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screenshot: youtube / Raphey

Wird YouTube wegen der EU gelöscht? – Das solltest du jetzt wissen

Helena Düll, oliver wietlisbach

Bekannte YouTuber warnen vor der drohenden Löschung ihrer Kanäle – oder sogar vor dem angeblichen Aus für YouTube. Schuld sei die geplante Copyright-Reform der EU. Doch was ist dran an der Panikmache?



In den Kinderzimmern geht die Angst um: YouTube werde verboten, behaupten mehrere Videos, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Hintergrund ist die geplante Reform des Urheberrechts, gegen die Google eine Lobbying-Kampagne führt.

Ein Video vom Kanal «Wissenswert» ist Schuld daran, dass eine Panikwelle YouTuber und Fans gleichermassen erfasst hat. Seit sechs Tagen ist das Video mit dem Titel «Warum es YouTube nächstes Jahr nicht mehr gibt» online, hat über 3,3 Mio. Aufrufe und es hat viele andere YouTuber dazu gebracht, dystopische Videos mit dieser Fragestellung zu produzieren.

Worum geht's?

Grund für die Panik ist eine Urheberrechtsreform, über die das Europaparlament Mitte September abgestimmt hat.

Heftig gestritten wird dabei vor allem um Artikel 13. Der soll festlegen, dass es sogenannte Upload-Filter für Plattformen – wie vor allem YouTube, aber auch Instagram oder Facebook – geben muss. Denn: In Artikel 13 steht, dass Plattformen künftig die Haftung des Copyrights für die Inhalte, die Nutzer bei ihnen hochladen, übernehmen müssen. Damit Inhalte, in denen du zum Beispiel die Musik von Taylor Swift (und an der hat sie die Rechte, nicht du) verwendest, nicht auf der Plattform landen, würden wahrscheinlich Upload-Filter greifen.

Die Filter stehen in der Kritik – die Angst vor «overblocking» und Zensur geht um. Diese Angst befeuern «Wissenswert» und Co. und zeichnen ein apokalyptisches Bild von einem YouTube 2019. Ein YouTube, auf dem nur noch grosse Medienkonzerne als Publisher agieren können, ein YouTube, das 2019 tot sein wird, ein YouTube-Horrorfilm, der Realität werden wird.

Aber: Artikel 13 ist nach wie vor lediglich ein Gesetzesentwurf über den das europäische Parlament, der Rat, der die Regierungen der Mitgliedsstaaten vertritt, und die EU-Kommission noch final abstimmen müssen. Diese Abstimmung findet wahrscheinlich im Mai 2019 statt und selbst wenn Artikel 13 dann beschlossen wird, wissen wir nicht, wie die Online-Plattformen das Gesetz umsetzen werden. 
(dpa)

Wie stark die Verunsicherung bei den Fans greift, zeigt der Fall der deutschen YouTuberin «Bibis Beauty Palace» mit über fünf Millionen Abonnenten: Ihre Kommentarspalten werden regelrecht überflutet und zwar mit der Forderung, dass sie sich zum Thema äussern soll. Inzwischen gibt's auch Gegenvideos, wie das von «MrWissen2Go», der einen Faktencheck verfasst hat und erklärt, weshalb es Quatsch ist, dass YouTube 2019 sterben werde. 

Welch absurde Dimensionen die Panikmache um ein «YouTube-Aus 2019» inzwischen angenommen hat, sieht man unter dem letzten Video von «Bibis Beauty Palace». Eigentlich geht es um den «Monatstag» des gemeinsamen Kindes von Bibi und «Julienco» – doch die Kommentarspalte des Videos ist voll von Hinweisen auf Artikel 13. Beispielsweise steht dort: 

«Bibi, seid ihr nicht traurig, dass YouTube gelöscht wird? also ich finde es richtig blöd man hat so lange gekämpft für seine Abos, Likes und Aufrufe und jetzt wird alles zerstört😭😭😭😭😭 Wer der gleichen Meinung ist Liket diesen Kommentar, ich hoffe, die YouTube Chefin sieht das und ändert ihre Meinung!!!!!!😭😭😭😭»

