel: Sie ist genesen, darf sich nicht impfen und wird wegen der Zertifikatspflicht sich regelmässig testen lassen müssen, wenn sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen will. Der Bund wird die Kosten für ihre Tests immerhin auch über den 1. Oktober hinaus übernehmen. Ärgern tut sie die Testerei trotzdem.

Dem BAG blieb bislang nichts anderes übrig, als auf die Impfung zu verweisen.
Dem BAG blieb bislang nichts anderes übrig, als auf die Impfung zu verweisen.
Bild: keystone

Maria ist kein Einzelfall. watson erhielt in den vergangenen Wochen Mails von weiteren Personen, die in einer ähnlichen Situation stecken. Sie alle fielen «durch alle Maschen» und gehören zu jener Minderheit, für die nur noch der regelmässige Test eine Option ist.

Bundesrat muss Stellung nehmen

Die Antigen-Test-Problematik ist mittlerweile auch schon im Bundeshaus angekommen: Die Solothurner SP-Nationalrätin Franziska Roth verlangte diese Woche vom Bundesrat Antworten zur Frage, ob sich denn Genesene wirklich nur durch eine Impfung «zertifizieren» lassen können. Sie verweist in ihrem Vorstoss auf Studien, wonach Genesene ebenfalls eine Langzeitimmunität vorweisen können. Für sie erscheint deshalb eine Impfung nur des Zertifikats wegen eine unnötige «pro forma Übung», die politisch diskutiert werden müsse.

Die Solothurner SP-Nationalrätin Franziska Roth will die Antigen-Test-Problematik im Parlament diskutieren.
Die Solothurner SP-Nationalrätin Franziska Roth will die Antigen-Test-Problematik im Parlament diskutieren.
Bild: KEYSTONE

Dazu gehörten auch Sonderfälle wie Maria. «Es ist schon mal gut, dass ihre Tests weiterhin bezahlt werden. Meiner Meinung nach müsste der Bundesrat aber Korrekturen vornehmen und zumindest positive Antikörper-Tests für ein Genesenenzertifikat anerkennen», sagt Roth. So einfach wird das aber nicht: Die Nicht-Anerkennung von Antikörper-Tests sei «auf eine Bestimmung der EU zurückzuführen», erklärte BAG-Chefin Anne Lévy im Juni.

Die Sozialdemokratin Roth will das jedoch nicht gelten lassen: «Dann soll der Bundesrat den Genesenen zumindest ein nationales Covid-Zertifikat aufgrund eines Antikörper-Tests geben.» Der Bundesrat wird voraussichtlich am nächsten Montag in der Fragestunde des Nationalrats Stellung nehmen.

* Marias Name wurde auf ihren Wunsch anonymisiert.

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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quelle: keystone
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