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Analyse

Warum Donald Trump in der Debatte mit Biden einen Zaubertrank braucht

Der US-Präsident kann nicht mehr ausweichen und muss erklären, warum er in der Coronakrise versagt hat – und keine Einkommenssteuer bezahlt.
29.09.2020, 12:1929.09.2020, 13:33

Steve Bannon hat als Wahlkampfmanager vor vier Jahren Donald Trump zum Sieg geführt. Sein Motto lautete damals: «Flood the zone». Will auf Deutsch heissen: Überschütte deinen Gegner mit so vielen und widersprüchlichen Aussagen, dass er nicht mehr weiss, wo ihm der Kopf steht.

Trump hat allen Grund, in der ersten Fernsehdebatte mit Joe Biden (heute Nacht um 3 Uhr MESZ) erneut zu diesem Mittel zu greifen. Die Fakten sprechen gegen ihn und mit einer anständigen Debatte kann er keinen Blumentopf gewinnen. Zu offensichtlich ist sein Versagen in der Coronakrise.

>>> US-Wahlen: Joe Biden oder Donald Trump? Wer in den Umfragen vorne liegt

Weil Trump bis heute keine nationale Strategie auf die Beine gebracht hat, haben die USA bei weitem am meisten Tote. Zudem hat der Präsident viel zu früh auf eine Aufhebung des Lockdowns gedrängt, um die Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen.

Bringt Trump in Nöte: die «New York Times».
Bringt Trump in Nöte: die «New York Times».Bild: keystone

Doch bis heute gibt es keinen V-förmigen Aufschwung und in den Meinungsumfragen erteilt eine überwiegende Mehrheit Trump schlechte Noten für sein Corona-Management.

Trotzdem schien es noch vor kurzem, als ob die Glücksgöttin Fortuna Trump erneut gnädig gestimmt sei. Der Tod der liberalen Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg ermöglichte es dem Präsidenten, vom vermaledeiten Corona-Thema abzulenken und eine neue Front zu eröffnen.

Es sollte sich als kurze Verschnaufspause erweisen. Am Sonntag veröffentlichte die «New York Times» einen sogenannten «Blockbuster», einen Bericht, über den die ganze Nation spricht.

Sorgte nur kurz für Ablenkung: Der Tod von Ruth Bader Ginsburg.
Sorgte nur kurz für Ablenkung: Der Tod von Ruth Bader Ginsburg.Bild: keystone

Die Zeitung deckte auf, dass Trump jahrelang keine und in seinen ersten beiden Jahren als Präsident gerade mal 750 Dollar Einkommenssteuer entrichtet hat. Zudem enthüllte die «New York Times», dass der Präsident mehr als 400 Millionen Dollar Schulden hat, die bald fällig werden und für die er persönlich haftet.

Seither diskutieren Amerikanerinnen und Amerikaner belustigt darüber, wie man 70’000 Dollar für einen Coiffeur ausgeben kann und ob Trumps Frisur das Geld auch wert gewesen sei. Oder sie fragen sich besorgt, ob ihr Präsident wegen seiner Schulden erpressbar sei.

Vor allem jedoch bewegt die Tatsache die Gemüter, dass Trump mit seinem extravaganten Lebensstil weniger Einkommenssteuer als eine Krankenschwester, eine Lehrerin oder ein Feuerwehrmann bezahlte. Gerade im sogenannten «rust belt», den verarmten ehemaligen Industrieregionen im mittleren Westen der USA, kommt dies schlecht an. So erklärt John Kasich, der republikanische Ex-Gouverneur von Ohio, gegenüber CNN:

«Diese Menschen kommen knapp über die Runden und erfahren nun, dass dieser unglaubliche Mogul 750 Dollar Einkommenssteuer bezahlt hat? Ich gebe keinen Deut auf Ausreden. Das riecht schlecht.»

Der Fairness halber sei erwähnt, dass Kasich ein Never-Trumper ist, ein Republikaner, der Trump ablehnt. Am virtuellen Parteikonvent der Demokraten warb er mit einer Videobotschaft für die Wahl von Joe Biden.

Donald Trump bei einem Rally in Dayton (Bundesstaat Ohio).
Donald Trump bei einem Rally in Dayton (Bundesstaat Ohio).Bild: keystone

Die Menschen im Rostgürtel haben Trump vor vier Jahren hauchdünn zum Sieg verholfen. Nun scheinen sie sich wieder auf ihre alte Liebe zu den Demokraten zu besinnen. Umfragen zeigen, dass Joe Biden in den Bundesstaaten Wisconsin, Pennsylvania, Michigan, Minnesota und selbst in Ohio in Führung liegt. Ohne einen Sieg in diesen Staaten hat Trump keine Möglichkeit, die Wahlen zu gewinnen.

Für Trump steht somit in der Debatte sehr viel auf dem Spiel. Er muss – was eigentlich atypisch für einen amtierenden Präsidenten ist – die Rolle des Angreifers übernehmen. Er wird deshalb versuchen, mit wilden Anschuldigungen Biden aus der Reserve zu locken.

Trump hofft, dass sein demokratischer Herausforderer die Nerven verliert und sich mit ihm im Dreck wälzt. Daher wird er Hunter Biden und dessen zweifelhafte Rolle bei einem ukrainischen Erdgaskonzern aufs Tapet bringen. Biden reagiert äusserst gereizt auf Angriffe auf seinen Sohn.

Biden dürfte jedoch dieses Szenario bis zur Verblödung in den Debattenproben durchgespielt haben. Dass er darauf hereinfällt, dürfte daher unwahrscheinlich sein. Zudem ist das Thema Ukraine auch für Trump heikel. Er wurde deswegen immerhin impeached.

Ihn wird Trump ins Spiel bringen: Hunter Biden.
Ihn wird Trump ins Spiel bringen: Hunter Biden.Bild: sda

In vergangenen Debatten haben oft scheinbar unwesentliche Details den Ausschlag gegeben. So hat Richard Nixon seinerzeit gegen John F. Kennedy verloren, weil er sich stets den Schweiss von den Augenbrauen gewischt hat. George Bush sen. hat gegen Bill Clinton zur Unzeit auf die Uhr geschaut, und Al Gore im Duell mit George Bush jun. zu oft die Augen gerollt.

Bei der Debatte zwischen Trump und Biden dürften solche Kleinigkeiten kaum eine Rolle spielen. Zu viel steht auf dem Spiel. Mit der lächerlichen Begründung, sein Kontrahent würde wie ein Boxer oder Velofahrer gedopt werden, hat Trump gar einen Drogentest verlangt.

Dabei hat der Präsident mit seinen dämlichen Angriffen auf «Sleepy Joe» schon im Vorfeld einen schweren strategischen Fehler begangen. Er hat die Erwartungen an seinen Gegner nach unten geschraubt. Zudem vergrault er mit Angriffen auf den angeblich senilen Biden die älteren Wähler, die mit den gelegentlichen Versprechern Bidens kein Problem haben. Und die älteren Wähler werden die Wahlen entscheiden. Fragt Bernie Sanders!

Will er noch eine Chance haben, das Rennen zu gewinnen, muss Trump über sich hinauswachsen. Er ist es, der dringend einen Zaubertrank braucht.

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