Michelle und Raphael Renner auf YouTube

oder:

«#saveyourinternet 😭😭😭❤️❤️❤️ ich will nicht das euer Kanal gelöscht wird 😭😭❤️❤️❤️❤️könnt ihr mal an einem Video extra darauf eingehen? 😘❤️❤️❤️❤️ hab euch lieb 😘❤️ bleibt stark❤️»

Sophia Wolf auf YouTube

Unter diesem Video findest du die Forderungen: 

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Video: YouTube/BibisBeautyPalace

Die Kommentare zeigen etwas sehr deutlich: «Wissenswert» und alle anderen Content Creator, die apokalyptische Videos zum Thema «YouTube wird 2019 sterben» gemacht haben, haben es geschafft, bei der Community Panik zu verbreiten. 

Umso wichtiger ist, dass «MrWissen2Go» in einem Video nun die Fakten gecheckt hat. 

Darum wird YouTube 2019 nicht sterben

Im Video von «Wissenswert» heisst es:

«Und so plant YouTube einfach alle europäischen Kanäle, die nicht zu einem grossen Medienkonzern gehören, zu löschen.»

Warum das nicht stimmt, erklärt «MrWissen2Go» in seinem Faktencheck-Video. Zusammengefasst lässt sich einfach sagen: Artikel 13 ist dafür da, denjenigen, die an etwas ein Urheberrecht haben, auch das Geld dafür zu geben. 

Hier das ganze Video: 

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Video: YouTube/MrWissen2go

Wir haben die wichtigsten Aussagen zusammengefasst: 

Es wird keine Memes mehr geben!

«An der Sache mit den Memes ist eher nichts dran. […]. Es soll gewährleistet sein, dass Inhalte in diversen Formen und zu unterschiedlichen Zwecken [hochgeladen] oder [bereitgestellt werden] können, unter anderem zur Veranschaulichung von Gedankengut, zur Äusserung von Kritik oder zwecks Parodie oder Persiflage.»

«Memes sollen so weiterhin möglich sein. Ausserdem sollen die Plattformen gewährleisten, […], dass wirksame und zügige Beschwerde- und Rechtsbehelfsmechanismen zur Verfügung [stehen].»

Fazit: Im Bereich Memes und Ironie wird sich durch Artikel 13 vermutlich wenig ändern. 

Aber der Upload-Filter zensiert doch, oder? 

«Aus dem Entwurf für die Richtlinie ist das Wort Filter inzwischen verschwunden. [...]»

Offen ist die Frage: Wie Urheberrecht stärken und auf der anderen Seite nicht Tür und Tor für Zensur öffnen?

Da muss man ganz klar sagen: Hier hat die EU bislang keine eindeutige Antwort für gefunden. […] Die Richtlinie wird deshalb momentan überarbeitet. […] 

Es gilt als wahrscheinlich, dass es dann so durchkommt als Richtlinie, die dann aber nochmal in nationales Recht umgegossen werden muss. Auf dem Weg dahin kann noch ziemlich viel passieren, da können noch einige Dinge abgeschwächt werden. Zum Beispiel soll es weiterhin möglich sein, Selfies aus Fussballstadien darfst du weiterhin posten oder auch eine Instagram-Story aus einem Laden, in dem irgendwelche kommerzielle Musik läuft.

Aber man muss eben gucken, wohin sich das entwickelt. Beobachter sagen, es gab ja auch schon Änderungen wie das Netzdurchführungsgesetz oder die Datenschutzgrundverordnung, wo viel für den Nutzer befürchtet wurde, letztlich aber für den einzelnen Nutzer wenig auch so eingetreten ist. Das könnte hier auch so sein. Muss aber natürlich nicht.»

Fazit: Momentan lässt sich überhaupt nicht abschätzen, wie Artikel 13 in die Richtlinie gegossen wird. Auch lässt sich nicht abschätzen, wie die Umsetzung der Richtlinie auf nationaler Ebene aussehen wird. Zudem ist es gut möglich, dass etwaige Änderungen für den Nutzer beinahe unbemerkt bleiben. 

Droht wirklich das Ende von YouTube?

«Nein! Das ist sehr unwahrscheinlich. Denn eine wichtige Sache verschweigt die YouTube-Chefin Susan Wojcicki. Und das ist, dass Google über viele Jahre hinweg eine Menge Geld verdient hat mit Inhalten, an denen Google oder YouTube keine Rechte hatte.

Fernsehsender zahlen seit Jahrzehnten Lizenzgebühren an Rechteinhaber. Das ist ein ganz normales Geschäft. YouTube macht das teilweise überhaupt nicht. Dass das aber funktionieren kann, zeigt der Fall GEMA. Deshalb durfte YouTube keine Musikvideos mehr zeigen. Dann gab es irgendwann eine Einigung und jetzt funktioniert es.

Genau so könnte auch dieses Problem gelöst werden. Google müsste sich einfach mit den Rechteinhabern einig werden. Aber das kostet natürlich jede Menge Geld und einige Klagen. Deshalb macht Google etwas ziemlich Heikles: Google nutzt die Community, um eigene Interessen durchzusetzen und Lobbyarbeit zu betreiben. Denn Google weiss ganz genau: Wir sind richtig viele. Wir sind Millionen Leute. Nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Und wenn wir unseren Mund aufmachen, dann kann das durchaus Druck ausüben. […] 

Man muss aufpassen, dass man nicht einem grossen Konzern dabei hilft, Geld zu verdienen. Denn genau darum geht es Google. […] Das ist ein wirtschaftliches Unternehmen.»

Fazit: Auch wenn Artikel 13 in Kraft tritt, bedeutet das keinesfalls das Ende von YouTube. Vielmehr würde der Konzern Google in die Pflicht genommen werden, dafür zu sorgen, dass Inhaber von Urheberrechten gerecht entlohnt werden. 

Warum streut die YouTube-Chefin Ängste?

YouTube bzw. Google nutzen die Community, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Wenn YouTube sagt, mit Artikel 13 wären nur noch Videos von grossen Firmen möglich und Clips von kleinen Video-Kanälen würden für sie zu riskant, übt der US-Techgigant so Druck auf die EU aus, um das geplante Gesetz in seinem Sinne zu ändern.

Google, Facebook und Amazon, die heftig gegen Artikel 13 lobbyieren, geht es nicht um das freie Internet, sondern darum, weiterhin möglichst ungestört Geld mit Werbung zu verdienen. Und der Protest der verunsicherten YouTuber und der Nutzer ist der günstigste Weg, das Gesetz in ihrem Sinne zu ändern.

YouTube-Chefin Wojcicki hatte YouTuber vor zwei Wochen mit drastischen Worten dazu aufgerufen, in der Debatte um die EU-Urheberrechtsreform gegen mögliche Upload-Filter zu protestieren. Sie sollten sich darüber informieren, wie der umstrittene Artikel 13 der geplanten Richtlinie ihre YouTube-Kanäle betreffen werde «und sofort handeln».

Wojcicki warnte, «der Vorschlag könnte Plattformen wie YouTube zwingen, nur Inhalte von einer Handvoll grosser Unternehmen zuzulassen». Die Neuregelung könne das Internet, wie man es heute kennt, «drastisch verändern» und Hunderttausende Arbeitsplätze seien gefährdet.

Fazit: YouTube führt eine politische Kampagne und einige YouTuber verbreiten die einseitige Botschaft ungefiltert weiter. Sie haben ähnliche Videos hochgeladen und schüren so die Angst weiter.

«YouTube geht 2019 unter!»

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YouTuber Vik erzählt seinen knapp 700'000 Abonnenten: «Wir haben ein ganz grosses Problem: Es könnte nämlich sein, dass nächstes Jahr eine YouTube-Apokalypse stattfindet. [...] Es fühlt sich wie ein Horrorfilm an, ist aber Realität.» Video: YouTube/VIK

YouTube geht es darum, weiter ungestört mit Werbung Geld zu verdienen. Die YouTuber generieren mit ihren Panik-Videos Video-Aufrufe und neue Abonnenten. Sie profitieren also ebenfalls von der geschürten Panik.

Werden YouTube-Kanäle gesperrt?

Selbst die schärfste Kritikerin der geplanten Reform, die EU-Parlamentarierin Julia Reda von den Piraten, sagt gegenüber Spiegel Online: «Nichts von dem, was YouTube sagt, ist falsch. Aber es ist nur die halbe Wahrheit». Denn laut dem neuen Vorschlag der EU-Ratspräsidentschaft «wäre YouTube von einer Haftung ausgenommen, wenn es sein bisheriges Filtermodell namens Content ID auf dem Stand der Technik hält und geschützte Inhalte, die durchrutschen, nach einer Beschwerde der Rechteinhaber schnell entfernt.»

Fazit: Einigt sich die EU auf eine moderate Reform, müsste YouTube bei seinem Upload-Filter nichts ändern und bestimmt keine YouTube-Kanäle löschen.

Was sagt die EU?

«YouTube muss 2019 NICHT schliessen. YouTuber beziehungsweise Nutzer von Onlineplattformen werden auch in Zukunft weiterhin das tun dürfen, was sie heute tun», sagte ein EU-Sprecher.

Die EU-Kommission hat die scharfe Kritik von YouTube-Chefin Susan Wojcicki an der geplanten Reform des EU-Urheberrechts entschieden zurückgewiesen. Wer auch immer etwas Nützliches und Konstruktives zum derzeitigen Gesetzgebungsverfahren beizutragen habe, sei sehr willkommen, sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde am Dienstag. Diesen Prozess jedoch für die Behauptung zu nutzen, die EU wolle das Internet zerstören, sei «Unsinn».

Fazit: Wie YouTube sagt auch die EU nur die halbe Wahrheit. Jetzt zu behaupten, dass sich für die Konsumenten nichts ändern werde, ist unsachlich, da es eben noch keinen definitiven Beschluss gibt. Richtig ist, dass es YouTube 2019 garantiert weiter geben wird.

Ist es deshalb falsch, sich mit dem Thema zu beschäftigen?

«Nein. Auch Experten sind der Meinung, dass sich noch was ändern muss an der geplanten Richtlinie. Denn: Da sind fragwürdige, vielleicht auch streichungswürdige Dinge drin. […]

Es ist überhaupt nicht falsch, da die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker in die Pflicht zu nehmen und zu sagen: ‹Da müsst ihr noch was machen!›»

Fazit: Es ist nie falsch, wenn du dich mit einem Thema beschäftigst, deine Stimme erhebst und Politiker auf ihre Pflichten hinweist. Nur lass dich nicht von dystopischen Aussagen blenden und hinterfrage Motive. YouTube geht es schlussendlich schlicht darum, sein Geschäftsmodell zu schützen.

Wie geht es nun weiter?

Das europäische Parlament und der Rat, der die Regierungen der Mitgliedstaaten vertritt, sind nun dabei, unter Beteiligung der EU-Kommission einen endgültigen Text zu vereinbaren, der für alle drei Institutionen akzeptabel ist.

Die endgültige Abstimmung soll im Mai 2019 und damit kurz vor den Europawahlen stattfinden. Gegner hoffen, dass der öffentliche Protest und die anstehenden Wahlen doch noch dazu führen, dass das Gesetz gekippt wird.

Einige der erfolgreichsten Schweizer YouTuber

Renato entschuldigt sich bei Wichsern

Video: watson

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